Champions-League-Finale: Wohin damit?

 

Wie gut, dass Lady Margret Thatcher das nicht mehr erleben musste: zehntausende siegeshungriger Deutscher demnächst in ihrer City of London – und weit und breit kein britischer Löwe, der ihnen noch siegreich die Zähne zeigen kann! Klar, es geht nur um Fußball im Mai. Und britische Hooligans lassen auf dem Kontinent regelmäßig gemeingefährlich die Sau raus. Aber die Liste der Beleidigungen für Untertanen Ihrer Majestät, zu denen der eine oder andere besoffene deutsche Fan in Rot oder Gelb-Schwarz fähig wäre, ist lang. Ich will da keinen Nachhilfeunterricht erteilen.

 

Die Leib- und Magenblätter der britischen Volksseele arbeiten deutsch-britische Fußballtermine seit Jahr und Tag in Kriegsberichterstatter-Sprache ab. Was Wunder, hat Lady Margret doch Millionen von Landsleuten, denen Hitlerdeutschland ihre Jugend komplett verdorben und mit Tränen überschwemmt hat, so, wie ihr selbst. So etwas wird am Ende Politik, auch wenn die Premierministerin ihren Kampf gegen die ganz schnelle deutsche Vereinigung schließlich verloren hat.

Die „Krönungsmesse“ des deutschen Bundesliga-Fußballs ausgerechnet in Wembley? In der einzigen Hauptstadt Europas, die neben Moskau ihre Freiheit erfolgreich gegen die Nazityrannei verteidigt hat? Klar doch, bei der UEFA zucken sie mit den Schultern und verweisen auf ihr Regelwerk. Zwei deutsche Profimannschaften im Endspiel, das ist Jahr für Jahr immerhin wahrscheinlicher als ein AKW-Gau. Damit muss jeder Verband rechnen, der sich um den Zuschlag fürs Finale bemüht. Diesmal ist der politisch-psychologische Ernstfall eben eingetreten.

 

Oder sollte man Britannia diese banale Schmach vielleicht doch ersparen? Das Spiel verlegen und den britischen Fußballverband aus der UEFA-Kasse entschädigen? Verlegen, aber wohin? Paris war Urlaubsort für Hitlers Russlandkämpfer. Rotterdam lag in Trümmern: Prag stöhnte unter SS-Terror. Warschau war die Hölle. Über der Akropolis wehte die Hakenkreuzfahne – usw. den europäischen Horizont entlang. Nirgendwo haben die Alten Grund, jungen Deutschen eine wilde Fußball-Party zu arrangieren. Die Auswahl an Ausweich-Stadien wird noch einmal deutlich kleiner, nimmt man all die Menschen hinzu, die sich heute ihre soziale Not, ihre Arbeitslosigkeit mit deutscher Machtpolitik erklären. Besser kein deutsches Finale in Lissabon, Rom, Madrid, Dublin, Nikosia. Selbst Eidgenossen mögen derzeit spezielle Gründe haben, sich deutsche Fangesänge vom Leib zu halten. Bleibt nur Wien, für den Fall der Fälle. Die haben schließlich 1938 etwas zu laut gejubelt, als der Führer sie heimholte ins Nazireich. Sollte die UEFA mal mit dem Österreichischen Fußballverband reden, wenigstens für den Wiederholungsfall?

 

Oder wäre der Ball schon im Tor, wenn sie sich in München und Dortmund einverstanden erklären würden, nur Spieler nichtdeutscher Staatsangehörigkeit auflaufen zu lassen? Experte bin ich ja keiner, aber wenn ich die Sportschauberichte richtig im Ohr habe, müsste das bei gutem Willen doch gehen. Elf Internationalistas haben ja wohl beide Teams auf der Gehaltsliste. Kreisklasse wäre das jedenfalls nicht.

 

Was tun also? Am besten einmal tüchtig schütteln, den alten Kopf. Der hat seit frühen Kindertagen eine Lawine von Opferaussagen, Prozessakten, Tatsachenberichten, Holocaust-Dokumentationen, Wahnideen in Bild und Ton aus den Jahren des Verbrecherstaates zu verarbeiten gehabt. Ich weiß viel, inzwischen. Aber damit weiß ich automatisch auch viel darüber, wie es Menschen ergangen ist, die überall in Europa zu Opfern Nazideutschlands geworden sind. Über deren Leben das Hakenkreuz weiter wie ein Menetekel gehangen hat, auch nach ihrer Befreiung. Die gar nicht anders konnten, als ihren Horror, ihre Wut auch in das Europabild der Jüngeren einzupflanzen, ihrer Kinder und Enkel. So eine Biographie macht hellhörig für Deutschfeindlichkeit. Pech der Geburt zwischen den Zeiten!

 

Einmal paar mal kräftig den Kopf geschüttelt, lichtet sich der Nebel. Nach Wembley strömen die Enkel und Urenkel derer, die Hitler „gegen Engeland“ jagte. Neonazistische Sprücheklopfer haben bei ihnen kaum je eine Chance – auch wenn ich ihren Kenntnissen unserer Geschichte nicht so recht über den Weg traue. Junge EU-BürgerInnen beschnuppern sich schon lange nach dem Typ, nicht nach dem Pass. Was eine Erbfeindschaft ist, muss man ihnen mühsam erklären – abgesehen von manchen Regionen der Balkan-Halbinsel vielleicht.

 

Nichts von dem, was ich als Deutscher des Jahrgangs 1940 zu beherzigen lernen musste, ist für die Katz. Da bin ich mir sicher. Aber es ist doch wohl an der Zeit, dass wir der übernächsten Generation ihr Europa lassen, mit Fun und Stress, vielleicht auch mit dem einen oder anderen peinlichen Mai-Foto rund ums Wembley-Stadion. Das ist tausendmal erträglicher, als Eiserne Kreuze für Bomben auf London. Und wenn sich die Briten von heute immer wieder mal ihr Herz erwärmen wollen an der Radiostimme des unerschütterlichen Winston Churchill? Okay! Mehr Worte sind nicht nötig.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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