Verlassenheit

Karfreitag, 06. April2012

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“

(Psalm 22, 2)

Ahnungslos hineinzogen werden in eine wirklich grauenvolle Sache! Diesem Mann ist das passiert bei den Hinrichtung Jesu. Simon von Kyrene sei gerade vom Feld zurück gekommen, berichten drei der vier Evangelisten – und praktisch hineingestolpert in diese schreckliche Prozession. Nicht ein Wort darüber, warum das Kommando gerade ihn herausgreift, um den von der Folter Geschwächten schneller auf den Hügel Golgatha zu treiben. Ob sie ihm nur den Querbalken oder das ganze Kreuz aufladen, wer weiß es? Die Episode ist später zur 5. Station des gemalten oder auch dramatisierten Kreuzweges Jesu geworden. Aber am Anfang stand nicht ein frommes Schauspiel, sondern Zufall und Willkür.

Mit dem zweiten bei der Schilderung von Jesu Hinrichtung namentlich Genannten, abgesehen vom Kreis der Jüngerinnen und Jünger, ist das eine andere Sache. Dieser Joseph von Arimathia ist anders als Simon von Kyrene kein Zufallsbeteiligter. Er stellt für Jesus ein würdiges Grab zur Verfügung. Ein Zeichen von Respekt, vielleicht sogar von Liebe.

Es passt zum blinden Zufall: alles, was über den bloßen Namen des willkürlich heraus­gepickten Kreuzträgers hinausgeht, hat bestenfalls das Gewicht von Indizien. Wohl ein Jude, des Namens wegen, Simon, möglicherweise aus Kyrene in Libyen stam­mend. Deshalb sieht die fromme Überlieferung in ihm den ersten schwarzen Jünger des Auferstande­nen. Aber das setzt voraus, dass das schreckliche Erlebnis ihn zu einem Anhänger des Messias Jesus gemacht hat. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt genug Menschen, die Schockerlebnisse solcher Art im Alkohol ertränkt haben, statt nach ihren Sinn zu fragen.

Bleiben noch die extra erwähnten Namen seiner Söhne Rufus und Alexander. Deuten sie auf eine jüdisch-römische Mischehe hin? Sind der Rufus und der Alexander, die im Römerbrief des Paulus erwähnt werden, allerdings fern von Jerusalem, dieselben Personen? All das hat Bibelausleger beschäftigt. Aber es ändert doch nichts an dem grauenvollen Zufall des Karfreitags: da ist einer auf dem Weg nach Hause, eingesponnen in die Pflichten und Freuden seines Privatlebens. Und von einem Moment auf den anderen ist er Handlanger bei einer grauenvollen Abschreckungszeremonie, ausweglos. Jede Einzelheit bei dieser Gruppenhinrichtung ist darauf angelegt, nicht nur drei Menschen zu töten, sondern Schrecken zu verbrei­ten. Keiner soll mehr wagen, den Namen des Jesus von Nazareth im Munde zu führen. Keiner soll auf die Idee kommen, den beiden Straftätern nachzueifern, die mit ihm sterben müssen. Deshalb: nicht einfach töten, sondern zu Tode quälen!

Ich möchte wissen, was ich nicht erfahre: hat es zwischen den beiden, Jesus auf sei­nem letzten Weg und dem unfreiwilligen Kreuzträger irgend einen Kontakt gege­ben? Konnten sie sich ins Gesicht sehen? Irgendwie mit Gesten oder Worten in Beziehung treten? Was geschieht in vergleichbaren Situationen? Es passiert ja immer wieder. Man möchte sagen, es ist fast alltäglich: Exekutionskommandos wollen fertig werden und greifen sich Leute heraus – um Galgen aufzustellen, um Gruben auszu­heben, um Leichen wegzuschaffen. Wir Deutschen wissen, wo wir massenhaft Berichte und Fotos von solchen Horrorepisoden finden können.

Was tut ein Mensch wie du und ich, wenn die mittelbare Todesangst ihn überfällt. Die es überlebt haben, wissen, dass dem Mitleid allerengste Grenzen gesetzt sind, wenn man selbst entkommen möchte. Der dort ist sowieso verloren. Aber ich will leben. Sobald wie möglich weg von hier. Simon von Kyrene, was kann er anderes getan haben, als augenblicklich in der Zuschauermenge von Golgatha zu verschwin­den, sobald er das Kreuz hinwerfen durfte?

Von den vier Zeugnissen über die Kreuzigung Jesu ist das des Evangelisten Markus wohl das älteste und zugleich das (lasst es mich so sagen), welches dem Alltag der Hinrichtungen am nächsten kommt. Es führt geradewegs zu auf die letzten artiku­lierten Worte Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dass diese Worte aus den Psalmen stammen, macht sie nicht weniger verzweifelt. Es kann dem Sohn der Maria und des Josef, nach Erkenntnis und Bekenntnis der Kirchen einem wirklichen Menschen, nicht anders ergangen sein als allen, die so schrecklich aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgestoßen werden: verlassen zu sein, wirklich von allen Menschen, lässt unser Herz auch an Gott verzweifeln.

Wie hat uns Gott denn geschaffen? Am Anfang steht die göttliche Erkenntnis: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. So sind Frau und Mann nicht einfach Werk­zeu­ge der Arterhaltung. Sie machen einander erst lebenstüchtig – und stehen damit stellver­tretend für all die anderen Beziehungen, die das Leben reich und verlässlich machen.

