Wenn Kirchen sterben

7. Sonntag nach Trinitatis, 3. August 2014

Ihr seid das Salz der Erde! Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als das man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

(Matthäus 5, 13)

Wir bereiten uns auf einen Freudentag vor. Am 21. September beginnt es offiziell: das erste Wegstück in der Geschichte dieser Gemeinde mit einer Frau im Pfarramt; mit einer klugen, erfahrenen, tatendurstigen dazu, wie wir hoffen dürfen. Unsere Gemeinde wird an diesem Tag ein gutes Bild abgeben: volle Kirche, wir Alten weniger unter uns als sonst, manche Versprechen für künftiges Engagement; der Gemeindekirchenrat weitgehend vollzählig im Gottesdienst; die Nachbargemeinden vertreten durch ihre Glückwunschüberbringer mit und ohne Talar. Kein Tag der dunklen Wolken wird das sein, kein Tag für Pessimisten und Spaßverderber. Die haben in der Gemeinde sowieso nicht viel zu suchen – es sei denn, sie sagten eine dringende Wahrheit, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Gott kommt.

Ob meine Wahrheit heute morgen von Gott kommt? Wie kann ich sicher sein! Aber angesprungen hat mich diese Meldung vor zwei Wochen schon, wie ein wildes Tier, so kam es mir vor. Dass es sich um eine Glaubenssache handelte, daran konnte auch kein Zweifel bestehen. Vielleicht erinnert ihr euch. Es kam ja auch in der Tagesschau: die Autokolonnen, in denen die christliche Bevölkerung der nordirakischen Stadt Mossul in Hast und Angst ihre Heimatstadt verließ, auf der Flucht vor dem Gottesstaat des IS. „Nichts als das Schwert“ werde ihnen bleiben, wenn sie nicht zum Islam konvertierten, eine Sondersteuer für Ungläubige zahlten oder die Stadt verließen. Die kurdischen Muslime in ihrem benachbarten und wirkungsvoll verteidigten Autonomiegebiet hatten ihnen Zuflucht angeboten. Inzwischen bietet auch Frankreich Asyl.

Nicht irgendwelche Missionare des 18. oder gar erst des 20. Jahrhunderts haben diese Schwestern und Brüder zu Christen gemacht. Ihre Gemeinden lebten seit ungefähr 1.600 Jahren am Ort, Generationen vor den Muslimen und Jahrhunderte vor den ersten Christengemeinden in Sachsen-Anhalt. Sie sind Urgestein der Christenheit. Ihre Kirchengeschichte wurzelt in den ältesten Wellenbewegungen, die von Jerusalem in die Welt gegangen sind. Dass wir kaum etwas von ihnen gewusst haben, liegt an der Verengung unserer Sicht auf unsere protestantische Konfessionsgeschichte und unsere fünfhundertjährigen Rubbeleien mit den hiesigen Katholiken. Ähnliches lässt sich von den alteingesessenen Glaubensgeschwistern im blutenden Syrien sagen.

Unserer Kirche gleich sind die Kirchen im Irak und in Syrien, was ihre Verantwortung für ihr Tun und Unterlassen in Geschichte und Gegenwart angeht, vor Gott und den Menschen. Aber darum geht es mir heute morgen weniger. Was mich erschüttert, sind diese banalen, unabänderlichen Bilder und Meldungen vom urplötzlichen Ende einer scheinbar unerschütterlichen Ortskirche, von heute auf morgen nach 1600 Jahren – nicht weniger schuldig oder unschuldig an den Versäumnissen der Liebe, eines Frieden und Gerechtigkeit schaffenden Lebens als unsere Kirche und Gemeinde, die frohgemut ihre Zukunft plant. Dabei hätte ich es natürlich wissen müssen: ungezählten jüdischen Ortsgemeinden haben wir erst vor zwei Generationen dieses Ende bereitet – um vieles mörderischer noch als die IS-Fanatiker. Und die Kurienbischöfe der katholischen Kirche tragen seit eh und je Traditionstitel von untergegangenen Uralt-Gemeinden zu Zeiten des Römerreiches.

Wenn auf meine Ohren noch halbwegs Verlass ist, dann hat unsere eigene Kirche auf die Liquidation eines der ältesten städtischen Zentren der Christenheit mit Wortlosigkeit reagiert. Unbegreiflich! Die klaren Worte deutscher Muslimverbände haben sich vorteilhaft dagegen abgehoben. Und ich selber? Ich habe noch hastig versucht, ein paar Kirchenführer, auch hier in Magdeburg, um ein Wort der Trauer in unseren Medien zu bitten – vermutlich erfolglos. Dann bin ich auf Reisen gegangen. Ich habe meine beiden Großväter besucht, den einen zum ersten Mal überhaupt, weil er vor meiner Geburt starb, den anderen zum ersten Mal seit seinem Tod im Februar 1945.

