Agathe – eine zu Tode gefolterte Frau

 

Beitrag für den Gemeindebrief einer Ev. Kirchengemeinde in Magdeburg

Nein, sie waren nicht verheiratet, die Heiligen Eustachius&Agathe, die der Kirche und der Kirchengemeinde im Stadtteil Diesdorf den Namen gegeben haben. Die nicht ganz lebensfremde Vermutung eines treuen Gemeindegliedes kann allein deshalb nicht zutreffen, weil die beiden, wenn sie denn beide wirklich Personen der Kirchengeschichte sind, in verschiedene Jahrhunderte gehören. Der eher legendenhafte Eustachius, der Standhafte, soll mit seiner ganzen Familie bald nach 117 den Märtytertod gestorben sein. Die Sizilianerin Agatha von Catania ist hundert Jahre später geboren und mit etwa 25 Jahren zu Tode gefoltert worden. Auch die sie betreffende Überlieferung ist ins Legendenhafte gewuchert. Aber es kann doch ein reales Frauenleben dahinter stehen.

 

Agatha soll in eine christliche sizilianische Oberschichtfamilie hinein geboren sein. Den Heiratsantrag eines nichtchristlichen Politikers lehnte sie ab, weil sie als Ledige ihr Leben in den Dienst Gottes stellen wollte. Der wütende Politiker lässt sie darauf hin ein Jahr lang in ein Bordell einsperren. Als sie sich danach immer noch weigert, ihm zu Willen zu sein, lässt er ihr die Brüste abschneiden. So, mit einem Teller, auf dem ihre Brüste liegen, bildet die Malerei die Heilige Agathe üblicherweise ab.

 

Doch weiter: nach der Zwangsamputation erscheint des nachts Petrus, der Apostel, und verbindet Agathe ihre Wunden. Rasend vor Wut lässt der Politiker die Unbeugsame darauf hin auf glühenden Kohlen zu Tode foltern.

 

Ein Jahr nach ihrem Tod bricht der sizilianische Vulkan Ätna aus. Die geängstigte Bevölkerung von Catania zieht dem Lavastrom entgegen und schwenkt dabei den Schleier der Märtyrerin. Die Lava kommt zum Stehen und verschont die Stadt. Im Dom von Catania werden heute Agatha-Reliquien verehrt. Ein Kloster präsentiert eine Schädeldecke als die ihre.

 

Eine weitere Legendenwucherung lässt Agatha vor ihrem Tod noch den Weg zur Insel Malta finden, wo sie heute die Würde der nationalen Schutzpatronin bekleidet.

 

Etliche Berufe haben die heilige Agathe zu ihrer Patronin erkoren. Nachdenklicher macht mich, dass sie wohl schon seit Generationen für Frauen Bedeutung hat, die von Brusterkrankungen, also Brustkrebs und anderen Diagnosen betroffen sind.

 

Eins von diesen Agatha-Gemälden mit dem Brüste-Teller habe ich mir in Ruhe anzusehen versucht. Eine junge Frau in offensichtlich himmlischer Entrücktheit. Den gruseligen Teller mit den makellosen Amputationsstücken hält sie dem Betrachter völlig unbefangen entgegen. Sie hat ja das Ihre vollbracht. Sie sieht es die Märtyrer-Theologie. So sieht es der Maler aus dem 17. Jahrhundert.

 

Ich kann es so nicht sehen. Dafür erreichen mich viel zu viele Nachrichten von sexualisierter Gewalt und Folter aus den Kriegen und Bürgerkriegen unserer Tage. Gefolterte und verstümmelte Frauen sind kein Betriebsunfall gegenwärtiger Kriege. Sie sind Methode, Lehrplaninhalt auf Folterakademien. Und die Opfer sind nicht nur im Kongo oft junge Frauen, die zum Ganzen unserer Kirche gehören, wie die ferne Agathe. Aber die Schreie einer junger Muslima, eines Hindu-Mädchen oder einer Religionslosen klingen in Gottes Ohr nicht erträglicher.

 

Wie viel muss geschehen an Trost, an Umkehr und an praktischen Engagement, damit so ein seltsam den Verbrechen entrücktes Bild entstehen kann, wie die Gemälde der heiligen Agathe mit ihrem Teller. Aber fangen wir wenigstens an.

 

P.S. Früher, als die Winter noch zuverlässige Winter waren, hat Agathe auch zu den Bauernregeln beigetragen. Ihr Gedenktag ist der 5. Februar. Und bezogen auf dies Datum hieß es: „Sankt Agatha, die Gottesbraut, macht, dass Schnee und Eis gern taut.“ Am Agathe-Tag bekommt ein strenger Winter also seine ersten Risse.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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