„einfach leben“? Skurrile Verzögerungseffekte

Bei meiner ersten Berührung mit der Arbeit von „Brot für die Welt“, Ende 1959, passten die Werbe- und Infomaterialien der nagelneuen Aktion noch mühelos in einen einzigen Aktenordner. Alle Interessierten konnten sich rasch in etwa den gleichen Informationsstand aneignen. Es gab gab noch nicht das delikate Problem der Alten und der Jungen, der Traditionsträger und der „Neuen“, die sich heute bei vielen Gelegenheiten an die Köppe kriegen können.
Ich darf unterstellen, dass dies Intimproblem in all den großen Bürgerinitiativen bekannt ist, die ihre Arbeit in dem Jahrzehnt nach dem Fußballwunder von Bern 1954 aufgenommen haben; damals als wir Deutschen wieder Luft und Lust hatten, über unsere Grenzen hinweg zu blicken; als unser Kurzzeit-Gedächtnis noch funktionierte; als ein Student wie ich z.B. noch die angeschlagene Emailletasse hätte malen können, in der er zehn Jahre vorher die letzten Schulspeisungen zugeteilt bekommen hatte. Oft genug hatte ich gehört, dass Christen aus Schweden und Amerika das bezahlen.
Dass nahezu eine ganze Lebenszeit seitdem vergangen ist, beweisen Nachrichten vom Eintritt der Jungen in die wohlverdiente arbeitsfreie Altersteilzeit. Als junge Leute haben wir Vierzigjährigen einst die Endzwanziger im hauptamtlichen Team von „Brot für die Welt“ empfunden. Waren sie ja auch!
Und wie es sich für junge Leute gehört, standen sie für den Ruf nach Weiterentwicklung; Horizonterweiterung, Erneuerung. Zwanzig Jahre „Brot für die Welt“-Sammlungen und Heiligabendkollekten im Wirtschaftswunderland Deutsch-West stellten zwingend ein paar politische Gewissensfragen: wie hängen Hunger und Überfluss zusammen? Geht es vielleicht nicht so sehr um unsere Spendenbereitschaft, sondern mehr noch um unsere Ansprüche? Lebensstilfragen, würde man heute sagen. „Wort des Jahres“ war das 1978 sicher nicht.
Was heraus kam, war Anno 1978 die „aktion e – einfach leben, einfach überleben.“ Ein erster hoffnungsvoller Versuch, unser Konsumverhalten mit Liebe zum Detail und globaler Perspektive zu beschreiben; in dicken Recyclingpapier-Magazinen, mit einer Menge Praxistipps, wie es anders gehen könnte. Aktion hieß das Ganze wohl als Reverenz vor dem, was längst Teil der evangelischen Welt in beiden deutschen Staaten geworden war, eben der „Aktion“ Brot für die Welt; aber ganz sicher auch in engem Einvernehmen mit Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

