Eritrea? Muss ich das kennen?

Eritrea? Ich fürchte, eine satte Mehrheit unter uns Deutschen wird kaum in der Lage sein, diesem Land einigermaßen korrekt seinen Platz auf der Landkarte zuzuweisen. Ja, den Namen hört man öfter, Tagesschau und so. Irgendwo da bei Syrien, oder Afrika? Afrika stimmt. Soweit mag es gerade noch klappen. Aber darüber hinaus herrscht Wissensnebel.
Hochnäsig vorwerfen kann ich das niemandem. Schließlich hangeln wir uns ja alle unwissend durchs Leben. Nur wo es für uns wirklich wichtig wird, oder spannend, oder einfach schön, schauen wir genauer hin und fangen an zu lernen.
Dann allerdings ist es höchste Zeit, das Wichtigste, das Grundlegende über Eritrea, über seine Menschen zu lernen. Denn in kaum einem anderen Land auf Erden haben gerade junge Menschen so viele verzweifelt gute Gründe, ihr letztes Heil in der Flucht zu suchen. Unsere Regierung muss das wissen. Denn in der Hauptstadt Asmara gibt es eine deutsche Botschaft.
Erst 1993 hat Land am Horn von Afrika nach 30 Jahren Krieg seine Unabhängigkeit von Äthiopien erkämpft. Damals genoss Eritrea mit seinen ungefähr sieben Millionen Menschen viele Sympathien, auch meine. Spätestens nach einem weiteren mehrjährigen Grenzkrieg hat sich das Regime des Diktators Afewerki ab dem Jahr 2000 aber zu einer gespenstischen Diktatur entwickelt, die ihresgleichen sucht und vielleicht gerade noch bei Nordkoreas pausbäckigem Kim III fündig wird.
Ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument ist der „Eritreische Nationaldienst“, zu dem alle Bürger ab dem 18. Lebensjahr unbegrenzt, bis an die Grenze des Alters, herangezogen werden können. Politisch-propagandistisch wird der Dienst mit einem Zustand „Kein Krieg – kein Friede“ begründet und gerechtfertigt. Tatsächlich wird so nicht nur eine Armee unterhalten. Vor allem bilden die Nationaldienstler ein unbezahltes Zwangsarbeiterreservoir, mit dessen Hilfe die Mächtigen auch ihre privaten Unternehmen Personalkosten-frei laufen lassen können. Nicht wenige warten schon mehr als zehn Jahre auf ihre Entlassung. Niemand in Eritrea weiß, wie viele Jahre er durch den Zwangsdienst seiner Freiheit beraubt sein wird. Darüber zerbrechen die Familien. Die Alten müssen ohne die Hilfe der Kinder und Enkel überleben. Das seit 15 Jahren etablierte System der heroischen Zwangsarbeit ist weltweit einmalig. Wer aufmuckt, landet in der Welt des Schweigens der Kerker des Regimes oder stirbt einen schnellen Tod. Weiterlesen

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Hintersinniger Wegweiser

Der britische Humor ist die Wiedergutmachung für die britische Küche. Ich erinnere mich, dass seine Früchte Menschen, die meinem Herzen sehr nahe sind, mitunter als seelische Kraftnahrung gedient haben – auch wenn mir selbst z.B. für das legendäre „Leben des Brian“ eine Portion Lockerheit gefehlt hat. Manchmal, hege ich den Verdacht, wirkt der britische Humor dadurch, dass er nicht als ausgeflippter „Flying Circus“ daher kommt, sondern abgrundtief seriös, als wolle er sich förmlich dagegen verwahren, mit Humor irgend etwas zu tun zu haben. Anders als bei den Gags von der Stange hat dann jeder Zeuge die Chance zum ganz individuellen Kichererlebnis: auf der Stelle, mit kleiner Reaktionszeit – oder auch erst abends beim Einschlafen, wenn die Skurrilität made in Britain unerwartet noch mal in der ganz privaten Tagesschau wieder auftaucht.

