Faire Diensthose?

Meine schwarzen Cordhosen haben allesamt ihre Zeit gehabt, findet meine Frau. Außerdem sind diese Frühsommertage etwas sehr warm für den ziemlich dicken Stoff. Und nachdem ich mehrere Tage lang der freundlichen Aufforderung zum Ersatzkauf nicht nachgekommen bin, hat sie gestern selbst das Sortiment eines Textil-Kaufhauses in der Stadt in Augenschein genommen.
Mit Erfolg! In der Küche liegen drei Hosen aus leichten Stoffen, darunter die eine schwarze, wie ich sie unbedingt brauche. Wieso? Weil auch ansonsten gutherzige Christenmenschen zu Lästermäulern mutieren können, wenn unten am Talar ein brauner oder hellgrauer Streifen ins Auge fällt, statt eines ungestörten Schwarz. Die Kleiderordnung im deutsch-evangelischen Gottesdienst ist leider ein wenig spießig.
Aber lassen wir das. Ich habe meine neue Diensthose. Und was für eine! „Bio-Baumwolle,“ verkündet die Käuferin. Allerdings fehlt da etwas Entscheidendes in ihrer Stimme. Diese unverkennbare Prise Stolz, wenn sie bei ihren ständigen Expeditionen für bio-fairen Konsum wieder mal einen unstrittigen Sieg errungen hat: eine neue, glaubwürdige Einkaufsquelle. Kaum etwas tut ihr wohler!
Aber HOB, Herrenoberbekleidung biofair aus dem Kaufhaus? Kann das sein? Oder hat ihr kritischer Geist da angesichts der heran nahenden Abfahrtszeit des Regionalzuges einen Kurzschluss erlitten?
Am Küchentisch ermitteln wir in eigener Sache. Also: mit bio-FAIR ist es schon mal nichts. Das behauptet das am Hosenbund baumelnde Pappschildchen auch nicht. Dieses Doppel spukt einfach nur als Erwartung in unseren Köpfen herum. Bio ist aus mancherlei Gründen gut für uns. Aber solange ein „bio“ erzeugtes Naturprodukt nach Dumpingpreisen für Kleinbauern und Hungerlöhnen für Landarbeiterinnen stinkt, ist das kaum die halbe Miete. Bio und Fair, beides muss sein und bringt sich ja auch wechselseitig voran. Eine Tatsache, für die in den letzten Jahren nicht nur Kaffee und Bananen stehen, sondern eben auch Baumwolle und Baumwollprodukte. Bio für mich, aber zum Schnäppchenpreis? Nein danke!

Und genau in diese üble Falle des Selbstbetruges sind wir getappt. Wenn je ein Indizienbeweis ausgereicht hat, dann dieser: für 25.- € und keinen Cent mehr, dürfen deutsche Männer ihren Hintern in Bio hüllen. Da kann weder ein Baumwollbauer, noch eine Näherin irgendwie zwischen Mittelamerika und Bangladesh auf sein und ihr täglich Brot gekommen sein. Wir wissen das und haben uns dieses eine Mal trotzdem von dem Lockstoff des nackten Begriffs „Bio“ verführen lassen. Nur diesmal?
Aber bleiben wir Fair! Könnte ja immerhin sein, dass das Haus X&Y da für 25 € pro Stück einen verzweifelten Räumungsverkauf organisiert hat, für Ware, die sich einfach nicht vom Fleck bewegen wollte. Weg damit zum Einkaufspreis. Könnte sein, aber es ist nicht so. Gestern hatte ich Gelegenheit nachzuschauen. Gefunden habe ich eine absichtsvolle Imagekampagne mit dem leicht lächerlichen Motto „We love BIO Cotton“, das Wort „love“ ersetzt durch ein grünes Herzchen. Dass Cotton auf deutsch Baumwolle heißt, wird natürlich mitgeteilt. Die Image-Verrenkung erreicht Höchstwerte durch den Abdruck eines – nicht unumstrittenen – Papiersiegels auf dem Preisschildchen mit seinen 6 x 4,5 cm: Botschaft: unserer Umweltgewissen ist top; das regt sich auch bei Kleinigkeiten. Nein, hier läuft kein Räumungsverkauf. Hier wird gesurft, ganz oben auf der Biowelle, zu Lasten von Bauern und Näherinnen.

Die Kampagnen-Botschaft hängt aus an der Kasse „Bio-Baumwolle schafft Lebensqualität“. Darf ich fragen, für wen? Irgendwo südlich der Alpen gibt es da „Unser Netzwerk mit Biobaumwollfarmern.“ Türkei, USA, Sahel, sonstwo? Kleinbauern, oder vielleicht Agrarindustrielle mit einer Bioecke? Niemand weiß es. Auch nicht die freundliche Verkäuferin, der ich das nicht übel nehme. Netzwerk: heißt das Genossenschaft? Oder einfach Lieferverträge von Bauern mit bestimmten Spinnereien, die wiederum die Schneidereien von X&Y beliefern. Oder blüht da einfach die Blaue Blume des romantischen Bio-Buisiness? Immerhin: allein im Jahr 2013 sind „17.750 l chemischer Pflanzenschutzmittel nicht in unsere Umwelt gelangt“. Wow! Zugegeben: das entspricht 35.500 Flaschen Bier. Aber die Zahl kann alles heißen, ohne Angaben von Beziehungsgrößen wie Flächen, Anwendungsintervallen usw. Dass Bio-Anbau, wie mitgeteilt, auch giftige Abwässer vermeidet, ist auch schon bekannt. Hinweis auf glaubwürdige und unabhängige Überprüfungsregeln? Null! Imagewerbung, sonst nichts.
Nein, hier werde ich auf den Arm genommen mit – sagen wir mal – Drittel-Wahrheiten. Irgendwie muss man auf die hartnäckigen Forderungen von Bürgerinitiativen und Hilfswerken nach menschenwürdigen Erlösen, Löhnen und Arbeitsbedingungen auf dem globalen Textilmarkt – vom Acker bis in die Fabrik – reagieren. Wohlfeil ist da immer eine Wohlfühl-Botschaft an uns Kunden, aufdass wir ja nicht auf die Stimmen hören, die Vernunft und Gewissen ansprechen.

Wir beiden, meine Frau und ich, waren diesmal die Dummen. Schlimm genug! Aber jetzt suche ich Einladungen für eine „Hosenpredigt“. Ich habe etwas gut zu machen.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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