Meine ersten Wirtschaftflüchtlinge

Ein neues Schimpfwort geistert durch unsere politische Sprache: „Rein wirtschaftlich!“ Kaum ein Tag vergeht Anfang 2015, an dem nicht irgend ein Politiker im Interview pathetisch und Zustimmung heischend statuiert, Asylsuchende mit rein wirtschaftlichen Fluchtgründen seien so rasch wie möglich abzuschieben. Nicht wahr, da spricht er doch wohl parteiübergreifend im Namen aller Vernünftigen. Lange Diskussionen in dieser Sache sind Zeitverschwendung. Und in der Tat, alles was an Parteien derzeit in Berlin bei der GroKo mitmacht, sendet die gleiche Erkennungsmelodie. Varianten sind eher folkloristischer Art.

Nein, niemand von den Politpromis ist so dumm, armen Arbeit suchenden Teufeln allein wegen ihrer unerwünschten Einreise einen moralischen Defekt anzuhängen. Das besorgen andere, die bei dieser Gelegenheit gleich noch das Abendland mit verteidigen. Unsere Prominenz weist stattdessen fürsorglich darauf hin, dass aussichtslose Asylbewerber den von Gesetzes wegen Willkommenen die Plätze wegnehmen. Ihr Syrischen Kriegsflüchtlinge, – höre ich da die Zwischentöne – blast doch den Hungerleidern aus Somalia mal den Marsch! Auch wir Deutschen müssen schließlich Platz machen, wenn wir uns im ICE dreist ohne Reservierung an der falschen Stelle hingesetzt haben.

Stimmt, aber im Zug können wir uns was anderes suchen und werden erst am selbst gewählten Zielbahnhof aussteigen!

Aber der Reihe nach! Die ersten Wirtschaftsflüchtlinge, die ich näher kennengelernt habe und die mich durch mein ganzes Erwachsenenleben begleitet haben, waren die Bremer Stadtmusikanten, diese invaliden Gesellen Esel, Jagdhund und Katze samt dem zur Suppeneinlage verdammten Hahn. Ihnen allen haben ihre Herren Arbeitsplatz und Täglich Brot gestrichen. Sie alle leben am Abgrund und müssen so gar fürchten, eines baldigen Todes zu sterben. Alle haben sie bis zum verhängnisvollen Tag X ihren Job gemacht und niemanden um Almosen angebettelt. Dann der Absturz. Was ihnen jetzt noch bleibt, ist dieser grandiose Satz, der auch mir in vielen Auseinandersetzungen um Armutsflüchtlinge den Rücken gestärkt hat: Der Esel zum angstgeschüttelten Hahn: „Zieh mit uns fort, wir gehen nach Bremen: Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Der vereinte Lebenswille der vier ganz unterschiedlichen Typen ist ihr einziges Kapital, aber eines, auf das sie wirklich setzen können, diese Wirtschaftsflüchtlinge der Brüder Grimm.
Wirtschaftsflüchtlinge? Den Esel will der Bauer „aus dem Futter schaffen“. Werten wir das mal als Kündigung und nicht als Auslieferung an den Salami-Metzger. Dann handelt es sich um ein normales Marktgeschehen, wie bei uns, wenn Opel dicht macht. Politisch verfolgt und asylberechtigt wäre unser Esel dann nicht. Der Jagdhund gibt an, sein Herr habe ihn wegen Altersschwäche totschlagen wollen. Mit dieser Behauptung wird sich das Bundesamt für Flüchtlinge beschäftigen. Die Beweislast liegt bei Bello. Im Fall der Katze ist offensichtlich, dass es sie an die hiesigen Näpfe voller Kitekat zieht. Ihre Aussage, man habe sie ersäufen wollen, kann schon deshalb nicht stimmen, weil ihre Besitzerin dem Verein gegen das Ersäufen von Katzen angehört. Bleibt der Hahn. Der hatte ja einen ganz guten Job, bis er unverhofft für ein menschliches Festessen gebraucht wurde: allgemeines Lebensrisiko. Darauf können wir uns unmöglich einlassen, all die aufzunehmen, denen irgend wo der Boden unter den Füßen zu heiß wird!

Der Weg von dem großartigen Lebensmut-Märchen in die Widersprüche unserer Flüchtlingspolitik ist nicht weit. Der Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ (Grundgesetz Art.16a,1) ist längst beides: Schutzversprechen und high-tech-Grenzzaun. Lassen wir an Stelle der märchenhaften Haustiere die Armutsflüchtlinge vor unsere Behörden und Gerichte treten: über sie wird dort Recht gesprochen, gestützt auf einen Politik-Begriff, der mit dem wirklichen Leben peinlich wenig zu tun hat. Im lebensnahen Erzählfluss des Märchens ist auch für zuhörende Kinder erkennbar, wo wirtschaftliche Ausbeutung übergeht, umschlägt in Mordpläne von Machthabern, wie die nach unserem Grundgesetz asyl-relevant wären.
Im wirklichen Leben sind die asyl-irrelevante Massenarmut und asyl-relevante politische Gewalt vielerorts so vielfältig und gleichzeitig so anonymisiert und globalisiert ineinander verwoben, dass der kleine Antragsteller mit seiner Beweislast am Ende der Dumme ist. Und diese für dumm Verkauften sollen jetzt gehen, so schnell wie möglich.
So wird vielen von denen, die heute „alternativlos“ „nach Bremen gehen“ wohl nichts anderes übrig bleiben als den Vorbildern im Märchen. Die haben erst einmal mächtig und auch ein wenig drastisch improvisieren müssen, um einen ersten Fuß an die Erde zu kriegen: eine Hausbesetzung, wenn auch nicht im Villenviertel, sondern im Milieu der organisierten Kriminalität.

Aber heute sind sie längst ehrenwerte Bürger der Freien und Hansestadt Bremen, wohnen in bester Lage direkt am Rathaus – und niemand will sie je wieder loswerden.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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