Pilgerweg für Klimagerechtigkeit – dürfen Fleischesser mit?

Bevor es los geht, um unterwegs Ärger zu vermeiden: dürfen sich Fleischesser dem „Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit“ zur UNO-Klimakonferenz in Paris anschließen?

Die ökumenische Zulassungskommission wird sich sinnvoller weise an die geniale Leitfrage halten „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wäre der Fleisch- und Fischesser Jesus von Nazareth heute Vegetarier, gar Veganer? Die Meinungen darüber gehen ganz gewiss auch unter erklärten Christenmenschen auseinander. Nicht zuletzt dann, wenn wir mit „ökumenisch“ nicht nur unsere einheimische historische Kirchenfamilie meinen, sondern tatsächlich unsere Weltkirche mit ihren unvermeidlich sehr verschiedenen Lebenserfahrungen und Herausforderungen. Wäre es für Bekenntnis-Vegetarier wirklich unvorstellbar, dass dieser Jesus z.B. das Ehrengast-Hühnchen einer indischen Kleinbauernfamilie würdigen, aber das Turbo-Masthähnchen aus unserer tierquälerischen industriellen Tierfabrik zurückweisen würde?
Nun ja, die Zulassungskommission wird ohnehin nicht zusammentreten- und fällige Entscheidungen unseren Streitgesprächen, unserem Gewissen, unserer Einsicht überlassen.

Die vertrackte Currywurst

Da erreichen die für „Klimagerechtigkeit“ pilgernden Christenmenschen also ihre Mittagsstation. Der Marktplatz lädt zur Rast ein, auch weil er gut mit allerlei Imbissangeboten bestückt ist. In der Wolle gefärbte Ruhrgebietler zieht es fast von allein an die Currywurst-Buden. Das ist Lebensart, wenn nicht sogar Kult. Auch ich habe ihm gefrönt, so lange ich dort zu Hause war.
Aber es hilft alles nichts. Deutsche Currywürste stammen nun mal von deutschen Turboschweinen, auf den Tag genau aufs Schlachtgewicht gepäppelt mit der Eiweiß-Wunderpflanze Soja. Vier Millionen Tonnen davon gingen 2014 durch deutsche Viehmägen. Fast alles kam aus Brasilien, Paraguay und den USA. Veredelung wird das genannt, wenn das hochwertige menschliche Nahrungsmittel Soja in den automatischen Viehfütterungsanlagen landet. Für jede Kalorie Currywurst muss das Mehrfache an Soja verfüttert werden.
Die riesigen Sojaplantagen in Brasilien sind aus den Amazonaswäldern heraus gehauen worden, die das Weltklima stützen. Für alle Kahlschläge vor 2006 gilt heute in Brasilien ein politisches „Schwamm drüber!“ Aber der Schaden ist angerichtet. Currywurst vom Sojaschwein, da wird Klimagerechtigkeit leider verfehlt.
Was tun? Sich auf dem Weg nach Paris eine schlimme Tatsache eingestehen, auch wenn sie gleichsam unser regionales kulturelles Erbe in Frage stellt? Aber vielleicht hat da ja ein Currywurst-Fan in seiner Kühltasche ein paar Bio-Würstchen aus sorgfältig zertifizierter Tierhaltung dabei. Da ist durch den Schweinemagen nur gegangen, was da auch hinein gehört, und den Geschöpfen sind viele schlimme Qualen erspart geblieben. Ein Grill wird sich bei freundlichen Quartiergebern schon finden.