So ist es mir ergangen mit dem anderthalb-Sekunden-Bild aus der TV-Berichterstattung über die Unterhauswahl vor zwei Tagen. Auf der Insel wählt man auch in Kirchen; vielleicht eine Gewohnheit, die dem dortigen anglikanischen Staatskirchentum entsprossen ist. Andererseits soll diese unsere Schwesterkirche heutigentags auch nur mit Wasser kochen. Der Zulauf ist überschaubar. Deshalb wohl der hilfreiche schmucklose Wegweiser, den der deutsche Kameramann passgenau ins Bild holte: ein schwarzer Pfeil mit zwei Spitzen, dazu rechts das Wort „Vote=Wählen“, links „Pray=Beten“. Da hat der britische Nachbar, die Nachbarin, alle Optionen auf einen Blick: Kombi 1: erst wählen, dann beten: Kombi 2: erst beten, dann wählen! Oder eben: nur wählen oder nur beten. Bei den Kombi-Lösungen bietet sich die erste vermutlich an, wenn man der gerade gewählten parteiunabhängigen höheren Beistand mit auf den Weg geben möchte. Kombi 2 dient vielleicht vorrangig der Überprüfung der eigenen Wahlentscheidung. Sogar eine Kombi 3 ist ja noch vorstellbar: vorher und hinterher beten, im Sinne von Kombi 1 und 2, und dazwischen wählen. Weiterlesen

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Spendenwerbung: Ping-Pong der Gefühle

Ich gestehe, dass ich nicht jedem Werbebrief einer Hilfsorganisation die Aufmerksamkeit schenke, die er wahrscheinlich verdient hätte. Dass ich viele solcher Briefe bekomme, habe ich mir selbst zuzuschreiben. Über die Jahrzehnte hier und da eine einzelne Spende aus gegebenem Anlass, oder – bei wenigen – ein Dauerauftrag über längere Zeit, das hat Folgen. Keine Woche ohne einschlägige Post und Richtung Weihnachten auch schon mal drei, vier konkurrierende Bitten täglich. Die „Spenderpflege“ gehört zum Kerngeschäft jeder Hilfsorganisation. Spenderadressen sind kostbarer Besitz. Seit kein wohltätiges Haus mehr auf die spezialisierten EDV-Programme verzichten muss, hat sogar eine unglaubwürdige Nähe zwischen Organisation und Spender Einzug gehalten. Kaum eine Bitte, bei der ich nicht mit korrektem Namen und Geschlecht angeredet werde; ich selbst und die anderen 85.244 Leute auf derselben mailing-List.

Die Notwehr der vielfach Gebetenen wird wohl überall dieselbe sein. In Kenntnis der aktuellen eigenen Spendenpraxis die Masse der übrigen Bitten möglichst ungeöffnet in den Papierkorb! Denn fange ich erst einmal an zu lesen, begegnet mir da mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Gerechtigkeitsproblem, das mir nicht egal sein kann. Dann mal unterstellt, dass jede Spende unter 50.-€ dem Hühnerknochen gleicht, den man einem Hund hinwirft, laufen Vernunft und Gefühl vor die Wand. Meine Geldquelle ist meine gute Rente, sonst nichts. Also kann ich grundsätzlich an meinem Dilemma nichts ändern. Weiterlesen

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Fürbittengebet: Überprüfungskonferenz von 191 Staaten zum „Atomwaffen-Sperrvertrag“; New York

Dieser Text ist Bestandteil des wöchentlichen Fürbittendienstes zum Zeitgeschehen der Aktion “Brot für die Welt” und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

Vielen GottesdienstbesucherInnen wird der Gegenstand der Konferenz kaum vertraut sein. Der „Atomwaffen-Sperrvertrag“ (Nuclear Proliferation Treaty, NPT) von 1970 ist aber die Grundlage des bisherigen Verzichts der meisten Staaten auf Atomwaffen. Grundgedanke: Nichterwerb von Atomwaffen der einen gegen atomare Abrüstung der anderen. Der Erhalt des Vertrages ist für die Menschheit überlebenswichtig.

