Hungerblockade – diesmal im Jemen

Die Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisation OXFAM hat einen guten Ruf zu verlieren. Deshalb unterstelle ich, dass die Freunde nicht um der puren Schlagzeile willen davon sprechen, dass die kriegsbedingte Hungerblockade im Jemen inzwischen nahezu die Hälfte der Bevölkerung der Gefahr des Hungertodes aussetzt. Die schon zu normalen Zeiten gegebene Abhängigkeit der Menschen von massiven Nahrungsmittelimporten ist jedenfalls eine international bekannte Tatsache.

Wenige Monate Luft- und Bodenkrieg, vom sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran in das Land am Südrand der arabischen Halbinsel hinein getragen, genügen jetzt, um das Schreckgespenst des wahllosen Hungertodes Ungezählter herauf zu beschwören – als Kollateralschaden eines wütenden religiös verbrämten Hegemonial-Krieges.

Ehe andere es tun, erinnern wir uns besser selber: unter dem Hakenkreuz war der gewollte Hungertod von Millionen Bestandteil des Vernichtungskrieges. Der Name Leningrad steht für viele andere.

Um so unvergesslicher, dass meine Kindergeneration nach 1945 nicht nur durch strenge Verwaltung des Mangels seitens der Siegermächte, sondern auch durch die freie Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, denen das Entsetzen über Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen noch in den Seelen steckte, vor bleibendem Schaden bewahrt worden ist. Niemand konnte sie zwingen, Care-Pakete und Schulspeisungen zu bezahlen. Sie taten es einfach.

Hungerblockade als Mittel der Kriegsführung: zu einer unabweisbaren persönlichen Herausforderung wurde das für mich während des Biafra-Krieges in Nigeria 1968. Das Entzücken über meinen properen ersten kleinen Sohn und die unerträglichen Bilder vom Leiden der Kinder im Hungerkessel waren einfach nicht zusammen zu bringen. Weiterlesen

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Fürbittengebet: Jemen: der Krieg reißt das Volk in Hungersnot

Dieser Text ist Bestandteil des wöchentlichen Fürbittendienstes zum Zeitgechehen der Aktion „Brot für die Welt“ und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

Gib uns Ohren für das Unbegreifliche:
dafür, dass im Jemen ein ganzes Volk
innerhalb weniger Monate
von den Herren des Krieges
an den Rand der Hungersnot gestoßen wird.

Erweise dich als Herr über die Gewissen derer,
die der rettenden Nothilfe für Millionen
sofort und tatsächlich den Weg öffnen müssen.

Wecke in ihnen die Erinnerung
an das Gebot der Barmherzigkeit,
das allen Muslimen heilig ist,
wie verfeindet ihre Herrscher auch sein mögen.

Wir danken dir für jeden Tag,
an dem die hungernden Mütter im Jemen
noch die Kraft finden,
ihre Kinder durchzubringen,
so dass die Hilfe nicht zu spät kommt.

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Unsere Türken – Unsere Kurden

Türken und Kurden: für unsere Stadt im Ruhrgebiet war das schon vor 20 Jahren keine Angelegenheit hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Türken und Kurden, das war Kommunalpolitik; weniger steif, das war eine heikle Daueraufgabe für alle, die Gewaltausbrüchen zwischen einheimischen Bevölkerungsgruppen vorbeugen wollten.

Einheimisch, zugehörig, längst nicht mehr wegzudenken waren die türkischen Arbeitsmigranten schon damals, auch wenn die große Einbürgerungswelle noch bevorstand. Die niedlichen Fatmas und Mustafas waren die Klassenkameraden unserer Kleinen, wenigstens in der Grundschule. Danach haben sich die Bildungswege noch viel zu oft getrennt.

Der türkische Kumpel oder Opel-Arbeiter war der Normalfall. Das landsmannschaftliche Gastronomie-, Lebensmittel- und Dienstleistungsgewerbe war noch im Aufbau. Moschee-Neubauten waren noch an den Fingern abzuzählen.

