Ich werde Test-Fahrgast

Na, das wär´s doch! Endlich zeichnet sich die Lösung ab für ein Problem, das ich mir selber eingebrockt habe. Ziemlich genau 20 Jahre ist es her, dass meine Frau unser letztes Auto für eine Mark an einen Schrotti an der Ruhr verkauft hat – einvernehmlich, nur über den Preis hatten wir vorher nicht gesprochen. Seither leben wir ohne, mit weniger Ehestreit, bekömmlicher, preiswerter und überraschend mobil. Seither habe ich selbst ein paar tausend aushäusige Termine in jeder Entfernungskategorie wahrnehmen dürfen, ohne dass mir das Automobil vor der Haustür gefehlt hätte. Was die Termine angeht, hat meine Frau inzwischen mit mir gleich gezogen. Sie einige mehr, ich deutlich weniger.
Aber jetzt ziehen sich düstere Wolken über unserem autofreien Himmel zusammen. Meine Frau trägt tapfer ihren Gips vom winterlichen zu-Fuß-Ausrutscher. Nichts ist es mit diesem Arm und dem Fahrrad, auf einige Monate wenigstens. Und ich muss nach dem x-ten Sturz wenigstens über saisonale Alternativen zur zweirädrigen Allzweckwaffe nachdenken.
Also doch noch mal so ein klitzekleines Rentner-Autochen? Ginge es nur ums Geld, wir könnten morgen zur Tat schreiten. Unsere Flensburger Punktekonten sind blütenweiß. Und im Oberstübchen suchen wir schon mal vergeblich nach einem Namen oder einer Telefonnummer, aber sonst ist da noch kein Grund zum Klagen.
Nur das Eine: zwanzig Jahre fehlende Fahrpraxis! Alle, die es mit uns gut meinen, würden Entsetzensschreie ausstoßen, wenn wir das Klitzekleine ins Gespräch brächten. Da würde ich mich auch nicht auf die früher normale alljährliche Erdumrundung mittels Verbrennungsmotor, 30.000 bis 50.000 km, herausreden können. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie eine diskrete Tefefonkonferenz abhalten: wie reden wir Papa diesen Unsinn aus? Der überschätzt sich hoffnungslos! Na ja, mulmig ist mir selber auch ein wenig. Aber ich bin doch nicht senil!

Gott-sei-Dank kann ich diesen Familienkrach jetzt vergessen. Ja, das ist es! Ich melde mich als Testfahrer für die ersten Langzeit-Tests mit fahrerlosen Autos. Diese Tests wird es ja wohl geben, bevor das neue Zeitalter offiziell ausgerufen wird. Der Job dürfte mich als technisches Greenhorn auch nicht überfordern. Denn ich werde ja streng genommen gar kein Test-Fahrer, sondern lediglich ein Test-Fahrgast sein. Außerdem kann mir auch meine Augenkrankheit keinen Strich durch die Rechnung machen. Nicht ich muss den Verkehr im Auge behalten. Mein Testauto wird schon im eigenen Interesse aufpassen. Schließlich möchte es seinen Nachkommen ja die bestmöglichen Marktchancen sichern. „Survival of the Fittest“, wie Autoexperte Charles Darwin so trefflich formulierte.

Ich muss wohl davon ausgehen, dass ich die absehbare Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an Professor Blank-Unsinn, den großen Theoretiker der fahrerlosen Autowelt, nicht mehr erleben werde. Der Laureat besucht derzeit noch die Gesamtschule. Aber seine Theorie vom Wirtschaftswachstum durch kreatives Denken während der Autofahrt, unbelastet durch die früher übliche Arbeit am Steuer, die berühmte „Free brains car economy“, wird all das zusammenfassen, was heute noch im Schoß der Zukunft wabert. Allein das Ersetzen von etwa zwei Milliarden veralteter Fahrer-Autos, ein Auto auf fünf Erdenbürger des Jahres 2050, hat die Rohstoffimporte von außerhalb der Galaxy um 5.600 Prozent steigen lassen.

Auch die Arbeitsplätze in den Therapieeineinrichtungen für abhängige Ex-Selbstfahrer haben einige Millionen Jobs geschaffen. Die EU-Anstalt für Arbeit wird mehrere hunderttausend Fahrschul-Mitarbeitende engagiert von einem Umschulungsprogramm in das nächste weiterleiten. Nur der Driverless-Grand Prix der Autoindustrie hat etwas Imageschaden genommen, seit „Grandma Wild Mary“, 88, aus Oklahoma ihren fünften WM-Titel gewonnen hat.

Also, was spricht dagegen, dass wir uns mit einem Schlag aus den Mobilitätsrisiken alter Leute des Jahres 2015 befreien? Allenfalls der etwas störende Gedanke, dass die Menschheit aktuell durch ihre Existenzkämpfe um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein wenig davon abgelenkt wird, sich hinter dieser Fahne des Fortschritts zu versammeln. Heute und in jeder absehbaren Zukunft.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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