Eustachius – der Standhafte

 

Beitrag für den Gemeindebrief einer Ev. Kirchengemeinde in Magdeburg

Für den zugezogenen Wessi ist diese Tradition etwas gewöhnungsbedürftig: auch evangelische Kirchen in Mitteldeutschland tragen oft Widmungsnamen von Heiligen mit einem „Sankt“, abgekürzt St., davor. In meiner westfälischen Heimat muss man schon Evangelist, Apostel oder ein Held der evangelischen Kirchengeschichte sein, um einem Gotteshaus seinen Namen zu leihen.

 

Wer unser Pfarramt anruft, gerät manchmal an den Anrufbeantworter, der ihm mitteilt, dass er hier ganz richtig sei, nämlich im Pfarramt der Evangelischen Kirchengemeinde St. Eustachius und Agathe Magdeburg.

 

Ich wollte es gern etwas genauer wissen und hab mal nachgefragt – bei einigen aus dem harten Kern der Gemeinde: „Was ist das für ein Eustachius?“ Denn im Münsterland, in meinem stockkatholischen Heimatdorf, da hatten wir´s mit den Heiligen Joseph, Ludger, Clemens und als Top-Favorit Bonifatius zu tun. Ein Eustachius ist mir nicht erinnerlich. Aber auch die Leute rund um den Eustachius-Kirchturm konnten mir nicht weiterhelfen. „Ein Heiliger halt. Vielleicht war er ja mit der Agathe verheiratet.“

 

War er nicht. Jetzt weiß ich´s. Und bevor unsere Gemeinde die Kirche St. Eustachius&Agathe nach mehrmonatiger Renovierungspause wieder in Nutzung nimmt, will ich doch erzählen, was ich über die beiden bisher in Erfahrung bringen konnte.

 

Zuerst dieser Eustachius, weil er immer als erster genannt wird. Ich hab mich noch nicht erkundigt, ob er inzwischen einer der wiederkehrenden Revisionen des katholischen Heiligenkalenders zum Opfer gefallen ist. Hin und wieder werden Heilige, deren Geschichte allzu legendenhaft ist, ohne viel Trara in den Hintergrund gerückt. Mit Eustachius wäre das allerdings ein wenig kompliziert. Schließlich gehört er in den erlesenen und verehrten Kreis der vierzehn Nothelfer; er selbst sogar hilfreich „in allen schwierigen Lebenslagen“ und für Trauernde.

 

Wieso, das macht die Legende verständlich. Danach war Placidus, so der ursprüngliche Name, ein Nachschuboffizier der römischen Armee, also ein Berufskollege des bei uns so populären Mauritius. Eine Christus-Erscheinung in Verbindung mit einem Hirsch, der ein strahlendes Kreuz im Geweih trägt, macht ihn zum Christen. Sein Taufname lautet Eustachius, zu deutsch der Aufrechte.

 

Danach erleidet er ein Leben voll schwerer Unglücke, die an die biblischen Bücher Jona und Hiob erinnern. Seine Frau wird ihm geraubt. Ein Wolf und ein Löwe entführen seine Söhne. Nach Jahrzehnten der Odyssee finden alle wieder zusammen und werden vom römischen Kaiser Hadrian persönlich in Ehren aufgenommen. Das müsste dann nach dem Jahr 117 geschehen sein.

 

Aber eine staatliche Opferfeier, an der er sich beteiligen soll, wird für Eustachius und die Seinen zur Gewissensfrage. Darauf hin wirft man sie den Löwen vor. Die aber verneigen sich vor der wehrlosen Beute, statt sie zu zerreißen. Daraufhin lässt man die Familie in einem großen Becken voll kochendes Wassers sterben. Die Leichen aber zeigen keinerlei Spuren des Foltertodes. Soweit die Erzählung, von Eustachius, der wegen der Hirschvision zusammen mit Hubertus auch Schutzheiliger der Jäger ist. Albrecht Dürer hat ihn in einem Holzschnitt so dargestellt.

 

Eustachius, eine Hiob-Existenz also, was die Schicksalsschläge angeht, um einiges märchenhafter als das biblische Urbild. Aber selbst noch in den fast befremdlichen märchenhaften Zügen mit der einen klaren Botschaft: nichts soll mich trennen von der Liebe Gottes, die mir in Jesus Christus begegnet ist.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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