Stabilitätsfaktor Prügelstrafe

Mit der Prügelstrafe habe ich meine Erfahrungen. Ich vermute, sie liegen um einiges über dem Durchschnitt meiner Generation. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Immerhin habe ich zwei Jahre lang in einer Schulklasse gesessen, zu deren Ausstattung der Haselnussstock unseres Lehrers gehörte. Mehr als einmal zerbrach er auf dem Hintern eines Mitschülers. Dann war Gelegenheit, sich lieb Kind zu machen. Denn Herr D. fragte regelmäßig, wer ihm morgen einen neuen Stock – immer musste es Haselnuss sein – mitbringen würde. Der Judas fand sich. Paul – Vorname geändert – war besonders eifrig. Weil sein Vater zu den Großbauern gehörte, hatte er von uns nichts zu befürchten. Dresche in der Schule war Alltag. Wie das aufgeschrammte Knie nach dem Sturz auf dem Schulhof. So sehr berechenbarer Alltag, dass ich mir prophylaktisch ein Heft als Puffer in die Hose schob, wenn ich eine Hausarbeit nicht gemacht hatte. Die armen Mädchen: sie bekamen die Haselnussschläge in die Handfläche. Das tat wirklich weh.

Aber der Haselnussstock in der Schule des Volkes, der Volksschule, war eine halbwegs demokratische Bagatelle, verglichen mit dem überlangen Lineal, Holz mit eingelassenem Metallstreifen, in der Schreibtischschublade meines Vaters. Dies Lineal war exklusiv für mich. Viele Male kam es zum Einsatz. Ein finsteres Ritual, nach Anzeige meiner strafwürdigen Untat durch die Mutter zuerst eine Art zynisches Verhör. Dann die Aufforderung, die befohlene Körperhaltung einzunehmen, jegliches Jammern zu unterlassen und laut mit zu zählen. Einige wenige Male, darum umso unvergesslicher, musste ich mich zum Schluss für die Schläge bedanken.

Heute, bald 70 Jahre danach, weiß ich, wo mein Vater abgeschrieben hat, in der Familiengeschichte, aber auch in der nationalen. In seinem mit einem humanistischen Abitur gezierten Kopf spukte wohl ein schemenhaftes Preußenbild, zu dem auch der hart, aber gerecht strafende König gehörte. Wie hätte der Alte Fritz jemals unser Schlesien erobern können, wenn nicht die nackte Angst vor dem Spießrutenlauf seine Soldaten bei der Stange gehalten hätte? Die großen Triumphe haben eben ihren Preis.
Mein Vater durfte von Gesetzes wegen noch zuschlagen, in meinem Fall. Das „Züchtigungsrecht“ gegenüber der Ehefrau hatte ihm schon die Weimarer Republik gestrichen. Meine Söhne dürfen meine Enkel aber erst seit dem Jahr 2000 nicht mehr mittels „Körperstrafe“ „erziehen“.

Wir sind also der Zeit, wo Menschen von Staats wegen in bester Absicht zuschlagen durften, gerade erst um Haaresbreite entronnen. Und das eingedenk der noch ungeschriebenen Geschichte der Prügelfolter in den Kerkern und Lagern des Naziterrors. Ungeschrieben, angesichts von Millionen vollendeter Mordtaten. Aber die Übergänge waren ohnehin triefend von Blut.

So sind deutsche Politiker nicht unwissend, wenn sie den Machthabern Saudi-Arabiens am Rande von Exportverhandlungen, Rüstungsgüter inklusive, raten, den Skandal um die tausend Stockschläge gegen den Blogger Raif Badawi stillschweigend aus der Welt zu schaffen. Die portionsweise Exekution à 50 Hiebe pro öffentlichem Event ist derart raffiniert und widerlich zugleich, dass darüber die gleichzeitig verhängten zehn Jahre Knast und die horrende Geldstrafe fast untergehen.

„Kerls, ihr sollt mich lieben,“ brüllte Preußens Soldatenkönig, der Vater Friedrichs des Großen, während er seinem Ansinnen durch die bis ins letzte Detail reglementierte Prügelgasse Nachdruck verlieh. Manch ein Mann bezahlte dieses Liebeswerben mit dem Tode.

Man muss nicht lange rätseln, wenn man vor allem den öffentlichen Prüglern unter den Machthabern unserer Tage dasselbe perverse Liebessehnen unterstellt. Die, die gleich den Finger krumm machen, die, die hinter dicken Mauern foltern lassen, folgen anderen Fantasien und Ängsten.
Ihr Kinder des Königshauses Saud, liebt gefälligst genau diesen Gottesstaat! Nur die herbei geprügelte Liebe kann der Herrschaft der greisen Prinzen noch eine Zukunft verschaffen. Das scheinen sie zu glauben. Ihre frommen Feinde innerhalb und außerhalb ihrer muslimischen Konfession beeindruckt das nicht. Und deutsche Politiker mit ausreichendem historischen Rüstzeug müssen es auch besser wissen. Saudi-Arabien, ein sog. Stabilitätsfaktor, gestützt auf institutionelle Prügelstrafe? Die Qualen der Opfer und ein Funken Seelenkunde zeugen dagegen!

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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