Soweit war die Sache einigermaßen übersichtlich. Aber neben den Halbmond-Türken lebten in der Stadt auch diese Kurden; immer eine Minderheit; mehrheitlich zunächst normale Arbeitsmigranten; dann in den 90er Jahren nicht wenige von ihnen aber anerkannte oder auf Anerkennung wartende politische Flüchtlinge. Die persönliche Verfolgungsgeschichte des einen oder anderen Kurden durch Büttel des türkischen Staates schaffte es bis in unsere Tageszeitung.

Wir Alteingesessenen haben unsere Zeit gebraucht, bis wir wirklich begriffen, dass beide Neubürger-Gruppen nicht in einen Topf geworfen werden durften. Ihre Gefühle, ihre Geschichte, ihre unauslöschlichen Erfahrungen sprachen zwingend dagegen.

Unsere Türken ließen auf ihre eigene Hochkultur selbstverständlich nichts kommen. Recht so! Aber dass Kurdisch nicht etwas ein Dialekt des Türkischen sein, sondern eine eigenständige Hochsprache, das mochte kaum einer unser stolzen Deutsch-Türken zugeben – eine Hochsprache, deren Gebrauch in Schule und öffentlichem Leben der kurdischen Siedlungsgebiete im Südosten der Türkei lange Jahre bei Strafe verboten war.

Wir Altdeutschen wiederum konnten nur solidarisch den Kopf schütteln bei der Vorstellung, ein Staat wollte uns aus nacktem Machtkalkül den Gebrauch des Intimsten, der Muttersprache, in Bildungswesen und öffentlichem Leben austreiben. Unvorstellbar, auch wenn die türkische Staatsmacht das Kurdische als Bindeglied zur Kurdischen Diaspora im Nahen Osten fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser.

Der Konflikt war angerichtet. Es war unser Konflikt. Ees waren unsere Türken und Kurden, denen wir helfen mussten, nicht Opfer ihres Zorns, ihrer Demütigungen zu werden.

Ich finde, wir haben unsere Sache damals nicht schlecht gemacht: Parteien, Wohlfahrts-Verbände, auch wir Kirchenleute. Wir haben unsere aufgewühlten Mitbürger mit Geduld und Respekt eins um das andere mal eingehegt, getrennt, für Kompromisse gewonnen. Weiterlesen

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Fürbittengebet: Türken und Kurden in Deutschland – drohender Rückfall in kriegsähnlichen Konflikt zwischen türkischem Staat und Kurden innerhalb und außerhalb der Türkei

Dieser Text ist Bestandteil des wöchentlichen Fürbittendienstes zum Zeitgeschehen der Aktion „Brot für die Welt“ und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

 

Treuer Gott, du fühlst mit den aufgewühlten Herzen
unserer vielen türkischen und kurdischen Nachbarn und Mitbürger,

in denen die gegenwärtigen Kriegshandlungen des türkischen Staates

und die Reaktionen darauf
viele schreckliche Erinnerungen wach rufen
an den tränenreichen Konflikt beider Völker.

Wir bitten um den Geist der Mäßigung für alle,
die auf beiden Seiten dazu beitragen müssen,

dass die begründete Hoffnung
auf eine friedfertige Nachbarschaft
von Türken und Kurden
innerhalb und außerhalb des türkischen Staates
jetzt nicht zerbricht.

Wir danken dir für die vielen Töchter und Söhne
des türkischen und des kurdischen Volkes,
die längst Glieder und Stütze unserer Gemeinschaft geworden sind,

die in diesen Tagen dennoch,
von uns unbemerkt,

die Schmerzen einer bitteren Geschichte
ihrer Familien spüren.

 

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Kriegsopfer: wie weit entfernt dürfen sie leben?