Es empfiehlt sich, den Text in mehrfachem Wechsel auf drei SprecherInnen aufzuteilen

Lass die Politiker aus fast allen Staaten der Erde und ihre Beraterinnen und Berater
nicht allein,
wenn sie in den kommenden Wochen in New York
wieder über die Zukunft des „Atomwaffensperrvertrages“ verhandeln.

Wir danken dir dafür, dass die nüchterne Vernunft dieses Vertrages
seit bald 50 Jahren die hemmungslose Ausbreitung der Atomwaffenarsenale
auf Erden eingedämmt hat.

Schärfe Gewissen und Vernunft aller, die in New York verhandeln,
damit der Grundgedanke des Vertrages
am Leben erhalten werden kann.

Bewahre die Repräsentanten der offiziellen Atommächte
vor der Arroganz der Besitzenden,
damit sie ihre Verpflichtung zur atomaren Abrüstung
nicht durch sog. Modernisierungen umgehen.

Rüste alle Initiativen mit Überzeugungskraft aus,
die von unserem Land
den Verzicht auf „nukleare Teilhabe“ innerhalb der NATO fordern, Weiterlesen

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Notruf 2015

Wo bist du damals gewesen? Bei unvergesslichen Tagen der Zeitgeschichte ist das eine beliebte Frage. Was die für uns alle lebensgefährliche Kubakrise vom Oktober 1962 angeht, kann ich die Frage beantworten: in der Kneipe am Duesbergbusch, Ecke Kappenberger Damm in Münster/Westfalen. Nicht, weil mir nach Saufen zumute war, sondern weil es in unserer Familie noch keinen Fernsehapparat gab.
Das Hinterzimmer beim Wirt war während der kritischen Tage rappelvoll. Wir hingen am Schwarz-Weiß-Bildschirm in der bangen Hoffnung, dass die Supermächte sich doch noch irgendwie aus dem nuklearen Show-Down heraus schleichen würden. Das hier war kein Western mit einem heldenhaften Sheriff und einem Banditenhäuptling auf verlorenem Posten. Das war eine Reality-Show unter Einbeziehung des Publikums: „Wer als erster schiesst, stirbt als Zweiter.“

Wie alle kleinen Leute, wusste ich damals nur, was wir wissen sollten. Wir konnten nicht wissen, in welche haarsträubenden Situationen einzelne Soldaten beider Seiten auf dem Höhepunkt der Krise tatsächlich geraten sind; als kein Präsident, kein Generalsekretär, noch nicht einmal ein militärischer Vorgesetzter einem durchschnittlichen Offizier die Entscheidung abnehmen konnte, ob er auf einen bestimmten Knopf drücken sollte, weil der Drill das eigentlich verlangt hätte. Nichts war es mehr mit rationalem, immer um Auswege bemühten Krisenmanagement.

Menschheit und Schöpfung haben einfach Glück gehabt. Jede und jeder mag das in seiner Weltanschauung buchen, wie es passt. Ein zweites mal durften die Herren über das Selbstmord-Arsenal der Menschheit nicht auf rettendes Glück spekulieren. Darum erfuhren wir Weiterlebenden bald nach der akuten Krise von dem „Heißen Draht“, der künftig Washington und Moskau verbinden sollte, für den Fall, dass es einmal um Minuten gehen würde. Der „Draht“ war kein Telefon, sondern eine Fernschreibverbindung. Technisch stand sie 1963. Anschließend ging der „Heiße Draht“ als Symbol für politische Vernunft in unsere Sprache ein. Organisatorisch mussten wir uns den „Heißen Draht“ weniger als Verbindung zwischen den Schreibtischen der Bosse vorstellen. Wichtiger, verzweifelt wichtiger, ist es, den Handwerkern des Kriegsgeschehens eine letzte Chance zur Aufklärung von entsetzlichen Missverständnissen zu geben – dann, wenn die „ganz Oben“ bereits aus dem Spiel sind. Weiterlesen