Diesen Großvater, dessen Wonneproppen ich war, habe ich zuletzt gesehen in diesem Haus in dem polnischen Dorf Roszizow im Eulengebirge, früher Steinseifersdorf. Bis zur Ankunft diese Woche wusste ich nicht sicher, dass es noch steht. Ein riesiges herrschaftliches Pfarrhaus aus dem 18. Jahrhundert, in das unser Pastorenhaus neben der Markuskirche, na ich würde sagen, mindestens viermal hineinpasst. Mein Vater war dort gewählter Pfarrer, aber Soldat und daher abwesend. Zum Ende des Krieges ab Januar 1945 lebten wir zu viert in dem ungeheizten Riesenbau, meine todkranke Mutter und ich und meine Großeltern. Opa, Superintendent in Brieg, hatte uns von dort hierher gebracht und wollte zurück in seinen Kirchenkreis, kam aber wegen des Chaos jener Tage nicht mehr weg. Also packte er zu in dem pfarrerlosen Dorf, beerdigte einen Flüchtling und brach auf dem Weg ins Pfarrhaus selber tot zusammen. Eine Familientragödie wie Millionen andere. Eine Oma und ein Kind waren übrig von einer bei Kriegsbeginn männerreichen Familie.

Ich stehe auf dem asphaltierten Buswendeplatz vor dem riesigen Ex-Pfarrhaus, in dem ich, ohne lebendige Erinnerungen, fünf Jahre gelebt habe. Sechs bis acht Parteien müssen, den parkenden Autos nach zu urteilen, heute hier ihr Dach über dem Kopf haben, hinter den Mauern mit dem abgeblätterten Putz. Links oben muss das Zimmer sein, in dem meine Mutter am Tag nach meinem fünften Geburtstag wegen Insulinmangel ins Koma gefallen und gestorben ist.

Ich habe freie Sicht. Auf dem Parkplatz stand in meiner Kindheit die große Kirche. Ein Schaukasten zeigt erstaunlich gute Fotos. Der letzte Gottesdienst war die Konfirmation im April 1946. Danach wurde die Ausweisung der Deutschen zuendegeführt. Die Kirche verfiel und wurde 1976 abgerissen. Mein sprachkundiger Sohn vermittelt mir den Eindruck, dass der polnische Schaukasten-Text respektvoll und ohne Ressentiments von der erloschenen deutschen evangelischen Gemeinde und ihrer Kirche berichtet. Die letzte Glocke ist irgendwann einer Gemeinde in Niedersachsen übergeben worden, in der etliche Leute aus dem Dorf bzw. ihre Nachkommen heute noch leben. Dagegen ist der strenge Uringeruch in dem Wartehäuschen in Höhe des ehemaligen Altars eine Banalität. Das wäre hierzulande nicht anders. Das gottesdienstliche Leben findet heute nur noch in der 500 Meter entfernten katholischen Kirche statt. In ihrem Eingang steht eine Kitschbüste des neuheiligen polnischen Papstes. Seinerzeit war dieses Kirchlein die Nachbarin der großen evangelischen Kirche auf dem Buswendeplatz.

Letzten Dienstag habe ich dann den anderen Großvater getroffen. Einer von der Sorte Mann, die eher selten mit kleinen Jungen herumgetobt hätte. Sein Platz, von 1915 bis zu seinem Tod Anfang 1936, war dafür umso großartiger: die Friedenskirche in Jauer, heute Jawor. Heute Weltkulturerbe, eine der größten Fachwerkbauten, die Historiker kennen. Ein skurriler Kompromiss des Westfälischen Friedens von 1648. Schlesiens katholische Fürsten mussten damals drei evangelische Kirchen im Lande zulassen, eine davon in Jauer. Ihre Bedingungen: sie musste einen Kanonenschuss weit außerhalb der Stadtmauern errichtet werden, kein Steinbau, nur Holz, Lehm und Stroh, kein Turm. Herauskommen ist das gemeinsame Weltkulturerbe der Friedenskirchen von Jauer und Schweidnitz, Fachwerkbau ins Extrem getrieben. Und Großvater, letzter Superintendent von Jauer, hatte es am Sonntag mit rund 5.000 Gottesdienstbesuchern zu tun, auf bis zu vier Emporen übereinander, ohne Mikrofon. So erzählt der gut deutsch sprechende ehrenamtliche Besucherbetreuer der winzigen polnisch sprechenden Friedenskirchengemeinde, die heute Träger der Kirche ist. Als er meine verwandtschaftlichen Verhältnisse verstanden hat, macht er mich nachdrücklich auf die mannshohe Gedenktafel am Rande des Parks neben der Friedenskirche aufmerksam. Der Park ist nichts anderes als der eingeebnete Friedhof aus deutscher Zeit. Meine halbe Familie, nicht nur der Großvater, war hier beerdigt. Der Bürgermeister von Jawor macht in einem sehr angemessenen und von ehrlichem Bedauern geprägten Text auf die Vergangenheit des Ortes aufmerksam. So geht Versöhnung!

