Eine wunderschöne Absichtserklärung: UNO-Entwicklungsziel Nr. 13

Logo_of_the_United_Nations_Conference_on_Sustainable_DevelopmentMir will scheinen, es ist vor allem freundliche Ironie, mit der Engagierte und Sachkundige die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für die Jahre 2016-2030 begrüßen. Eine Welt, in der diese siebzehn hehren Ziele Wirklichkeit geworden wären, ließe ja wirklich kaum Wünsche offen, menschenrechtlich, friedenspolitisch, ökologisch. Dabei wissen alle, aufmerksame BürgerInnen eingeschlossen, dass da eine wunderschöne Absichtserklärung das Licht der Welt erblickt hat, nicht weniger als das, aber eben auch nicht mehr.
Eine ordentliche politische Allgemeinbildung reicht schon aus, um darauf zu wetten, dass es im September bei der feierlichen Ratifizierung der Ziele nicht eines geben wird, bei dem nicht etliche Regierungen ihren stillen Vorbehalt geltend machen werden; nicht viel seriöser als wir spielenden Kinder, wenn wir ein großes Ehrenwort mit dem Blitzableiter-Trick auszutricksen versuchten.

Beispielsweise kann ich mir bis jetzt nicht vorstellen, dass sich EU und deutsche Regierungen dem Ziel Nummer acht konsequent verschreiben werden: „Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Jobs fördern.“ Das ginge ja wohl nur, wenn sie ihre Export-Subventionspolitik und andere Druckmittel ungenutzt ließen, mit denen sie afrikanische Agrarmärkte zu Lasten afrikanischer Bäuerinnen erobern.

Aber vielleicht entpuppt sich das Ziel Nr. 13 ja als die große Ausnahme: „Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen.“ Ob noch eine einzige der 193 UN-Mitgliedsstaaten-Regierungen die Dreistigkeit besitzt, vor aller Welt als Klimawandel-Leugner zu posieren, weiß ich nicht – vernunftwidrige verbale Keulenschläge in Wahlkämpfen und persönliche Ignoranz von Machthabern natürlich zugestanden.
Die Zeitvorgabe „sofort“ legt sich nahe, weil das viel beschworene Zwei-Grad-Ziel von der weltweiten Community der Klimaforschenden eigentlich schon ad acta gelegt ist. Nicht mehr als zwei Grad Erderwärmung im Verlauf des 21. Jahrhunderts, gemessen an den Werten vor der globalen Industrialisierung, das ist bei dem tatsächlichen Schneckentempo ergebnisorientierter Klimapolitik schon nicht mehr erreichbar, sagen sie.

Weil nicht sein soll, was nicht sein darf, bleibt das Zwei-Grad-Ziel aber offiziell in Kraft. Das „sofort“ im Ziel Nr. 13 ist der ziemlich angeschlagenen Glaubwürdigkeit geschuldet.

„Sofort“ ist z.B. nicht zu früh, wenn es um die Zukunft der kleinen pazifischen Inselnationen geht, die ihre Heimat durch den steigenden Meeresspiegel verlieren werden. Es geht ja um erheblich mehr als nur darum, rechtzeitig die sieben Sachen zu packen und Umwelt-Asyl in glücklicheren Nachbarländern anzunehmen. Der Umzug der alles in allem einigen Hunderttausend muss im 21. Jahrhundert so vonstatten gehen, dass wir übrigen sieben Milliarden nicht unbeteiligte Zaungäste bleiben. Die Menschheit etwas gelehrt zu haben, wenigstens auf diese Rückenstärkung haben die Klimaflüchtlinge ein Recht.

„Sofort“ ist nicht zu früh, wenn es um den Beitrag von Politik und Bürgern der USA zum Kampf gegen den Klimawandel geht. Außer dem großen Wort vom Führungsanspruch der Weltmacht in diesem Kampf, gesprochen beim Machtantritt der Obama-Administration vor sechs Jahren, ist bisher nicht viel gewesen. Seit dem 3. August 2015 kennt die Welt jetzt Obamas „Clean Power/ Saubere Energie- Plan.“ Sauber, klar dass sie da jenseits des Atlantik zuerst an die mindestens 600 Großkraftwerke auf Kohlebasis denken, die einer Klimaschutznation wie Mühlsteine um den Hals hängen müssen. Aber machen wir uns nichts vor: Clean, sauber, der Begriff bucht jeden Atommeiler zwischen Kanada und den Sümpfen Floridas als Pluspunkt.

Meine spontane Solidarität gilt ohnehin eher den einfachen Bürgerinnen und Bürgern, ohne die es noch weniger gehen wird als ohne die politischen Impulsgeber. Wie sollen die gierigsten 300 Millionen Energieverbraucher auf Erden, die gar nicht wissen, dass sie es sind, – die wenigstens nichts dabei finden -, je gutwillig und lebensbejahend nennenswerte Abstriche an ihren Konsummarotten machen, wenn sie nicht in immer öfter auf sympathische Nachbarinnen und Nachbarn stoßen, die ihnen einen sich ändernden Way of Life vorleben?

Beinahe hätte ich´s vergessen. Sofort ist nicht zu früh, um wieder mal nach meinem angemessenen Beitrag zur Erfüllung der Klimaschutzziele meines Landes zu fragen. Ohne mich und meine 80 Millionen Landsleute ist wird eine „Klimakanzlerin“ ja ziemlich schnell zur Karikatur.

Also konkret: mein älterer Röhrenfernseher ist noch tipp-topp. Aber so ein modernes HD-Heimkino mit großem Flachbildschirm, das wär´s doch! Mein Konto ist liquide. Der Zuspruch aus der weiteren Familie aufmunternd. Aber der vermaledeite „Rebound-Effekt“ lässt sich nicht einfach verscheuchen: intakte alte Technik ersetzen durch verlockende neue, führt mit ärgerlicher Regelmäßigkeit zu negativen Energie- und damit Klimabilanzen. Zwei solcher Investitionsentscheidungen pro Jahr und erwachsenem Bundesbürger: das wird den Wirtschaftsminister jubeln lassen und unsere Klimabilanz tiefer abstürzen.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
Dieser Beitrag wurde unter Kommentare, Ökologie, Serie abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.