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Der Siebzigjährige Friede

Ansprache in der Stephanuskirche Niderndodeleben-Schnarsleben zum 70. Jahrestag von Kriegsende und Befreiung 1945

„Unser Leben währt 70 Jahre – und wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre.“ Wer sich zur christlichen Gemeinde hält, hat diesen Satz aus dem 90 Psalm oft gehört. Die höchste Wahrscheinlichkeit besteht bei Beerdigungen.
70, 80 Lebensjahre! Ja, das kam vor in der Gesellschaft des historischen Israel. Aber diese Alten waren die bestaunten Ausnahmen, in der Regel verehrt und umsorgt in einer Gemeinschaft, die mit sehr viel kürzeren Lebensspannen rechnen musste – angefangen bei der Herz-abdrückenden gewaltigen Kindersterblichkeit.
Wir betrachten 70 Lebensjahre – wider besseres Wissen – inzwischen als eine Art Mindestalter,-  vergleichbar dem Mindestlohn -, das wir für uns einfordern. Und es ist ja auch so: die Mehrzahl aller Familien in Deutschland kann, wenn sie will, in dieser Woche eine eigene Alte, einen eigenen Alten fragen: „Oma, Opa, woran erinnerst Du Dich, damals, Mai 1945, als der Krieg zu Ende war? Was hast Du erlebt? Was hast Du gefühlt?“ Sehr viele dieser Alten von heute haben die lebensgefährlichsten Situationen ihres Lebens sehr früh überstanden, in Luftschutzkellern, auf Flüchtlingstrecks. Viele von uns Alten wissen, welche längst nicht mehr Lebenden uns damals mit letzter Kraft durchgebracht haben. Ich jedenfalls weiß das.

70 Jahre danach stehen wir Alten in einer Zeugenpflicht – auch wenn wir „nur“ die Wahrnehmungen von Kindern weitergeben können. Die Bibel hält uns dazu an. Manches mal wird dort wahrhaftige Zeugenschaft von den Älteren und Alten eingefordert: „Wenn dich dein Kind fragt…wo wir herkommen; worauf es ankommt, dann sollst du antworten.“
In Israel ging es dabei um die Geschichte seines Gottesbundes. Für unsere Enkel und Urenkel geht es um ihre Freiheit und um die Verantwortung, die sich dennoch aus ihren Wurzeln ergibt

Das gilt sogar für die jungen Muslime, die Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Sie werden als Deutsche durchs Leben gehen. Deshalb müssen wir sie ehrlich und geduldig davor bewahren, dass sie sich vergiften an der Erscheinungsform des Antisemitismus, der sich nährt aus dem bösen Konflikt zwischen dem Staat Israel und seinen muslimischen Nachbarn.

70 Jahre: für ein Menschenleben empfinden wir das nicht mehr als spektakuläre Zeitspanne, wie zu biblischen Zeiten. Als Periode des Friedens, wenigstens als Periode ohne offenen Krieg, ist sie für uns Deutsche erstmalig. In der Schule lernten wir nur Kriege, keine Friedenszeiten, an Hand ihrer Dauer zu unterscheiden: allen voran den Dreißigjährigen Krieg – mit seinem schlimmsten Massaker nur wenige tausend Meter von dieser Kirche entfernt, im Magdeburg 1631; den Siebenjährigen Krieg als gewalttätige Geburtswehe des 1945 erloschenen Staates Preußen. Europa erlebte im 14. und 15. Jahrhundert sogar seinen „Hundertjährigen Krieg“, in dem die Herrscher Frankreichs und Englands mit Unterbrechungen ihre Interessengegensätze austrugen.