Der Evangelist Markus weiß nichts von einer Anwesenheit der Menschen, die Jesus am nächsten stehen in Golgatha. Wer manche Zeugnisse von gewaltsamen Todes­kämpfen kennt, der weiß, dass dabei viele unbeantwortet gebliebene Schreie nach der Mutter zum Himmel gestiegen sind, aus tiefster verzweifelter Seele – losgelöst von aller Religion. So, wie Markus die Szene beschreibt, hätte Maria einen solchen Schrei nicht hören können. Seiner Kenntnis nach war sie nicht dort. Wie sollte sie seine Schreie auch ertragen?

Aber die Jünger: sie könnten doch da sein! Das hat es ja gegeben in der Geschichte der Glaubenskämpfe, nicht nur derjenigen im Zeichen des Kreuzes; dass Glaubens­geschwi­ster den Märtyrertod eines der ihren bezeugen; verzweifelt aber standhaft. Aber wir erinnern uns an das Fazit der Nacht von Gethsemane. Markus teilt mit: „Da verließen ihn alle und flohen.“

Aber das Volk Gottes ist zusammengeströmt in Golgatha; die, denen Jesu Liebe und sein Auftrag galt. Unter ihnen die um Gottes Ehre besorgten geistlichen Führer und die Lehrer des Gottesgesetzes. Wie wir wissen, waren unter ihnen Männer, deren Herzen Jesus wirklich bewegt hat. Stimmen sind zu hören, die sich gut der Kraft des Gekreuzigten erinnern: „Anderen hat er geholfen – ja, das hat er – und kann sich jetzt selber nicht helfen.“ Aber das müssen wir erwarten, wenn es gilt, den Messias zu erkennen und anzuerkennen. „So steige er nun vom Kreuz herab, damit wir sehen und glauben.“

Dem Kirchenvolk von Jerusalem, den Begeisterten vom Palmsonntag, genügt ein unbewiesenes Gerücht aus dem Prozess Jesu: „Der du den Tempel in drei Tagen abbrichst und neu aufbaust – hilf dir jetzt selbst und steig herab vom Kreuz.“ Schmäh­rufe einer propaganda-anfälligen Menge; eine Seelenfolter, die wir in unseren Tagen ernst zu nehmen lernen.

Die beiden verurteilten Kriminellen richten ihre eigene Verzweiflung schließlich auch noch auf den Mann in ihrer Mitte und verfluchen ihn. Ich denke, wir sind uns einig, dass diese Grausamkeit noch die geringste ist.

Von dem Exekutionskommando mag man kaum sprechen. Wenn sie auf etwas trainiert sind, dann im erträglichsten Fall auf die absolute Nicht-Beziehung zu denen, die sie zu Tode bringen sollen. Die Kleidung eines ordnungsgemäß Verurteilten hat für sie keinen anderen Stellenwert als das Leder der Kuh für den Schlachter.

Bleibt der, mit dem wir begonnen haben, die engen und immer weiteren Kreise, die das Kreuz umschließen, zu beschreiben. Simon, der vom Feld kam und plötzlich das Kreuz auf seinem Rücken hatte; als Last, nicht als eigenes Todesurteil. Es scheint paradox zu sein, aber die grauenvolle Nähe zum Geschehen zwingt ihm die größte überhaupt mögliche Distanz auf. Wenn einer ohne Schuld wäre, dann er!

Auf welchen dieser Kreise wir auch blicken, aus keinem kommt wenigstens mitlei­dende Liebe, selbst wenn Rettung unmöglich ist. Weil Gott das geschehen lässt, wenn er das zulässt, löst er diesen Schrei aus: „Warum hast du mich verlassen?“ Die Men­schen missverstehen Jesu Gottesdienst-Hebräisch (Eli, mein Gott, statt des Propheten Elia), und der Himmel bleibt stumm. Der Mensch Jesus von Nazareth stirbt ohne Antwort, mit einem unartikulierten Aufschrei. Das ist Karfreitag, gemäß seiner ältesten Überliefe­rung.

Der Kelch ist nicht an Jesus vorübergegangen. Jesus ist den Weg zuendegegangen, in dem er Gottes Willen erkannte. „Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz,“ urteilt Paulus im Brief an die Epheser.

Gott den Auftrag seines Lebens am Ende nicht vor die Füße geworfen zu haben, das ist es, was geblieben ist, im Augenblick des Todesschreies, das ist alles, was geblieben ist.

Vergebung ohne Rationierung; Anerkennung für alle, die sich danach ausstrecken, die Religion für den Menschen und nicht der Mensch für die Religion; das Wagnis der Feindesliebe; die Gerechtigkeit des anbrechenden Gottesreiches. Nichts davon hat sich der Gekreuzigte aus dem Herzen reißen lassen, bis zuletzt.

Und er wäre doch gescheitert, wenn wir nur den Karfreitagsbericht das Markus­evan­gelium kennen würden. Wie anders klingt da die nahezu österliche, aber eben so unirdische Schilderung des Karfreitag bei Johannes. Der Siegesruf „Es ist voll­bracht“ steht dort für das Ganze. Dieser Karfreitag, der von Markus überlieferte, bezeugt dagegen, wie ein Mensch zerbrochen wird.

Das Erdbeben von Ostern kündigt sich bei Markus so leise an wie in keinem der anderen Evangelien. Der vermutlich hart gesottene Centurio des römischen Kom­man­dos hat in den letzten Stunden Ungeheures erlebt. Was genau alles in allem, sagt er nicht. Nur diesen berühmten Satz: „Wirklich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Ein Satz in Vergangenheitsform. Und er wäre in der Geschichte verklungen, spurenlos. Hätte Gott selber nicht aus der Vergangenheit, der Vergangenheit des Gekreu­zigten die Zukunft des Auferstandenen geschaffen. Die Christenheit sollte dem Menschen, den wir Markus nennen, danken für diesen ehrlichen Wegweiser zum Glauben.