Weihnachtsfoto 1941 – Kurzpredigt Heiligabend 2014

Und gleich darauf war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen. Die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ (Lukas 2, 13-14)

Zu diesem Heiligabend 2014 habe ich ein altes schwarz-weiß-Foto aus unserem Familienalbum mitgebracht. Damit wenigstens die Leute in den ersten Reihen etwas erkennen können, hab ich das kostbare Bild auf dem Kopierer vergrößert. Hier ist es. (zeigen) Links meine Großmutter Gertrud Rohr, damals 57 Jahre alt, rechts ihre Tochter, meine Tante Ilse, damals strahlende 25 Jahre alt und verlobt. Das Bild ist gemacht am Heiligabend 1941, offensichtlich von einem guten Amateurfotografen. Ich soll viel Kleinkinder-Unsinn angestellt haben an diesem Abend, zum Gaudi der Familie. Beide sind fröhlich, vielleicht auch deshalb. Vor allem aber, weil sie noch nicht wissen, dass ihr jüngster Sohn bzw. ihr kleiner Bruder vor ein paar Tagen in Russland umgekommen ist; der erste in einer nicht kurzen Reihe von Kriegstoten meiner Familie. Auch Ilses Verlobter ist darunter. Sie bleibt ohne Lebenspartner.
Die jüngeren Generationen in diesem Gottesdienst müssen wissen, dass die durchlebten Kriegsweihnachten ihre Spuren in den Seelen von uns Alten hinterlassen haben – auch wenn wir damals selbst Kinder waren. Weihnachten, „Friede auf Erden“, und vom Hass angefeuerter Krieg, das geht absolut nicht zusammen. Weihnachten bringt es an den Tag, was der Krieg zerstört.

Wir alle, vor allem die Kinder, wie ich eines war an Heiligabend 1941, sollen und dürfen heute Weihnachten feiern. Nichts soll ihnen genommen werden.
Aber wenn wir schon etwas wählerisch sind, wenn wir uns das Original-Weihnachten leisten, das der Bibel, Gottes Friedenstat und Friedensbotschaft, statt der leeren Weihnachts-Attrappe, die uns umgibt, dann muss es am Heiligen Abend 2014 gesagt werden:

Weihnachten 2014 ist ein schlimmes Weihnachten, wie lange nicht mehr. Das sagen uns das erschrockene Herz, aber auch der analytische Verstand. Kriege und Bürgerkriege bringen eine Reihe der ältesten Kirchen auf Erden an Rand der Ausrottung. Und mit unseren Glaubensgeschwistern durchleben ihre Landsleute anderer Religionen und Weltanschauungen schreckliche Tage.

Ertragt eine kurze Namensliste der Weihnachtskriege und Kriegsdrohungen AD 2014:
Ägypten, Afghanistan, Irak, Jemen, Kolumbien, Kongo, Libanon, Libyen, Mali, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Palästina, Philippinen, Somalia, Südsudan, Sudan, Syrien, Ukraine, Zentralafrikanische Republik.
Kein Land darunter, in dem sich heute oder an anderen traditionellen Weihnachtsterminen nicht Glaubensgeschwister an die Botschaft aus dem Himmel über Bethlehem klammern. „Friede auf Erden – bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Und wenn das christliche Kernwort „Ökumene“ einen Sinn hat, dann muss ihr Gebet auch unser Gebet sein.
„Beten“, auch beten um Frieden, „ist Wünschen – nur feuriger“, sagte der Dichter Jean Paul. Wer feurig wünscht, wird ziemlich zwangsläufig zur Täterin, zum Täter. Das sind die Menschen auf die Gott scharf ist, die Menschen, die ihm gefallen, die menschen seines Wohlgefallens. “Ora et labora“, bete und arbeite, lautet die christliche Praxisanleitung für den Frieden in einer anderen berühmten Fassung. Weihnachtsfrieden will geschlossen, will geschaffen werden; vorneweg von Menschen, die sich eher auf das Zeichen des Kindes, als auf den trügerischen Schutz der Waffen verlassen.
Unser Tun und – oft noch wichtiger – unser Unterlassen in Sachen „Frieden schaffen“ kann aus tausend und einer Einzelheit bestehen, über die wir jetzt nicht sprechen können.

Aber vielleicht könnt Ihr heute Abend zu Hause eurem Gott ein erstes kleines Signal geben, dafür, dass ihr gern zu seinem globalen Team von „Frieden Schaffenden “ gehören möchtet: stellt gemäß alter Sitte ein zusätzliches Gedeck auf den Tisch – für einen Menschen, der Schutz und Rettung vor den Kriegen des schlimmen Jahres 2014 sucht. Heute Abend wird dieses Gedeck noch unbenutzt bleiben. Aber Ihr werdet euch erinnern. Und Ihr werdet ganz bestimmt merken, an welchem Tag Ihr durch welche Handlung der Weihnachtsgeschichte ein Stückchen zum Durchbruch verhelfen könnte: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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