Was hindert uns, ab dieser Woche vom „Siebzigjährigen Frieden“ zu sprechen? Wohl nur die Selbstverständlichkeit, dass es nicht bei diesen 70 Jahren bleiben darf. Je mehr Menschen sich Gottes Erde teilen müssen, untereinander und mit ihren Mitgeschöpfen, um so zwingender erweist sich der Friede als die Lebensbedingung schlechthin. Ihn dort zu bewahren, wo er gilt und ihn wieder zu gewinnen, wo Menschen in Kriege gestürzt worden sind, das ist erste Bürgerpflicht für uns alle, ohne Ausnahme. Der garstigen Politik den Rücken zukehren, z.B. wenn wir eines baldigen Tages aufgefordert wären, Kriegsflüchtlinge in Frieden bei uns wohnen zu lassen, das wäre wohl Friedensgefährdung durch Unterlassen.
Der 70-jährige Friede seit 1945 war nicht harmonisch, keine heitere Zeit, zeitweise voller Nöte, voller Lügen, voller neuer Feindbilder, voller Verstocktheit, voller Momente, da der Friede in höchster Gefahr war. So heißt es auch im 90. Psalm: 70, 80 Jahre „und was immer daran kostbar gewesen ist, ist doch auch schwere Last und Trübsal gewesen.“
Auch in diesem Dorf kann es kaum anders gewesen sein. Seit dem Tag vor 70 Jahren, der in dem hier so populären alten Fernseh-Krimi ins Bild gesetzt worden ist: als russische Soldaten 50 Meter von hier auf Pferdewagen aus Richtung Irxleben in den Ort einrückten. Bald wurden sie offiziell zu Befreiern erklärt. Aber diese Befreiung begreifen? Das hat überall im untergegangenen Nazi-Deutschland unendlich viel länger gedauert, von der Minderheit tatsächlich befreiter Naziopfer abgesehen. Weiterlesen

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Fürbittengebet: 70. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung, 8. Mai 1945

Dieser Text ist Bestandteil des wöchentlichen Fürbittendienstes zum Zeitgeschehen der Aktion “Brot für die Welt” und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

Es empfiehlt sich, den Text an den gekennzeichneten Stellen auf mehrere SprecherInnen aufzuteilen

SprecherIn A  Gott, du, unser Wegweiser zum Frieden,
70 Jahre nach dem Ende des Krieges,
den unser Volk über die Menschheit gebracht hat,
danken wir dir für die Gnade,

dass unsere nachgeborenen Generationen
ohne die Schrecken eines neuen Krieges
aufwachsen und leben durften,

SprecherIn B – dafür, dass die meisten der Jüngeren und Jungen begreifen,
dass auch wir im völligen Zusammenbruch des Nazistaates
befreit worden sind,

SprecherIn C – dafür, dass Millionen Nachgeborene den Zeuginnen und Opfern
von Holocaust, Terror und Kriegsverbrechen
mit aufnahmebereiten Herzen zugehört haben
und noch zuhören.

SprecherIn A – Wir danken dir für die wachsende Ehrlichkeit,
durch die sehr viele,
die gefangen waren in Ungeist und Leid der Zeit,
doch noch ihre eigene Befreiung erkennen konnten.

SprecherIn B – Wir danken dir für die ungezählten Worte und Gesten
der Vergebung und des Neuanfangs,
– zwischen einzelnen Menschen und in der Öffentlichkeit -,

die überlebende Opfer des Krieges und ihre Nachkommen
uns Deutschen seit 1945 geschenkt haben,
manche nach bitteren inneren Zweifeln.

SprecherIn C – Wir danken dir für die Normalität,
mit der wir heute,
ohne je zu vergessen,
unseren Teil der Mitverantwortung
für das Wohl von Menschheit und Schöpfung übernehmen können.

