Machtübergabe

In meinem Bekanntenkreis lebt niemand mehr, die oder den ich am 30. Januar 2013 hätte fragen können, wie sie als Kind den 30. Januar 1933 erlebt haben. Eine Zehnjährige von damals muss heute ja neunzig Lenze zählen.

Die letzten Zeugen eines Schicksalstages sterben weg. Dabei ist der Tag, an dem Naziführer Adolf Hitler Reichskanzler wurde, bleibender Bestandteil von unser aller Leben geworden und geblieben. Er drängt sich sogar in das Leben von Millionen Neubürgern, die Verblendung, Unwissenheit und Hass alter und junger Neonazis ertragen müssen.Ich bin alt, aber nicht alt genug. So dominieren auch in meinem Kopf die tausendmal gezeigten Göbbelsschen Schwarz-Weiß-Filme vom Fackelzug am Abend dieses Tages: NS-Kolonnen in Berlin-Mitte und der Führer erstmals im Fenster der Reichskanzlei. Teilweise nachgedrehtes Material, ein üblicher PR-Trick, nicht nur in Diktaturen.

Aber die Bilder sind stark genug, um in unserem Unterbewusstsein das Nazi-Schlagwort von der „Machtergreifung“ zu verankern. Die übermächtige Persönlichkeit des „Führers“ hat mutig die Macht ergriffen. Niemand hat ihn hindern können, und Deutschland ist „erwacht“. Ein perverser Qualitätsbeweis für die Langzeitwirkung des Nazi-Sprechs.

Wahr ist: bis zum 30. Januar 1933 hat nie mehr als ein Drittel der Deutschen sein Wählerkreuzchen bei der Nazipartei gemacht. Und die Macht? Hitler hat sie nicht ergriffen. Sie wurde ihm übergeben. Es wurde Zeit, dass einige Medien das zum 30. Januar 2013 begrifflich klargestellt haben.

Wer es wissen will, weiß es längst: kaum jemals zuvor in der Geschichte haben sich Politik-Trickser so schrecklich verkalkuliert wie die deutschen Konservativen, die im Januar 1933 hofften, sie könnten Hitler unter ihrer Fuchtel zum Reichskanzler ernennen lassen. Und Reichspräsident Hindenburg? Er musste keineswegs tun, was er schließlich tat.

Über die im Nachhinein unfassbare Selbstblockade der Linksparteien sind genug Bücher geschrieben worden. Die Kirchen zwischen Schweigen und Führer-Lobhudelei; der ausgefallene, nie geplante Generalstreik; die unpolitische und damit hochpolitische Reichswehr. Egal in welche gesellschaftliche Schublade uns unsere Familiengeschichte hineinsteckt: alle miteinander stehen wir da als Volk, in dem Hitler nicht einmal die Macht ergreifen musste, weil sie ihm im Zustand politisch-gesellschaftlicher Narrheit oder Erschöpfung übergeben wurde.

„Machtergreifung“ erweist sich als Machtübergabe. Mich erinnert das an den mehrjährigen Diskussionsprozess vor rund 30 Jahren, mit dem ein anderes Nazi-Schlagwort entlarvt und gelöscht worden ist. Noch Jahrzehnte nach 1945 war von der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 die Rede. Als seien bei dem organisierten Sturm auf Deutschlands Synagogen einfach reichlich Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Stattdessen war die heute so genannte „Reichsprogromnacht“ für die Mörder der Auftakt zu ihrer späteren „Endlösung der Judenfrage.“

Noch bleibt Zeit, ein paar weitere Unworte des Nazistaates durch ehrliche Begriffe zu ersetzen. Als solches Unwort hat sich der militärische Begriff „Feldzug“ erwiesen; wahlweise mit den Vorsilben Polen-, Norwegen-, West-, Balkan-, Afrika-, und vor allem Russland-. „Feldzug“ klingt, soll klingen, nach brilliantem oder auch weniger geglücktem, auf jeden Fall aber moralisch einwandfreien Kriegshandwerk. Kriegsverbrechen? Allenfalls mal als Betriebsunfall. Dabei weiß die Welt, dass jeder einzelne dieser Feldzüge in Wahrheit ein skrupelloser Überfall war. Und der finale, der gegen Russland, war Mittel zum Zweck des Völkermordes.

Die letzten paar tausend fünfundachtzigjährigen Männer, die noch wissen müssen, wovon die Rede ist, sollten uns mit klaren Worten dabei helfen, auch das verharmlosende Gerede von den mit Ritterkreuzen garnierten „Feldzügen“ zu beenden.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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