Wissen, was ich bekenne; Predigten zum „Apostolischen Glaubensbekenntnis“, 2

 

Vom Schöpfer und von der Schöpfung

 

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Der erste, nicht sehr lange Satz unseres Apostolischen Glaubensbekenntnisses, das wir in jedem Gottesdienst sprechen. Im meinem Konfirmandenunterricht wurde uns dieser Satz eingetrichtert als der „Erste Artikel“. So heißt er im Kleinen Katechismus Martin Luthers (in unserem Gesangbuch zu finden unter Nummer 806.2). Das lateinische Original aus dem späten 4. Jahrhundert lautet: „Credo in Deum, Patrem omnipotentem, Creatorem caeli et terrae.“ Auf deutsch umfasst der Erste Artikel 15 Worte. Das Lateinische kommt mit neun Worten aus. Das liegt wohl nicht nur daran, dass die Sprache Cäsars keine Artikel „der, die, das“ kennt. Latein hat auch eine Tendenz zu knapper Präzision.

 Weil bei diesen 15 deutschen Worten alles mit allem zusammen hängt, will ich versuchen, es bei einer einzigen Predigt zum „Ersten Artikel von der Schöpfung“, wie es im Katechismus heißt, zu belassen. Alles hängt mit allem zusammen. Trotzdem wollen wir erst einmal die Bausteine dieses Satzes sortieren:

 Zuerst wird da „Gott“ genannt, der zweite Baustein: „allmächtiger Vater, pater omnipotens“, wenn wir dem lateinischen Wortlaut folgen; eigentlich ist das also ein zusammengesetzter Begriff aus Haupt- und Eigenschaftswort, nicht zwei voneinander abgesetzte Hauptwörter, der „Vater“, der „Allmächtige“, wie wir es auf deutsch sprechen; der dritte Baustein ist das Wort „Schöpfer“, die Bausteine vier und fünf lauten „Himmel“ und „Erde“.

 Man kann verschiedener Meinung sein, ob „Himmel und Erde“ wirklich zwei eigenständige Bausteine sein sollen, oder ein einziger. Wo es doch im ersten Satz der Bibel heißt „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ offensichtlich gemeint als Einheit. Aber unser Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts wird fast täglich genährt von Nachrichten über die absolute Unermesslichkeit des Alls; bis hin zu den Mutmaßungen über eine astronomische Anzahl von Planeten, auf denen sich Voraussetzungen für Erscheinungsformen des Lebens finden könnten. In der kosmischen Geographie ist unser „Blauer Planet“ mutiert vom alles beherrschenden Mittelpunkt zum eher zufälligen Staubkorn. Himmel und Erde sind zwei ziemlich getrennte Wirklichkeiten geworden, mit denen es unser Verstand, unser Gefühl, unser Glaube gleichermaßen zu tun hat. Ein Spagat, der für unsere frühen Mütter und Väter nicht existierte.

 Umschlossen sind die vier oder fünf Ankerworte des Ersten Artikels von dem Bekenntniswort „Ich glaube“. „Glauben“ in diesem Zusammenhang ist nicht das schwache Gegenteil von Wissen, von Beweisen-können, wie mancher Naturwissenschafts-gläubige Mitmensch uns einreden möchte. Oder einfach Dummheit der Art „Ich glaube, dass ein Pfund Rindfleisch eine gute Suppe gibt.“

 Wenn ich sage „Ich glaube“, dann unternehme ich nicht x-ten Versuch, „Pi mal Daumen“ die Wirklichkeit Gottes zu beweisen. Dieser Versuch muss vor dem Urteil der naturwissenschaftlichen Kritik und der Philosophie immer scheitern. „Ich glaube“ hat große Schnittmengen mit Aussagen wie „Ich vertraue“, „Ich verlasse mich auf“, „ Ich setze auf“, „Ich hoffe auf“. „Ich glaube“ ist ein Satz aus der Welt der Liebe, nicht aus der Welt der Zahlen oder der Naturgesetze.

 Schlag nach bei Luther, kann ich da nur raten: was er (EG 806.2) zur Erläuterung unseres Satzes zu sagen hat, ist eine lupenreine Liebeserklärung. Keinerlei Versuch, Gott theoretisch auf den Thron zu heben, sondern die Beschreibung einer Beziehungskiste: Zitat „Ich glaube , dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen,

mir Leib und Seele, Augen und Ohren und alle Glieder,

Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“

 Das heißt, die Sache mit der Schöpfung läuft weiter, jeden Tag an dem ich aufwache. Alles, was meinem Leben dient, ist Schöpfung; alles was Luther an anderer Stelle als „Täglich Brot“ definiert. Wobei sich dieser Macho nicht scheut, auch „Weib und Kind“ unter die Wunder der täglich neuen Schöpfung zu rechnen. So sehr nimmt der Mensch Martin Luther die Sache mit dem Schöpfer und der Schöpfung persönlich, dass er nicht einmal die Schöpfungsgeschichten der Bibel selbst – die von dem Sieben Tage-Werk und die vom der Paradies-Garten – einer Erwähnung würdigt.

 Die Schöpfungstreue des Schöpfers hat in der Bibel und in vielen Herzen ihr Symbol gefunden mit dem Regenbogen.