SprecherIn A – Dabei bitten wir besonders für uns Christinnen und Christen,
eine Minderheit in unserem Volk:
mache zu aller erst uns selbst zu Werkzeugen deines Friedens,

damit das blinde Vertrauen in Schutz und Macht der Waffen
in Frage gestellt wird, im Namen Jesu;

SprecherIn B – damit wir keinem Feindbild erlauben, sich endgültig
unserer Herzen zu bemächtigen;

damit wir erkennen, wie viel wir haben dürfen,
so dass alle genug haben;

damit der Friede auf Erden nicht zerbricht
an der Gier, mit der wir diesen Planeten plündern.

SprecherIn C – Verbinde unsere Herzen, Sinne und Hände
mit allen, die ihr Bürgerrecht nutzen,
um zu verhindern,
dass Interessen und Macht unseres Landes
heute Menschen fern unserer Grenzen schlimmen Schaden zufügen.

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Äcker zu Eigenheimen

Dass wir Deutschen zu einer bedrohten Art gehören, kann ich nun wirklich nicht bestätigen. Von wegen: immer weniger! Und das trotz all der türkischen Neubürger, die man noch nicht einmal an Hand der Vornamen nach Geschlechtern sortieren kann.

Der Augenschein lehrt mich anderes. Gestern habe ich in der Frühlingssonne mit dem Rad mal einen etwas weiteren Bogen durch die Ackerfluren unseres Großdorfes gemacht. Und was soll ich Ihnen sagen? Die nächsten beiden großen Flurtücke haben sich in Bauland verwandelt. Die ersten fünf Häuser stehen schon im Rohbau. Am Ende werden es vielleicht 20 oder 30 sein. Nichts für den Millionär! Aber auch keine Chance für den Kleinverdiener. Die Bauherren werden wohl durch die Bank einkommensteuerpflichtig sein und sich den Traum vom nicht zu mickerigen Eigenheim erfüllen. Ob dieses neue Baulos, wo aktuell die Baumaschinen ihr Stelldichein haben, in unserem Dorf das zehnte oder zwanzigste seiner Art ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur so viel: unsere Einwohnerschaft ist in der letzten Generation nicht einfach gewachsen. Sie ist explodiert.

Das war möglich, weil wir nach 1989 in Katzensprung-Entfernung zur neuen Landeshauptstadt Magdeburg viele Hektar an Bauland anzubieten hatten. Bauland, das muss gesagt werden, ist Land, das durch politische Entscheidung dazu erklärt wird. Ob es sich dabei zuvor um Geröllhalden, Abbruchgrundstücke, ehemaliges Industriegelände oder eben um Deutschlands beste Ackerböden handelt, spielt dabei keine Rolle. Letzteres ist in der Magdeburger Börde der Fall. Aberhunderte Baugrundstücke sind in 25 Jahren allein in unserem Dorf aus Ackerböden mit den höchsten Punktzahlen für landwirtschaftliche Nutzbarkeit herausgeschnitten worden. Und ein Ende ist nicht absehbar. Viele Magdeburger Oberregierungsräte und Fachärztinnen suchen noch, was ich ihnen nicht missgönnen will: die Ruhe nach dem beruflichen Sturm in einem netten zu Hause unter sozial Gleichgesinnten.
Das Angebot in den Lebensmittelabteilungen unserer Supermärkte ist durch diesen landesweiten Ackerfraß zugunsten der Häuslebauer bisher nicht knapper geworden. Schließlich ernähren wir uns von den Weltmärkten, im wörtlichen Sinn und nicht – wie etwa 1900 Jahre lang – von der heimischen Scholle. Auf der wächst rund um Magdeburg sowieso keine Menschennahrung, sondern Biomasse für den Energiehunger. Gleich neben den neuen Eigenheim-Baustellen steht der Raps in voller Blüte. Weiterlesen

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Pressefreiheit: großartig und kostbar – UNO-Tag der Pressefreiheit, 3. Mai

Einmal habe ich das Grundrecht der Pressefreiheit als persönliche Bedrohung empfunden. Das ist lange her. Ende der 60er Jahre veröffentlichte die damals auflagenstärkste Alt-Nazizeitung – Neonazis sind erst eine spätere Errungenschaft – eine lange Liste mit Namen und vollständigen Adressen von Leuten, die sich für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Friedensgrenze zwischen Deutschen und Polen ausgesprochen hatten. Hintergrund war der innenpolitische Streit in der alten BRD im Anschluss sog. Ostdenkschrift der Ev. Kirche in Deutschland aus dem Jahr 1965.

