Lebenslänglich: den Kirchen zu Gefallen?

 

Noch leben unter uns sehr alte Landsleute, die aus eigener Erfahrung wissen, wie es sich anfühlte, wenn man 1944 in einer deutschen Stadt einen Hinweis auf möglicherweise untergetauchte Juden nicht umgehend der Gestapo meldete. Da brauchte es schon eine große Portion Glück, wollte man nicht selber im KZ landen.

 

Im Uganda des Jahres 2014 sind es nicht die Juden, sondern die Homosexuellen beider Geschlechter. Wer von solchen Leuten weiß oder zu wissen meint und sie nicht anzeigt, muss ab sofort mit sieben Jahren Gefängnis rechnen. Das Strafmaß gilt, seit Ugandas Präsident Museveni am 24. Februar 2014 das horrendeste Anti-Homosexuellen-Gesetz unterschrieben hat, das derzeit in einem förmlichen Rechtsstaat in Kraft ist. Gerade einmal die Todesstrafe für die Homosexuellen selbst, ursprünglich vorgeschlagen, wurde im Laufe des mehrjährigen Verfahrens bis zur Präsidentenunterschrift gestrichen. Lebenslänglich als Strafmaß muss genügen. Der außenpolitische Kollateralschaden wäre womöglich doch zu groß gewesen.

 

Mich quält das Wissen, dass Christen außerhalb und innerhalb Ugandas dies unmenschliche Gesetz leidenschaftlich gefordert und gefördert haben. Die zwanghafte Fixierung nicht weniger meiner Glaubensbrüder auf die sexuelle Orientierung einer Minderheit meiner Mitmenschen und ihr Ruf nach irdischen Richtern und Kerkermeistern tut sehr weh und nährt Glaubenszweifel.

 

Der Trost, den Uganda-Kenner spenden, überzeugt mich nicht. Das Motto „Alles halb so schlimm! Nichts wird so heiß gegessen, wie´s gekocht wird!“ enthält ein Hochrisiko. Es mag ja sein, dass die administrativen Strukturen Ugandas gar keine flächendeckende Durchsetzung des Horrorgesetzes zulassen. Aber selbst, wenn es nur einen kleinen Bruchteil der Schwulen Ugandas träfe, wären die Knäste voll. Und man kann sogar darüber streiten, was verderblicher ist: die Einkerkerung Unschuldiger oder die Vergiftung einer ganzen Gesellschaft durch ein todsicheres Rezept für Einschüchterung, Verleumdung, Erpressung, Bestechung, heimliche Ausbeutung. Alles, was Menschen, denen der zivile Anstand abhanden kommt, ihren Nachbarinnen und Nachbarn antun, könnte in Uganda Hochkonjunktur bekommen. Das alles, weil ein Egomane im Präsidentenamt mit lebensuntüchtiger christlicher Ethik und einem speziellen „Afrikaner-Ego“ seine Machtpolitik inszeniert.

 

Vor 75 Jahren hatten Kirchen in aller Welt das Recht und die Pflicht, Deutschlands Christen zu fragen, wie es um ihren Einsatz für die Kinder Gottes in Todesgefahr bestellt sei. Diese Jahre unserer Kirchengeschichte bleiben einmalig.

 

Trotzdem haben wir – gelegen oder ungelegen – aktuell die Pflicht, die Kirchen Ugandas zu fragen, wie sie sich zu der staatlichen Todesdrohung gegen viele hunderttausend ihrer Landsleute und Mitchristen stellen. Um diese Größenordnungen geht es, selbst wenn man die zurückhaltendsten Annahmen zugrunde legt, was die homosexuelle Orientierung innerhalb einer Gesellschaft angeht.

 

Lebenslänglich afrikanisches Gefängnis ist eine Todesdrohung! Ökumenische Oberkirchenrats-Höflichkeit wird nicht reichen. Herr Museveni spekuliert ja ungeniert auf den Beifall der Kirchen. Und es gibt solche, die klatschen.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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