Wissen,was ich bekenne; Predigten zum „Apostolischen Glaubensbekenntnis“, 1

 

 Einführung

 

In der letzten halben Woche waren sich die Medien ziemlich einig über ihr Top-Thema: das Bekenntnis des abgetretenen Fußballprofis und Nationalspielers Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität. Aufs Ganze unserer Öffentlichkeit gesehen, war das eher eine Meldung der Kategorie „Na und?“. Schließlich hat uns gerade ein schwuler Außenminister vier Jahre lang in aller Welt vertreten. Unsere Hauptstadt hat seit längerem einen schwulen Regierenden Bürgermeister. Kunst, Kultur, Wissenschaft haben lange Listen homosexueller Promis zu bieten. Und Bruder Franziskus im Rom sagt: „ Wer bin ich, dass ich sie verurteile“?

 Zum wagemutigen Bekenntnis wird Herrn Hitzlspergers Erklärung erst, wenn man die Welt des Fußballs als eigentlichen Adressaten ernst nimmt. Da braucht es dann die allerdings die Extraportion Wagemut, zu bekennen, dass man das Nationaltrikot viele Male als schwuler Mann angezogen hat. Kaum eine andere Teilmenge unseres Volkes ist derart von giftiger Homophobie durchsetzt wie die Tribünenfüllung eines Bundesligastadions.

 Die Initiative des Fußballers, der sich keinen bierbenebelten Hassgesängen mehr aussetzen muss, sie hilft uns zu verstehen, was ein Bekenntnis ist. Denn ich möchte mit Euch in den kommenden Monaten jenes Bekenntnis durchbuchstabieren, das wir in jedem Gottesdienst zusammen sprechen. Sein offizieller Name „Apostolisches Glaubensbekenntnis“, im Gesangbuch unter Nummer 804 zu finden; im Original Lateinisch, aus dem späten 4. Jahrhundert. In der deutschen Fassung seit 1971 ökumenisch gleichlautend in allen evangelischen und katholischen Gemeinden

 

– bis auf eine Abweichung im letzten Teil. Lateinisch heißt es da „Credo in sanctam ecclesiam catholicam“. Credo heißt „Ich glaube“, sancta ecclesia heißt „heilige Kirche“. Und catholicus heißt auf deutsch „allgemein“. So haben die frühen regionalen Kirchen im römischen Kaiserreich sich gegenseitig wahrgenommen: als gleichberechtigte Teile eines Ganzen. Die Gemeinde, die Kirche als lebendiger Organismus, wo alle Teile aufeinander angewiesen sind. Das ist ja ein Bild, das schon Paulus mehrere hundert Jahre zuvor gern verwendet hat. Konfessionell getrennte Kirchen in unserem Sinn gab es noch nicht. Also „Ich glaube an die allgemeine, die uns alle umfassende Kirche, die sancta ecclesia catholica“.

 Heute, mit unserer ganzen Kirchengeschichte auf dem Buckel, hat das Eigenschaftswort „catholicus“ bekanntermaßen seine Bedeutung geändert und ist zur Konfessionsbezeichnung geworden. In diesem Sinne heißt es in der katholischen Sonntagsmesse „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“ – und 99 von hundert Katholiken denken dabei an ihre Konfessionskirche mit dem Papst in Rom. Wir sprechen stattdessen: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche.“ Eigentlich müssten wir dabei den Artikel „die“ kräftig betonen um auszudrücken, was gemeint ist – und immer gemeint war.

 Aber es wird Zeit, dass wir dem Beispiel von Thomas Hitzlperger die Ehre erweisen. Er und ungezählte andere Bekennerinnen und Bekenner, sie legen ihre Bekenntnisse ab vor ihren Mitmenschen. Wer sich zu einer Sache bekennt, will Klarheit schaffen zwischen Mensch und Mensch, egal, ob das Gegenüber aus einer ganzen Fernsehnation besteht oder im anderen Extrem aus einem einzigen Menschen. Wer bekennt, mag seinen Gott oder andere leitende Überzeugungen im Sinn haben. Aber Adressat meines Bekenntnisses ist mein Mitmensch. Er soll verstehen und – wenn möglich – akzeptieren, was mich leitet, was ich mir nicht abhandeln lasse, wofür ich bereit bin, einen Preis zu zahlen. Hier stehe ich, das sage ich, danach richte ich mein Tun und Lassen; dazu stehe ich!