Ja, den ostafrikanischen Staat Burundi mitsamt seiner Hauptstadt mit dem passend dazu komponierten Namen Bujumbura gibt es wirklich. Nicht wie unser Bielefeld, über dessen Realpräsenz sich die Satiriker bis heute streiten.
Ich weiß, meine Richtigstellung klingt nach blühendem Blödsinn, überflüssig, besserwisserisch. Und trotzdem bliebe der Mehrheit meiner tüchtigen Landsleute kaum etwas anderes übrig, als bedauernd mit den Schultern zu zucken, wenn sie nach Land und Leuten in diesem Flecken Afrikas gefragt würden.
Meine Erinnerung an den einzigen Tag, den ich je in Bujumbura verbracht habe, legt nahe, dass ich damals von den Hoffnungen und Ängsten der Menschen dort nicht viel verstanden haben kann. Ein Hotel-Pool mit dem ganzen Service-Getue für Ausländer und eine kleine einheimische Clique. Das ist nicht gerade der Ort, um Widersprüche und Herausforderungen einer afrikanischen Gesellschaft zu begreifen. Wie ich dahin geraten bin, weiß ich nicht mehr genau.Ich war einfach Reisebegleiter eines im benachbarten Kongo eingesetzten Kirchenarbeiters.
Was da im mehr als 20 Jahre alten Nebel der Erinnerung wabert, wird für mich im Juli 2015 unvermittelt zum Warnruf; zur drastischen Erinnerung daran, dass sich die Horrorszenarien der Menschheit nicht selbstverständlich nach den Bauchgefühl unserer Nachrichtenredaktionen richten.

IS-Terror; Gemetzel und Massenflucht in Irak und Syrien; Pro und Contra-Kampf um Flüchtlinge bis in die hinterste deutsche Provinz. Mehr passt nicht in unsere Schlagzeilen, auch nicht in unsere Seelen. Basta!

Aber die Wirklichkeit lässt sich nicht aussperren. Eine läppische Präsidentenwahl in diesem kleinen Burundi, ein machtgieriger Amtsinhaber, dessen Namen wir uns nicht merken werden, der trotz Verfassungsverbot nicht von der Macht lassen will, – und schon ist nicht mehr unvorstellbar, dass die furchtbaren Mechanismen wieder wirksam werden könnten, die vor reichlich 20 Jahren „Afrikas Ersten Weltkrieg“ entfesselt haben. Es muss nicht dazu kommen, aber es kann. Der alte Hass, die alten Fratzen eines von mörderischer Propaganda herbei geredeten ethnischen Konfliktes; die grenzüberschreitenden Menschenjagden; all das wäre schlimmstenfalls nicht Schnee von gestern, sondern wieder Blut von heute.
Wir haben damals mit Betonung vom „Ersten Weltkrieg Afrikas“ gesprochen, weil die Berge der Leichen auf den Hügeln Ruandas und in den Wäldern des Kongo sich Jahr um Jahr addierten auf die Zahlen von Verdun. In der nackten Brutalität des Bodycount wurde alles übertroffen, was die Bestatter in den Kriegen näher vor unserer Haustür in den Massengräbern zählten.
Wir politisch mitdenkenden Christenmenschen werden viel zu beten haben in naher Zukunft, wenn uns die Menschen in Burundi, Ruanda, dem Kongo, Tanzania in den Sinn kommen. Weiterlesen

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Fürbittengebet: Frieden für Burundi

Dieser Text ist Bestandteil des wöchentlichen Fürbittendienstes zum Zeitgeschehen der Aktion „Brot für die Welt“ und des Eine Welt-Zentrums in Herne, NRW

 

Wir bitten Dich um Frieden für das afrikanische Burundi,

um Menschen des Friedens,
die als Verantwortliche in Politik, bewaffneten Verbänden, Volksgruppen
den Versuchungen widerstehen,
die aus der gegenwärtigen innenpolitischen Krise erwachsen,

damit den Bürgerrinnen und Bürgern
und auch den Völkern der Nachbarländer,

besonders in Ruanda und im Kongo,

ein schrecklicher Rückfall in die Zeiten des nicht enden wollenden Krieges
mit immer neuen Schauplätzen
erspart bleibt.

