Abmahnung für die Sportschau?

Ich werde es einfach mal versuchen. Ich schicke dem Justiziar der ARD eine Abmahnung mit saftiger Zahlungsaufforderung. Im Namen der „Erbengemeinschaft Paul Tarsus“ werde ich die Verletzung der Urheberrechte des Verstorbenen zum Schaden seiner Erben feststellen, begangen in der Sportschau der ARD, anlässlich der Berichterstattung über den 30. Spieltag der Saison 2014/15 der 1. Fussball-Bundesliga.

Ich werde rügen, dass die Redaktion – konkreter Täter namentlich unbekannt – die Berichterstattung über den aktuellen Abstiegskampf unter der Überschrift: Glaube – Liebe – Hoffnung“ präsentiert hat. Als Zeugen werde ich mindestens 5 Millionen volljährige Bundesbürger männlichen Geschlechtes, sowie eine kleinere, aber auch nicht unerhebliche Zahl fußball-affiner Frauenspersonen benennen.

Ich werde geltend machen, dass das genannte Zitat rechtswidrig, d.h. ohne eine nach dem Urheberrecht gebotene Gebührenzahlung dem literarischen Werk des verstorbenen Paul Tarsus entnommen worden ist – zu Täuschungszwecken in umgestellter Folge der Worte „Liebe“ und „Hoffnung“ . Zum Beweis meiner Beanstandung verweise ich auf das Werk „Erster Korintherbrief, Kapitel 13, Vers 13“ von Paul Tarsus.

Die Täuschung vermag die Tat nicht zu verschleiern. Das verhindert schon die weltumspannende Bekanntheit der Worte von Paul Tarsus. Es muss unterstellt werden, dass in der großen Sportschau-Redaktion Menschen an der Planung der Sendung beteiligt waren, die wussten, dass hier geistiges Eigentum des Verstorbenen zur Steigerung der Spannung bei den Zuschauern genutzt wird – und damit zur Steigerung der Quote und somit auch zum wirtschaftlichen Vorteil der ARD. Die Hinterhältigkeit des Täuschungsversuchs zwingt mich zu einer Verdoppelung der Mahngebühr.
Gut so? Ich weiß, die mächtige ARD wird vielleicht nicht sofort zahlen – oder auch gar nicht. Aber mich kostet der Versuch nur einen aus dem Internet zusammengestoppelten Briefbogen und eine Briefmarke.

Vielleicht ist ja auch weniger albernen Zeitgenossen, als ich es bin, das Paulus-Zitat samt dem absichtlichen Dreher als Aufputschmittel für Sportschaugucker aufgestoßen. Wieder ein Beispiel dafür, wie Kernsätze der Bibel unbemerkt in die Fundamente der nachchristlichen Gesellschaft einsickern; einfach, weil sie toll sind und weil manche Leute sie im Hinterkopf haben, ohne noch die Quelle zu kennen. Nonnen und Pfarrer, insbesondere die geheimnisvolleren katholischen, sind immerhin auch noch serienfähig, als Heinzelmännchen einer himmlisch ferngesteuerten Welt, in der am Ende doch noch alles gut wird.

Dem Satz des Paulus von Tarsus ist in der Fußball-Redaktion allerdings wirklich Gewalt angetan worden. Wie im Original nachzulesen, hat Paulus unmittelbar davor sein kraftvolles, zugleich nüchternes, forderndes, leidenschaftliches Gedicht über die Liebe – nicht den Sex – als Fundament unserer Beziehungen niedergeschrieben. Und dann folgt jener Satz, der die Dinge aus seiner Sicht ein für allemal in ihre Ordnung bringt – in der aktuellen Luther-Übersetzung: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, weshalb viele Brautpaare das sog „Hohelied der Liebe“ bei ihrer kirchlichen Trauung hören möchten. Die Pastoren haben dann das Problem, den Horizont nicht zu eng werden zu lassen.

Im Abstiegskampf ist es die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Darum die redaktionelle Bastelei am Paulus-Zitat: das Wichtigste zum Schluss! Aber der Jesus-Fan und erste Star der christlichen Theologie, Paulus von Tarsus, wollte über den Primat der Liebe reden. Diese Liebe, in die ich lebenslang überhaupt erst hineinwachsen muss, hat doch recht wenig mit der stimmungsanfälligen und manipulierbaren Liebe des Fans zu seinem Klub, in meinem Fall zu Preußen Münster, zu tun. Und – blöde Sache – wollte man diese Liebe wirklich auf den Fußball übertragen, müsste man sie auch für Spieler und Fans der gegnerischen Mannschaft gelten lassen. Dann macht Fußball wo möglich nur noch halb so viel Spaß!

Aber lassen wir das. Sollte der Justiziar nachfragen, bevor er zahlt, werde ich eingestehen, dass mein Mandant so um 64 nach Christus zu Tode gekommen ist. In Ermangelung leiblicher Nachkommen dieses in Frauensachen ziemlich herum drucksenden Junggesellen werde ich notgedrungen die Weltchristenheit als Erbengemeinschaft benennen. Schließlich haben wir manches von den Texten dieses Autors in unsere Bibel übernehmen dürfen.

Die Mahngebühr stifte ich dann gern für die Reisekasse eines ARD-Team in die Heimat des Paulus von Tarsus im Süden der Türkei, an der syrischen Grenze. Über das, was heute dort geschieht, müssen wir im Bilde sein. Liebe und Hoffnung werden unseren Mitmenschen dort mit entsetzlicher Gründlichkeit ausgetrieben.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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