 Darum ist unser Apostolisches Glaubensbekenntnis wie alle Bekenntnisse kein Gebet. Ich falte dabei auch nicht die Hände. Es wird viele Bekenntnisse geben, die so gewagt sind, dass sich vor ihnen ein Gebet sehr empfiehlt. Aber das Bekenntnis selbst hat immer irdische Adressaten.

 Da wird es mit dem sog. Apostolicum im Sonntagsgottesdienst etwas schwierig. Vor wem legen wir da unser Bekenntnis ab. Voreinander? Vor uns selber? Eigentlich vor Niemandem?

 Wir merken: unsere Gottesdienste haben ihren öffentlichen Charakter verloren, wenn sie den in unserer jüngeren Kirchengeschichte überhaupt noch hatten. Eine Situation also, bei der anwesende Nichtchristen uns regelmäßig abhören können, was denn die Quintessenz unseres Glaubens sei. Die letzten Nichtchristen, die in größerer Zahl unsere Gottesdienste besucht haben, dürften die Spitzel der beiden Diktaturen gewesen sein, die genauer wissen wollten, was sich in den Kirchen tut – so krass unterschiedlich sie ansonsten waren.

 Na ja, und dann: geht es nicht ein bisschen unkomplizierter? In einer Zeit, in der die abgehackten Sätze der BILD-Zeitung zur Richtschnur der Kommunikation geworden sind. Ungefähr 25 Einzelaussagen in einem Text, der ruhig gesprochen etwa 70 Sekunden braucht. Die meisten Aussagen, die Tatsachen genauso wie die verwendeten Bilder, sind dringend erklärungsbedürftig. Wahrscheinlich nur noch von einer kleineren Minderheit unter uns Evangelischen überhaupt auswendig herzusagen.

 Obwohl ich mich an eine Zeit erinnere, wo man in meiner Heimatkirche nicht Taufpate sein konnte, wenn man im Vorgespräch beim Pfarrer nicht das Glaubensbekenntnis ohne Stottern aufsagen konnte. Schließlich musste man das bei einer Säuglingstaufe dann ja an Stelle des Täuflings auch vor der ganzen Gemeinde tun.

 Womit wir bei einer der glaubhaften Thesen über den Ursprung des lateinischen Textes wären: in ihm sollen demnach in Aussageform die Fragen zusammengefasst sein, die erwachsene Täuflinge – andere gab es nicht – vor der Gemeinde und anwesenden Nichtchristen laut und deutlich mir „Ja“ beantworten mussten. Wobei uns die drei Wege, auf denen Gott in unser Leben tritt, ja schon im Neuen Testament begegnen. Gewinnt Menschen aus aller Welt, gibt Christus den Jüngern mit auf ihren Weg – und „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

 Der dreifache Zugang Gottes in unser Leben, unser dreifacher Zugang zu ihm, er findet sich auch im Aufbau des Bekenntnisses das wir regelmäßig sprechen. Aber die einfache Formel vom Schluss des Matthäusevangeliums ist jetzt prall gefüllt mit Erfahrungen, Wahrheiten, Bildern, Hoffnungen, die der Auslegung bedürfen, weil die Worte zu Zeiten gewählt wurden, als ein anderes Bild der Welt gültig war. Wir werden das versuchen und dürfen auf einige blank polierte Schätze hoffen.

 Wie gesagt, etwa 25 Einzelaussagen. Wir werden unsere Zeit brauchen. Und wir werden auch nach einer längeren Beschäftigung mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis diesen rund 1.600 Jahre alten Text wohl nicht zu unseren wichtigsten Bekenntnis und Werbeträger in der Öffentlichkeit unseres Stadtteils machen. Aber wir werden hoffentlich sicherer auf unseren eigenen Füßen, unserem eigenen Fundament, stehen.

 Und vielleicht Lust verspüren auf die kleinen, pfiffigen Bekenntnisse, die wahrgenommen werden und Rückfragen auslösen, öfter als wir denken. Ich denke Ihr wisst, dass der Fisch eines der ältesten christlichen Bekenntnissymbole ist, deutlich älter als das Glaubensbekenntnis, über das wir sprechen wollen. Ursprünglich ein illegales Graffitto an den Mauern und in den Katakomben Roms.

 Die Welt der ersten Christengenerationen sprach griechisch, so wie unsere Welt englisch spricht. Fisch heißt auch Griechisch Ichthys, fünf Buchstaben; jeder für sich als Wortanfang genommen, lässt sich der Satz bilden: „Jesus Christos Theou Hyos Soter“; „Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser“. Mehr muss erst einmal nicht gesagt werden. Damals unter höchstem Risiko, heute als freiwilliges Coming-Out.

 Soviel für heute!

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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