Fülle den Helferinnen und Helfern die Hände,
die die Heerscharen der Flüchtlinge aus Burundi
an ihren Zufluchtsorten mit dem Nötigsten versorgen

und führe unsere Schwesterkirchen den Weg Jesu.

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„New Horizons“: rechtzeitig wieder an Ort und Stelle sein!

Wusch…..! Das war Kleinplanet Pluto samt Monden. Vorbei gezischt mit einem Affenzahn von mindestens 50.000 Stundenkilometern. Die Nasa-Sonde „New Horizons“ (Neue Horizonte) ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Bremsraketen für eine ordentliche Pluto-Umrundung waren nicht drin. Was sich da aus 10.000 Kilometern Vorbeiflughöhe, sprich zwölf ungebremsten Flugminuten bis zu einem Aufschlagpunkt schnappschießen ließ, ist trotzdem sensationell, neu und scharf. Pluto hatten wir noch nicht. Aber die „New Horizons“ warten jenseits dieses äußersten Flügelhalters unserer kleinen Planetentruppe. In etlichen Jahren bekommt es „New Horizons“ mit dem Kuipergürtel zu tun. Ein unordentliches Grenzland unseres Planetensystems mit zehntausenden Superbrocken mit gut und gerne 100 Kilometern Durchmesser und einer unübersehbare Menge Kleinzeug. Wie wahrscheinlich da finale Auffahrunfälle sein werden, müsste ich bei der NASA nachfragen.

Spannender noch ist die Vorstellung, dass der Flitzer „made by man“ dann irgendwann wirklich an die Grenze kommt, die bisher nur für Captain Kirk und seinesgleichen hinüber und herüber passierbar war. Der Raum, in dem die Anziehungskraft unserer Sonne von der eines anderen Himmelskörpers überwogen wird. Adé auf immer, du Planetensystem mit dem blauen Planeten Terra, dem dritten vom Zentralgestirn aus gezählt. Das sind dann wirklich neue, unserem Lebensgefühl ganz und gar unerschlossene Horizonte. Eine menschliche Kolonie auf dem Mars wäre wohl dagegen wohl ein lässiger Außendienst-Job.

Ich weiß nicht, was mich mehr baff macht. Die unglaubliche Verlässlichkeit der Himmelsmechanik, die solche Spritztouren über die Grenzen von Planetensystemen planbar macht. Oder die technische Leistungsfähigkeit des 1. Jahrzehnts im 21. Jahrhundert, die sich dieser Himmelsmechanik anzupassen wusste. Schließlich hat „New Horizons“ ja die Zeit seit dem Start im Jahr 2006 für die bisherigen 4 Milliarden Kilometer gebraucht. Weiterlesen

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Eurotunnel – Europas Flüchtlingspolitik unter dem Brennglas

Einem in Sachen Großtechnik ziemlich ahnungslosen Menschen wie mir ist der Eurotunnel zwischen Calais/Frankreich und Folkstone/Großbritannien immer recht unheimlich geblieben. Aber es hilft nichts: seit 1994 ist das 50 km lange Riesenbauwerk unter dem Ärmelkanal Wirklichkeit. England ist keine Insel mehr, auch wenn die beiden eingleisigen Tunnelröhren weder dem König von Spanien zu Armada-Zeiten , noch Napoleon oder dem Hakenkreuz-Heer Einlass in das Vereinigte Königreich gewährt hätten.

Der Eurotunnel, genauer sein Eingangsbereich auf französischer Seite, ist kein Einfallstor für Eroberer, sondern ein Brennpunkt des Flüchtlingsdramas in Europa. Viele der jungen Männer, die in Europa etwas Besseres als den Tod suchen, tragen ein Pfund mit sich, mit dem sie im fernen Europa wuchern können: Kenntnisse der englischen Sprache. Dazu mag das Schulwissen kommen, dass ihre Heimat einst Teil des britischen Empire war. Nicht wenige Landsleute konnten früher unter glücklicheren Umständen dorthin auswandern, bis hin zur ersehnten Staatsbürgerschaft. Wer weiß, ob auch der junge Sudanese von solchen Hoffnungen getrieben war, als er gestern im Tunnel tödlich verunglückte.