Neben Leuten des öffentlichen Lebens, die Kummer gewöhnt waren, standen viele Unbekannte auf dieser Liste. So auch ich. Die braune Redaktion forderte ihre Leserschaft unverfroren auf, den „Verrätern an Deutschland“ per Post und Telefon die Hölle heiß zu machen. Dass die ewig Gestrigen auch in unserer roten Ruhrgebietsstadt eine beachtliche Leserschaft hatten, konnte ich aus einer ganzen Reihe von wohlwollenden Nachfragen schließen: „Wissen Sie schon, dass Sie bei denen auf der Liste stehen?.“
Für den Fall, dass es nicht bei straffreien Meinungsäußerungen geblieben wäre, ist mir damals unser Kleinkind und meine schwangere Frau in den Sinn gekommen. Das kann ich nicht leugnen. Klar, dass ich mich fragte: „Dürfen die das?“ Sie durften. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass die Zeitung wegen ihrer hetzerischen Titelseite damals belangt worden wäre. Pressefreiheit in Frage zu stellen, heißt, ein dickes Brett bohren.
In späteren Jahren gab es dann noch zwei Skandale, die Menschen meines Verantwortungsbereichs betrafen. Eine Sensationszeitung machte sich über sie her und gab sie wahrheitswidrig der Lächerlichkeit preis. So etwas hat nicht nur einmal, Verzweifelte in den Selbstmord getrieben.

Drei Erlebnisse, die mich an grenzenloser Pressefreiheit zweifeln ließen.

Dem stehen in einem unspektakulären kirchlichen Arbeitsleben gefühlt tausend Tage und Situationen gegenüber, wo ich das Wechselspiel von Nachrichten, Meinung und Widerspruch, das die Pressefreiheit mit sich bringt, einfach nur großartig und kostbar gefunden habe. Viele Menschen haben sich jahraus, jahrein die Freiheit genommen, mir und der Kirche, in deren Namen ich arbeitete, öffentlich harsche Kritik unter die Nase zu reiben.
Sie hatten Anlass dazu, weil zuvor Journalistinnen und Journalisten sich die Freiheit genommen hatten, unseren Anliegen in Zeitung oder Radio Raum zu geben, oder uns gleich selbst zu Wort kommen zu lassen. Weiterlesen

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Fürbittengebet: UNO: Internationaler Tag der Pressefreiheit, 3. Mai

Dieser Text ist Teil des Fürbittendienstes zum Zeitgeschehen der Aktion “Brot für die Welt” und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

 

Wir danken dir für die Arbeit der Frauen und Männer,
die das hohe Gut der Pressefreiheit mit Leben erfüllen,
auch dort, wo sie auf Hindernisse
und die Willkür von Mächtigen stoßen.

Beschenke die junge Generation in den Medienberufen
mit der Neugier, die sich verbindet mit Wahrheitsliebe
und Respekt vor menschlichen Schicksalen,

damit ihre Arbeit der Menschheitsfamilie den Rücken stärkt
und nicht Vorurteile oder Feindbilder nährt.

Weiche nicht von ihrer Seite
überall auf Erden, wo einzelne,
an Leib und Leben bedrohte Journalistinnen und Journalisten
nicht müde werden,
der Wahrheit einen Weg zu bahnen

und wo mutige Bürgerinnen und Bürger es wagen,
das Grundrecht auf Pressefreiheit
überhaupt erst einzufordern.

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