36 Jahre danach geht wieder einer dieser jungen „aktion e“-Leute in die Altersteilzeit – ohne dass, wie er hoffte, die historische Übung in zukunftsfähigem Lebensstil noch einmal herausgekramt, gewürdigt, kritisiert, bedacht, vielleicht sogar eines Revivals gewürdigt worden wäre, nach 25, nach 30 Jahren, wie auch immer. Wie heißt es so ernüchternd in den biblischen Josephsgeschichten? „Es kam ein Pharao, der kannte Joseph nicht mehr.“
Ich selber kann mit der andauernden Archivierung der „aktion e“ bei „Brot für die Welt“ leben. Aber ich gehörte lediglich zu ihren Nutznießern, ihren Schülern, nicht zu ihren Designern. Und 2014 ergäbe es eine lange Liste, wollte man nur die Namen aller Initiativen untereinander schreiben, die allein in unserer Kirche im Sinn der historischen „aktion e“ wirken. Gemeinschaften und Einzelne bekommen da Impulse, Rippenstöße, Inspirationen für fast jeden Lebensbereich, globales Networking inklusive. Das Anliegen ist putzmunter, auch wenn der Traditionsname nicht mehr genannt wird.
Die „aktion e“ hat Nachwuchs bekommen, noch und noch. Meine Not ist eine andere. Die Lebenseinstellung, für die die „aktion e“ und ihre bunte Nachkommenschaft werben, ist seit 1978 um keinen Deut mehrheitsfähiger geworden. Wir Deutschen haben uns gegen den globalen Trend in der letzten Generation kaum vermehrt. Aber unser Griff nach den gemeinsamen Lebensmitteln der Menschheit, den essbaren und den anderen, ist in dieser Zeit gieriger und verhängnisvoller geworden.
Wir waren nicht die einzigen Täter, beileibe nicht. Aber die Spuren unserer Ansprüche, unseres Konsums, unserer Politik sind unleugbar in ganz unterschiedlichen Tabellen zu finden. Egal, wen wir fragen: Schuldenfachleute; Rüstungsexport-Kritiker; EU-Kenner; Tourismus-Insider; Menschenrechts-Aktive; Fairhandels-Leute, Ernährungs-Spezialisten, Klima-Forscher, Flüchtlings-Unterstützer. Sie alle haben ihre Kennzahlen, denen zufolge die Welt am deutschen Wesen weniger denn je genesen kann. Wenn jemand auf Kosten aller über seine Verhältnisse lebt, dann die Wohngemeinschaft Schwarz-Rot-Gold, und zwar erheblich eklatanter, als noch 1978.

Die Verzögerungseffekte in Sachen „einfach leben“ sind mitunter skurril. Ich erinnere mich, dass wir um 1978, unabhängig von der „aktion e“, die Jutetasche aus Bangladesch zur Botschafterin einer Wende ernannten. „Jute statt Plastik“, hieß der Slogan, mit dem sie eine gewisse Prominenz erwarb. Ich selber ließ meine damals noch 100-Kilo-Hüften in Fußgängerzonen kreisen; statt wie Josephine Baker mit einem Bananengürtel, bekleidet mit einem Gürtel, auf den die damalige Plastiktüten-Jahresration eines Deutschen aufgefädelt war. Wir hatten viele vergnügte Gutwillige auf unserer Seite und rechneten bei dieser gesellschaftlichen Kleinigkeit mit einem flotten Erfolg.

Die Horrormeldungen von provinzgroßen Plastikteppichen in den Ozeanen, gespenstischen Todesfallen für Abermillionen Meeressäuger und Vögel, warteten noch Jahrzehnte in der Zukunft. Heute bilden sie den schauerlichen Background für den x-ten Versuch, den Plastiktütenkrieg endlich zu gewinnen. Was soll mit den ganz dicken Brettern werden, wenn wir nicht mal mit solchen Brettchen fertig werden?
Was also zählt noch, 36 Jahre nach dem ökumenischen Selbstversuch der „aktion e“? Woran sollen wir uns halten, der frische Altersteilzeitler und ich, der fortgeschrittene Rentner? An die Hoffnung auf kollektive Einsichten in letzter Minute? An Bruder Martins legendäres Apfelbäumchen? An die Tatsache, das keine Zeile der Bibel uns garantiert, wir würden die Welt retten? An den Trost, dass wir nicht, wie der arme Atlas, die ganze Welt auf unsere Schultern laden müssen? Daran, dass jeder Tag und jedes Jahr ihre eigene Herausforderung haben, an die wir uns sinnvoller weise halten? Daran, dass gerechter Lohn, befreite Gefangene, ein nicht vergifteter Fluss immer zählen, egal wann und wo? Ganz leer ist das Glas der Hoffnung offensichtlich nicht, randvoll wahrhaft auch nicht. Das war immer schon so. Aber auf der Zielgerade des Lebens kommt die Ungeduld dazu.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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