Die britische Regierung lässt an ihrer harten Flüchtlings-Vermeidungspolitik keinen Zweifel. Dieser Politik zu widersprechen, solchen Widerspruch zu begründen, auf menschenrechts-konforme Asyl-Verfahren zu drängen, ist zuerst Pflicht und Vorrecht der solidarischen Kräfte in der britischen Zivilgesellschaft, Kirchen inklusive.

Der Tunneleingang bei Calais mit seinem immer wieder machtlosen französischen Wachpersonal ist längst zu einem Monument des St.Florians-Prinzips bei der Flüchtlingsabwehr geworden, wie es häßlicher kaum geht. Sollen die da drüben endlich dicht machen! Wir schieben ihnen dafür auch bereitwillig ein paar Millionen Unkostenzuschuss durch die Röhre. Ich vertraue darauf, dass es in der sensiblen britischen Gesellschaft genug Frauen und Männer gibt, die solchen Zynismus an die größt mögliche Glocke hängen. Weiterlesen

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Oregano und Gartenhummeln: Beziehungskiste hinterm Haus

T24 Hummel Majoran (2)Oregano, der Wilde Majoran, ist nicht gerade Top-Favorit für den Wettbewerb „Wer hat den hipsten Vorgarten“. Jeder Baumarkt hat da eine überlegene Auswahl grellbunter Blumenschalen auf bodendeckendem Kiesgrund auf Lager. Exotisch, modisch, insektenabweisend, Pflegeaufwand gegen Null.
Oregano, unsere einheimische Nutzpflanze im Hochsommeroutfit kann da kaum mithalten. Hüfthoch, bedeckt von ausladenden lila-bläulichen Lippenblütler-Dolden. Kein spektakuläre Eye-Catcher; eher Wegesrand, Trockenrasen, stinknormale Natur, die man links liegen lässt.

Oregano: einer der ungezählten Verlierer in dem knallharten Wettbewerb um Einsicht und Lernwilligkeit der Menschen, denen mehr oder weniger Quadratmeter unserer Restnatur anvertraut sind: den Besitzern der vielen Millionen Grundstücke im Land; ob Privatleute, Unternehmen oder auch Kirchen. Letztere sind wichtige Treuhänder der Restnatur an so gut wie jedem Ort des Landes.

Aber die Stunde des Oregano kommt! Sie ist gekommen.

Wir erleben sie bei uns hinterm Haus, auf einem kaum bearbeitetem halbrunden Beet; vielleicht zehn Quadratmeter alles in allem. Seit etwa zwei Wochen tobt da das Leben; unbändig, faszinierend, fernsehreif. Gartenhummeln treffen auf Oregano! Ein ganzes Volk, mehrere hundert unbeirrbare Brummer. Nicht selten mehrere auf derselben Dolde, krabbeln sie von Miniblüte zu Miniblüte. Im Sommer 2015 erschaffen sie eines der ungezählten Naturbilder, die dokumentieren, wie Schloss und Schlüssel im Lebenskreislauf zueinander finden. Nur der biologische Normalfall, eigentlich, und doch überhaupt nicht länger selbstverständlich.Oregano 1
Ein Gartenbesitzer – wir selbst sind nur Mieter – hat nicht mehr getan, als einer wahrhaft einheimischen Pflanze ein Stück Ackerkrume zu lassen. Keine Heldentat. Aber ein komplettes Volk Gartenhummeln kann leben, ohne an Baumarkt-Sterilität im Verein mit den Giftnebeln der Agroindustrie zu verhungern. Sogar drei, vier Falterarten haben sich auf der welligen Landschaft der Oregano-Blüten blicken lassen. Viel zu wenige, wenn ich ein paar Jahre zurück denke. Aber die Sackgassen, in denen Hummeln, Bienen und Falter heute stecken, haben eben unterschiedliche Notausgänge.

