Bier und Flüchtlinge: eine verpasste Gelegenheit im Zug

Der halb leere Regionalzug bummelt durch die Mark Brandenburg. Gegenüber auf der anderen Gangseite hat sich eine Viererbande der Frührentner-Generation hingehauen. Die Ablage  und ein Teil der Sitzflächen sind voll gepackt mit geknickten und noch vollen Bierdosen. Entsprechend laut und ungebremst die Unterhaltung: sie schimpfen über Flüchtlinge, ohne das Wort zu benutzen. Stattdessen bekomme ich, auf rund 20 Kilometer Bahnfahrt gestreckt, einen ganzen Kübel von Unflat aus der Polit-Kloake zu hören. Ob der Wettbewerb um die übelste Nachrede dem Alkoholpegel geschuldet ist – oder ob die Kerle überzeugt sind, dass es das gute Recht des Deutschen ist, Fremde lauthals mit Beleidigungen aller Art zu überziehen?

Ich überlege, ob und wie ich reagieren soll. Aber da kommen drei jüngere Männer durch den Gang auf uns zu, offensichtlich auf Platzsuche. Keine Südeuropäer, eher Orient, irgendwas zwischen Palästina und Afghanistan. Es sind wohl nur drei bis fünf Sekunden, die die Saufgemeinschaft und die schwarzhaarigen Bahnreisenden sich sehen können. Ich höre eine Stimme „Deutschlaaand“ grölen –  dazu den Stinkefinger hochgereckt. Mindestens ein zweiter Finger schnellt noch in die Höhe. Dann sind die drei vorbei. Sie wählen keinen der vielen freien Sitzplätze, sondern verschwinden hinter der Tür im nächsten Waggon.
Jetzt versuche ich es doch. Vielleicht ist es die Bierschwere, die die Männer auf ihren Plätzen hält. Jedenfalls werden sie nicht aggressiv. Einer mit Altersglatze versucht mir, nur wenig lallend, zu erklären, weshalb er Asylanten Scheiße findet. Erst gestern hat die Tagesschau wieder einen Beweis geliefert. Diese Schweine, konstatiert er, lassen ja ihre eigenen Leute im Meer ersaufen: Er meint offensichtlich die Weigerung der islamischen Länder Malaysia und Indonesien, muslimische Bootsflüchtlinge aus Myanmar zu retten und aufzunehmen. „Wetten, dass die am Ende alle bei uns landen! Deine Rente fressen die auch noch auf.“
Flüchtling und Muslim sind auch für diesen Mann offenbar deckungsgleich, im ostdeutschen Pegida-Land eher der Normalfall. Blöd, dass ich nicht mehr richtig zu Wort komme. Der Zug bremst und meine Gegenüber rappeln sich hoch. Sie schaffen es gerade noch, volle und leere Bierdosen zu unterscheiden. Die leeren bleiben liegen. Und mit zwei weiteren „Deutschlaaand“-Brüllern sind sie draußen.
Ich bleibe reichlich belämmert sitzen. Mein Altmännergesicht hat offenbar ihren perversen Beschützerinstinkt geweckt. Du armer Hund, den die Asis demnächst noch in den Hunger treiben werden. Verdrehte Welt! Wären wir noch bis Berlin zusammen gefahren, hätte ich ihnen wenigstens noch Auge in Auge  das Erlebnis eines Widerspruchs  verschaffen können.
Ich hätte versucht, die Gesichtslosigkeit der südasiatischen Bootsflüchtlinge mit ein paar Tatsachen über das in seiner nackten Existenz bedrohte Volk der Rohinya in Myanmar, ex Burma zu beheben. Ich hätte bestätigt, dass die weitestgehende Verweigerungshaltung der islamischen Mächte Malaysia und Indonesien und des buddhistischen Thailand unmenschlich und völkerrechtswidrig ist. Vor allem aber hätte ich die unsinnige Fusion von Flüchtling und Muslim nicht stehen lassen.

An den Küsten EU-Europas ist die Wirklichkeit anders. Nach simpler Wahrscheinlichkeitsrechnung sind aus den Kriegs- und Armutsregionen Afrikas mehr Menschen christlichen Glaubens zu erwarten als Muslime oder Anhänger anderer Weltanschauungen. Afrika ist der Kontinent der wachsenden christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Das heute überwiegend muslimisch geprägte Nordafrika verdeckt wie eine große Sichtblende den Blick auf die Welt der größten Glaubensgemeinschaft des Kontinents, der christlichen Kirchen. Und auch im Nahen und Mittleren Osten war es bis in die schreckliche Gegenwart hinein ganz normal, Syrer und Christ; Irakerin und Christin zu sein.
Nur, werden die christlichen Afrikanerinnen und Afrikaner meiner bierseligen Kampfgruppe ihrer Religion wegen auch nur um einen Deut willkommener sein? Das wäre zu viel der Hoffnung; zumal Pegida-typische Abendländer ihrerseits recht selten mit der Weltsicht des Jesus von Nazareth etwas am Hut haben.
Soviel Wahrheitsliebe muss schon sein: wenn muslimische Machthaber in Südasien muslimische Flüchtlinge vor ihren Küsten zugrunde gehen lassen, dann müssten sich das europäische Politiker, die erklärtermaßen Christen sind, wohl auch sinngemäß vorhalten lassen. Also: raus mit den pseudoreligiösen Wurfgeschossen aus unserem Streit um eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik!

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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