 Diesen Gott, bei dem sich Martin Luther so überschwänglich für sein Leben bedankt, nannten unsere lateinisch sprechenden Vorfahren bei der Formulierung unseres Glaubensbekenntnisses den „allmächtigen Vater“. Wir sprechen auf deutsch vom „dem Vater“, dem „Allmächtigen“. Zwei Worte, wie zwei Hammerschläge für Menschen, deren schlimmes Schicksal ihre Väter gewesen sind. Womit wir zum ersten mal mit der Nase kräftig auf ein Problem gestoßen werden, dass uns im Glaubensbekenntnis noch etliche Male begegnen wird. Wir können vom Wesen und vom Willen Gottes nur unter zu Hilfenahme der Bilder und Erfahrungen sprechen, die uns unsere Welterfahrung erschließt.

 Wenn ich bedenke, wie schwer wie uns tun, in die Welt und das Wesen einer Honigbiene, einer Fledermaus, eines Herings, ja selbst eines Hundes einzutauchen – Geschöpfe aus unserer näheren und nächsten biologischen Verwandtschaft, wie tollpatschig und miss verstehbar muss dann alles sein, was wir Gott zuschreiben!

 Aber es ist kein Wunder, dass Vater-Sein und auch Mutter-Sein, – zusammen oder ausdrücklich nur eines von beiden – in vielen Religionen zu Attributen der Gottheit geworden sind. Welche andere allgemein menschliche Erfahrung von Fürsorge und Autorität hinterlässt tiefere Spuren im Leben von mehr Menschen? Wobei für unsere Vorfahren zur römischen Zeit ein Vaterbild galt, in dem sich treue Fürsorge und unbedingte Herrschaft zu völliger Einheit verbanden. Das Eigenschaftswort „allmächtig“ hebt dann noch die letzten Grenzen auf, denen ein irdischer Vater unterworfen bleibt.

 „Allmächtig“ waren die Götter der antiken Welt, vor allen die von Leidenschaften und Testosteron gesteuerten Götter der griechisch-römischen Göttergesellschaft -oder soll man sagen „Götterparty? – wirklich nicht. U.a. ihren allzu menschlichen Eskapaden bietet das Eigenschaftswort „allmächtig“ Paroli.

Aber – und das ist das Wichtigste – allmächtig heißt nicht unberechenbar, was die Absichten Gottes betrifft.

 Wer sich mit dem „allmächtigen Vater“ schwer tut, holt sich am besten Hilfe bei niemand anderem als bei Jesus selber. Dem „Vater“ gegenüber ist sein Herz so frei, freier geht es gar nicht. Einerseits leitet Jesus uns an, zu bitten „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Möge Gottes Wille zum Ziel gelangen in jeder Wirklichkeit. Aber dieser Gott-Vater verweigert sich auch keinem seiner Kinder. Da ist sich Jesus sicher. Deshalb sollen wir nicht beten „Mein Vater im Himmel“, sondern „Unser Vater im Himmel“, – wenn wir den Wortdreher „Vaterunser“ mal zurecht rücken.

 Du kannst Gott nur haben, wenn du seine Liebe auch allen deinen Mitmenschen gönnst – Vater der ganzen Familie!

Im Angesicht des Kreuzesweges kann Jesus mit letzter Glaubenskraft sagen „Dein Wille geschehe“.Und aus dem Mund des Sterbenden ist sogar der Verzweiflungsschrei überliefert: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Aber wenn er glücklich ist, kann er Gott „Abba“, also „Papa“ nennen. Und der Familienvater im Gottes-Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ nimmt sich die Freiheit, aus lauter Liebe alle patriarchalischen Hausgesetze über den Haufen zu werfen.

 Niemand anderer als Jesus selbst hat damit begonnen, das menschliche Gottesbild des „Allmächtigen Vaters“ mit den Erfahrungen und Hoffnungen zu füllen, die unseren Glauben ausmachen: Gerechtigkeit, Neuanfang, Liebe, Gemeinschaft, Heimat. Zu füllen und zu verändern!

 Mit den Glaubenserfahrungen Jesu hat es begonnen – und in unserer Zeit, in unserem Leben geht es weiter: der Versuch, Gott ein Gesicht, einen Namen zu geben, mit unseren Worten und Bildern, angespornt durch das, was wir mit ihm erlebt haben.

 Mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Keine Angst, ich fange jetzt nicht an, die beiden in ihrem Drehbuch unvereinbaren Schöpfungsgeschichten vom Anfang der Bibel auszulegen. Das ginge auf Kosten Eures Mittagessens. Obwohl, Klügeres, den Sinn unseres Daseins Erhellenderes ist wenig geschrieben worden in der Geistesgeschichte.

 Mir reicht es, Euch wenigstens das noch zu sagen: wenn ich wählen muss zwischen der Theorie vom Großen Knall in ihrer jeweils letzten Fassung und diesen vorwissenschaftlichen Texten, dann weiß ich, was ich will. Der Big Bang ist toll, wenn ich ihn denn halbwegs verstehe. Und Wahres im naturwissenschaftlichen Sinn ist vermutlich auch dran. Aber es hat so erbärmlich wenig mit meinem verrinnenden Leben zu tun. Da lasse ich mir liebend gern, wörtlich gemeint, von der Bibel sagen, dass hinter der Welt, die ich erlebe, eine Unmenge von Liebesbeweisen Gottes steckt – für mich ganz persönlich.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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