Methanfürze als Totschlagargument

Die Methanfürze, die Rinder unvermeidlich von sich geben, haben sich zu einem prächtigen Totschlagargument entwickelt im Munde vieler, die den von Menschen gemachten Klimawandel leugnen. Wozu sich noch den Kopf zerbrechen um CO2-geschuldeten globalen Temperaturanstieg, wenn das Rindvieh ungestraft viel größeren Schaden anrichtet?
Dabei stehen die Methanbilanzen von Kleinbauernrindern in Kenia oder Pakistan, die ihr Leben lang Gras und pflanzliche Abfälle fressen auf einen völlig anderen Blatt, als diejenigen der bedauernswerten Artgenossen in unseren Tierfabriken, die auf artfremdes Soja-Kraftfutter zwangsabonniert sind, egal, ob sie zur Mast oder zu Milchrekorden getrieben werden sollen.
Einzelheiten dazu sind für Lernwillige nur ein paar Klicks entfernt.
Die Verlustrate an vollwertigen pflanzlichen Kalorien ist bei der „Veredlung“ zu Soja-Rindfleich aus biologischen Gründen deutlich ungünstiger als beim Schwein. Außerdem zielt illegaler Kahlschlag in Amazonien nicht nur auf Sojaanbau. Ehemaliger Wald eignet sich wenige Jahre lang auch als Rinderweide. „Beef sells“ in den Steakhäusern in unserem Teil der Welt.
Auch ein Christenmensch, der zu Hause Kunde einer ordentlich zertifizierte Biometzgerei ist, wird auf dem Weg nach Paris um manches gastronomische Angebot einen Bogen machen müssen.
Ob preiswertes Rindergulasch um die Ecke oder Jungbullen-Steak der 20.- €-Kategorie: bei der Frage nach Klimagerechtigkeit bleibt da mehr als ein Geschmäckle auf der Zunge. Aber morgen früh, eh es weiter geht, ist im Bioladen neben der Kirche bestimmt eine gute Flasche klimagerechte Milch zu haben.

Hähnchenbraterei – kein Teil der Pilgerlogistik

Bleibt das dritte Qualprodukt unserer Soja-basierten industrialisierten Tierproduktion, die Mast- und Legehühner.
In unserer häuslichen Gefriertruhe lagern meist für besondere Familienanlässe ein, zwei Brathühner mit starkem Knochenskeletten, die zu Lebzeiten mühelos einen stattlichen Körper tragen konnten. Alte Zuchtlinien, die heute von Bio-Bauern als Alternative zu den unerträglich anzusehenden Turbohühnchen wieder angeboten werden. Der Preis führt fast von allein dazu, dass so eine Delikatesse nur wenige Male im Jahr auf den Tisch kommt.
Klar ist damit aber auch, dass die Hähnchenbraterei auf dem Weg nach Paris als Teil der Pilgerlogistik ausfällt. Was da an den Spießen steckt, ist mit erbarmungsloser Soja-Diät durch seine 36 Lebenstage gepresst worden. Das Hühnern fremde Futter mag diesmal nicht aus der Erde Amazoniens stammen oder von zusammengerafftem ehemaligen Kleinbauernland in Paraguay. Stattdessen liefern diesmal die riesigen Soja-Monokulturen in den USA. Sie befeuern den Pestizid-Weltmarkt wie sonst nichts. Fatale Kreisläufe sind längst losgetreten. Am Ende stehen messbare Klimaschäden.
Hätten westafrikanische Hühnerzüchterinnen mit ihren Alarmruf „Keine Chicken schicken“ den irren Hühnerfleisch-Weltmarkt nicht längst zu einer ökumenischen Gerechtigkeitsfrage ausgerufen – die Klimafolgen der kaum von Fruchtwechsel unterbrochenen Soja-Monokulturen müssten uns aus einer anderen Richtung alarmieren. Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung sind eben nicht voneinander zu trennen.
Bei einem hart gekochten Frühstücksei aus dem Bioladen am Wege können wir uns ja weiter darüber unterhalten. Die Grazie und die Würde einer zufriedenen Bio-Henne ließe ich mir aber auch von einem veganen Mitpilger kaum ausreden. Außerdem, in meiner Kindheit waren alle Hennen „bio“, ohne es zu ahnen, samt ihrem Hahn, der es Dank der Warnung Jesu an seinen Petrus immerhin auf viele unserer Kirchtürme gebracht hat.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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