Mannstopp-Wirkung

Zu den Befunden betreffend die Kriegstauglichkeit unseres G36 Sturmgewehrs habe ich nun wirklich nichts beizusteuern. Die Erinnerung an das vagabundierende Wesen dieser Kriegswaffe steht auf einem anderen Blatt. Erst neulich tauchte sie in Mexiko auf, als Utensiel des schrecklichen Drogenkrieges. Unsere Behörden schwören Stein und Bein, dass es nie einen Deal mit den Mördern von 43 Lehramts-Studierenden gegeben hat. Ich glaube ihnen. Aber die tödlichen Waffen waren trotzdem nachweislich in ihren Händen. Das G36 macht sich als todbringender Schädling nicht schlechter, als seine Vorgänger-Modelle aus dem deutschen Hause Heckler&Koch.

Wenn es ganz verrückt kommt, wird das G36 in absehbarer Zeit zum Renner auf den illegalen Waffen-Schwarzmärkten. Denn die Behauptungen, dass es ihm in tropischer Hitze ein wenig an tödlicher Präzision fehle, dürfte für einen Ramsch-Rabatt gut sein. Ein kühl rechnender Warlord wird dann eher etwas mehr Munition für Streufeuer einkalkulieren, als sich seinen Posten aus den 150.000 hierzulande auszumusternden G36 entgehen lassen. Solche Pläne könnte wohl nur eine Verschrottungsaktion von staatswegen durchkreuzen.

Aber kümmern wir uns lieber um die Zukunft! Gesucht wird…Ja, was? Jeder Erwachsene, der mit seinen Steuern auch das Militär finanzieren muss, wird in wenige Worte fassen können, wozu man im Krieg ein Gewehr braucht. Nicht für die Wildschweinjagd und auch nicht für den Biathlon-Weltcup! Die Bundeswehr, nicht nur in der gemäßigten Zone Eurasiens, sondern weltweit allzeit bereit, braucht ein klimaneutrales Gewehr, mit dem der Soldat seinen Feind auf den Punkt……Nein, so einfach geht der Satz nicht weiter!
Seit ich mit einem halben Ohr in eine G36-Krisendebatte unter Fachleuten hinein horchen durfte, habe ich diesbezüglich dazu gelernt. Was unsere Jungs und Mädels brauchen, ist ein neues Sturmgewehr mit einwandfreier „Mannstopp-Wirkung“. Wow! Es ist lange her, dass ich ein anderes Tarnkappenwort gehört habe, dass mit derart viel Beruhigungsmittel überzuckert war, damit man seinen furchtbaren Inhalt vergessen konnte.
Einen Mann stoppen müssen, das kommt im täglichen Leben schließlich alle Nasen lang vor. Da wird nur ein Böswilliger an den idealen Hirntreffer mit speziell für die Zerfetzung menschliches Gewebes optimierten Geschossen denken! Mann stoppen? Manchmal muss ich dafür einem Quasselkopp einfach nur das Wort entziehen. Oder als Autobahn-Polizist die Kelle aus dem Fenster halten. Wenns richtig heftig kommt, haben wir auch noch unseren Wasserwerfer, das Tränengas oder im Nahkontakt das Pfefferspray zur Verfügung. Die verharmlosende Beispielkette lässt sich beliebig fortsetzen. Bis zur polizeilichen Regel, äußerstenfalls einen Täter handlungsunfähig zu schießen, ohne ihn dabei gezielt zu töten.
Nichts, gar nichts davon, ist Merkmal eines Tötungskampfes zwischen Kriegsparteien, egal, wie sich ihr Status nach offiziellem Völker-Kriegsrecht gerade liest: reguläre Armee, Aufständische, Terroristen, Milizionäre. Selbstverständlich spricht mein Experte von so einem Tötungskampf und davon, was für ein Gewehr es dafür braucht, ein todsicheres eben, mit todsicherer „Mannstopp-Wirkung.“
Du oder ich, habe ich ehemalige Wehrmachtssoldaten viele Male über ihre Zwangslage in den Kämpfen, die sie überlebt haben, reden hören. Ich habe wieder vergessen, welchen Handfeuerwaffen sie eine todsichere Tödlichkeit zugesprochen haben. Ich weiß nur noch, dass mancher diesbezüglich eine klare Meinung kundgetan hat.
„Mannstopp-Wirkung“? Ich unterstelle, dass die allermeisten überlebenden Krieger unserer und vergangener Tage ob solcher gestelzter Schönfärberei nach passenden Kraftausdrücken suchen würden. Denn die Politiker, die derart vor der Kriegswirklichkeit die Augen zukneifen, sind dieselben, die gegebenenfalls dann die Sturmgewehr-Schützen in den Tötungskampf auf Gegenseitigkeit schicken. Denen, die auf der anderen Seite ebenfalls durch Töten siegen sollen, hat man über ihre Kalaschnikows ähnliche Glaubenssätze eingetrichtert, wie deutschen Soldaten seit den Tagen des Preußischen Zündnadelgewehrs. Das Gewehr, die „Braut des Soldaten“, ist nur eine pseudo-erotische Variante der Glorifizierungen dieser Werkzeuge mit finaler „Mannstopp-Wirkung“.
Gut möglich, dass uns für den Rest des Jahrzehnts eine waffentechnologische Debatte über deutsche Kriegs-Gewehre ins Haus steht. Es wäre nicht die Erste. Es kann aber nicht die erste sein, die unterschlägt, was ein Sturmgewehr im wirklichen Leben ist: ein high-tech-Tötungsgerät, das nur ein Ziel kennt: Leib und Leben eines Mitmenschen, der zur falschen Zeit am falschen Ort dem falschen Befehl folgt.
Es sei denn, er, sie oder es, das Kind, wäre ein sog. Kollateralschaden, also ein Zivilist, der nicht „Mannstopp-Wirkung“ mit „Mannstopp-Wirkung“ vergelten kann. Auch solche Körper sind der „Mannstopp-Wirkung“ heutiger und künftiger deutscher Sturmgwehre nicht gewachsen.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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