Halbes Brot – Halber Segen?

 

In meiner Jackentasche steckt ein großer Geldschein. Einer von denen, die ich im Alltag selten in die Hand nehme. Ich nehme ihn mit zum Heiligabend-Gottesdienst. Dort werde ich ihn in die Kollekte zur Unterstützung der Aktion „Brot für die Welt“ werfen. Wenn ich´s recht bedenke, dann ist Heiligabend der einzige Termin im Jahr, an dem ich mir vorher wirklich sicher bin, wofür wir Geld zusammenlegen werden. Von den Nordseeinseln bis in die Alpentäler, in ehemals Ost und ehemals West ist das „Brot für die Welt“ – und das seit mehr als 50 Jahren.

 

Angesichts der harschen grundsätzlichen Kritik, die sich unsere Kirche von Außenstehenden gefallen lassen muss, habe ich diese Tatsache immer als Hoffnungszeichen empfunden. Deutschlands im Weltvergleich reiche Gemeinden legen die mit Abstand ertragreichste Kollekte jeden Jahres bewusst und gern in die Hände ihrer Partner in den Armutsregionen der Erde – für den Kampf gegen Hunger, ungerechte Ordnungen und Verletzungen der elementaren Menschenrechte. Und wann immer, wie in den Wochen vor Heiligabend 2013, plötzlich für erste Hilfe sehr viel Geld gebraucht wird, wie nach dem Wirbelsturm „Haiyan“ auf den Philippinen oder angesichts der Winterkatastrophe in den Flüchtlingslagern des syrischen Bürgerkrieges, kann auch die Katastrophenhilfe der Diakonie auf die Mittel der Aktion „Brot für die Welt“ zurückgreifen.

Soviel zu meiner Motivation. Die Bekanntgabe des Kollektenzwecks gegen Ende des Gottesdienstes erwarte ich ohne besondere Spannung. Allenfalls interessiert mich, ob die Vertreterin des Gemeindekirchenrates noch etwas Motivierendes zur Arbeit von „Brot für die Welt“ sagen wird. Das tut sie nicht. Stattdessen höre ich unvermittelt: „Die Kollekte ist je zur Hälfte bestimmt für „Brot für die Welt“ und für unsere eigene Gemeinde.“

 

Ich bin platt. Nicht mal ein Wort, für welchen überragend wichtigen und unaufschiebbaren Zweck die Gemeinde 50 % der Heiligabendkollekte behalten will. Einfach nur Halbe-Halbe! Der Gottesdienst ist für mich gelaufen. Soviel ökumenische Ahnungslosigkeit ist mir einfach zu viel. An der Tür versuche ich noch, einen primitiven Privatkompromiss auszuhandeln. Ich frage den Mann mit dem Kollektenteller, ob er meinen Schein auf die Seite tun und ganz dem „Brot für die Welt“-Anteil zuschlagen könne. Könne er nicht, meint er knapp. Die Halbierung sei beschlossen, aber er wünsche mir „Frohe Weihnachten“.

 

Ich habe mein Geld wieder mit nach Hause genommen und werde es via Bank auf den Weg bringen. Mein Zorn über diese geizig-ängstliche Gemeinde ist inzwischen weitgehend verraucht. Aber nicht, weil ich nun nachweihnachtlich milde gestimmt wäre. Es ist schlimmer als zuvor : nach etwas Telefonrecherche bei Bekannten in Sachsen-Anhalt und Thüringen, ehrenamtlich aktiven Kirchenmitgliedern wie ich selber, weiß ich inzwischen, dass dieses miese Halbe-Halbe-Spiel weit verbreitet ist. Ich habe von Gemeinden gehört, bei denen das nicht in Frage kommt, ganz bewusst nicht. Aber bei meiner Zufallsumfrage fanden sich leider mehrheitlich Gemeinden, bei denen das inzwischen Gang und Gäbe geworden ist.

 

Was man auf der Chefetage der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland EKM von der de facto-Teilenteignung des sog. Fernen Nächsten hält, weiß ich nicht. Aber dass Bischöfin und Finanzchef vom tatsächlichen Verhalten vieler ihrer Kirchengemeinden nichts wissen, kann mir keiner erzählen.

 

Den Hinweis auf den akuten Finanzbedarf von Ortsgemeinden muss mir niemand unter die Nase reiben. Aber dafür lässt sich eine Menge kreatives Fundraising-Allerlei übers Jahr auf den Weg bringen. Da muss man nicht den bequemsten und geistlich unsensibelsten Weg gehen und die Spendenbereitschaft der kopfstarken Heiligabendgemeinden abschöpfen.

 

Potentielle „Brot für die Welt“-Spenden umgeleitet in Reparaturfonds oder, meinetwegen, in Vorhaben der Jugendarbeit: das lässt sich selbstverständlich nicht mit der Torheit des „Fürst-Bischofs“ von Limburg vergleichen, für die wir jetzt alle konfessionsübergreifend mit „bezahlen“.

 

Aber in einer Kirche, die gemäß dem Auftrag und den Verheißungen Jesu zu einer Weltkirche geworden ist, kann die ängstliche Selbstvorsorge der vergleichsweise Reichen zu einem schlimmen Schwund an Segen und Wirkungskraft führen. Ob die halbe Enteignung des Fernen Nächsten zu Heiligabend 2013 uns wenigstens noch die andere Hälfte des Segens übrig lässt? Ich kann es nicht glauben.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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