Soweit meine beiden Großväter. Die Begegnung mit ihrem Wirkungskreis in der ehemaligen Evangelischen Kirche Schlesiens war eine wohltuende, aber nicht aufwühlende Privatsache. Bleibt freilich die Frage: warum sind alle diese Gemeinden verschwunden? Nur Gott weiß, wie viele Frauen und Männer ihre Liebe, ihre Glaubens- und Geisteskraft für ihr Gedeihen eingesetzt haben. „Salz der Erde“ sollten sie sein. „Salz der Erde“, lebenswichtig oder nutzlos; dieser Vergleich aus dem Munde Jesu muss meinen schlesischen Pastorenvorfahren, die es im Dutzend gegeben hat, manches Mal über die Lippen gekommen sein. Einen Teil der Antwort müssen meine Großväter gekannt haben. Schließlich waren sie „Insider“, wie man heute sagen würde. Der eine, der, den ich persönlich kannte, hat seinen Kirchenkreis ganz früh in der Bekennenden Kirche verankert. Ich glaube, mein Vater hätte auch die Tochter nicht gekriegt, wenn er nicht zu den jungen Leuten der Bekennenden Kirche gehört hätte. Der andere, der aus Jauer, hat nach dem Urteil von Kirchenhistorikern zuerst eine Zeit lang der Illusion einer Vermittlung zwischen den Kirchenparteien angehangen. Dann hat er seine prominente Gemeinde umso unmissverständlicher mit der Bekennenden Kirche verbunden. Sein früher Tod Anfang 1936 lässt meine Fragen offen.

Man kann, was unsere jüngste Kirchengeschichte angeht, peinlichere Vorfahren haben. Aber die beiden Walter – beide hießen so – waren Arbeiter und Sprecher einer Kirche, die es nicht vermochte, als Ganze gegenüber dem höllischen Zeitgeist und seinen Verbrechen vorrangig den Willen Jesu zu bezeugen. Ich wünsche mir sehr, dass beide als kluge Männer das erkannt haben oder erkannt hätten, wenn ihnen die Zeit geblieben wäre. Aber wenn je das Salz einer Kirche taub geworden ist, dann das der unseren. Und nach den Gerichts- und Gnadenregeln der Bibel leben wir noch in den nahen Generationen, in denen die Schuld der Väter zur Fessel wird.

Dass ausgerechnet die christlichen Gemeinden deutscher Sprache östlich von Oder und Neiße auch biografisch verschwunden sind, ist nach den Maßstäben Jesu eher nebensächlich. Denkt an seine berühmte Frage: „Meint ihr etwa, dass die Leute, auf die der Turm von Siloah fiel, schuldiger waren als ihr?“ Außerdem liebt Jesus seine heutige katholische Gemeinde in Roszizow, wie er die evangelische in Steinseifersdorf geliebt hat. Aber die auf die Nazizeit folgende Lähmung der missionarischen Kraft unserer Kirche hat uns alle begleitet, unser Glaubensleben lang, vielleicht mit wichtigen Nuancen zwischen ehemals Deutschland West und Deutschland Ost. Auf dem nutzlosen Salz unserer Kirche ist gut Trampeln.

Aber der gnädige Gott legt uns nicht über Menschengedenken hinaus fest auf Schuld, die war, auch wenn sie unermesslich scheint. So verabschiede ich mich nach Jahren der Mithilfe auch mit guter Hoffnung für dieses Kirchspiel, dass Christenmenschen und Pfarrerin samt den umwohnenden Nachbarinnen und Nachbarn künftig wieder öfter und eindeutig das Salz in der Suppe des Glaubens schmecken mögen. Dieses Salz, das wir alle zum Leben brauchen.