Gartenhummeln sind im übrigen Opportunisten. Warum die für unsere Augen umwerfend schönen Stockrosen anfliegen, die übermannshoch hinter den Oreganodolden aufragen? In deren Prachtblüten findet sich immer nur eine einzige Futterquelle. Auf den Dolden sitzen sie im Millimeterabstand nebeneinander. Wäre ich eine Gartenhummel, ich würde mich wohl auch an das Oregano-Schlaraffenland halten.
Aber den Häuslebauern landauf landab möchte ich die Königinnen der Mauerritzen, die Stockrosen schon in Erinnerung rufen. Wer sonst zwängt sich so stur und prächtig zugleich an unsere Zäune und Mauern. Wer seine häuslichen Stockrosen bestaunt, wie sie ihm sommertags einfach über den Kopf wachsen, dem müsste die Unterscheidung zwischen intakten Lebenskreisen und Sterilität künftig etwas leichter fallen.

Oregano und Gartenhummeln, das ist eine von ungezählten Bio-Beziehungskisten, an denen unsere Zukunft hängt, nur eine. Ein paar Klicks im Net, und wir sind beim Menschheitsproblem Bienensterben angekommen. Auch da werden wir mit der Nase auf die naturgesetzlichen Lebenszusammenhänge gestoßen. Hiesige Honigbienen können nicht aus ihrer Haut. Jeder Umweltverband hat Artenlisten gartentauglicher Immenweiden auf seinen Ratgeberseiten. Solchen Rat zu nutzen, duldet keinen Aufschub mehr.

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Gibt es Schlimmeres als Beihilfe?

Bundesarchiv Bild 175-04413, KZ Auschwitz, Einfahrt In den Jahren nach den Frankfurter „Auschwitz-Prozessen“ von 1963-65 bin ich unvorbereitet zweien von ihnen begegnet: den niedrigen Dienstgraden der KZ-Wachmannschaften der SS, die nach damaliger gerichtlicher Praxis außerhalb strafrechtlicher Verfolgung standen; vorausgesetzt, sie hatten keine teuflische Berühmtheit erlangt, wie z.B. der gleichnamige Erfinder des Folterinstrumentes „Boger-Schaukel“. Viele zehntausend Männer und auch Frauen sind seit der Gründung des KZ Dachau im März 1933 bis zur Befreiung der letzten Lager im Frühjahr 1945 in den Personallisten der Vernichtungslager und der normal-mörderischen KZs registriert gewesen. Wie viele von ihnen ihren schrecklichen Arbeitsplatz eifrig angestrebt haben, wie viele sich treiben ließen, bis sie in der Lager-Schreibstube landeten, wie viele tatsächlich mit ihren Versetzungsbefehlen gehadert haben? Da tobt der Streit der Meinungen und Rechtfertigungen. All das hat es vielfach gegeben. Die erste Gruppe war dabei nicht die kleinste.

Ich habe nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit zwei der damals strafrechtlich Aussortierten eines Tages getroffen. Sie hatten wie die meisten den Krieg überlebt und waren äußerlich längst zur Ruhe gekommene Bürger der alten BRD geworden. Denn als Gemeindepfarrer im Ballungsraum Ruhrgebiet, der bei seinen Leuten anklingelte, traf man irgendwann eben auch auf solche Anbefohlenen. Die SS-seitig gewünschten Kirchenaustritte waren längst rückgängig gemacht oder seinerzeit auch gar nicht vollzogen worden. Und wenn ich richtig gelesen habe, war die SS-Affinität unter den evangelischen Männern signifikant höher als unter Katholiken.

Auf Auschwitz, beide Male war es Auschwitz, zu sprechen gekommen sind wir auf Initiative der Besuchten. Im Kennenlernschwatz war da unvermittelt von der „schweren Zeit“ die Rede, die man durchlebt habe. Ich erinnere mich, dass zeitweise Angst vor der „Rache der Polen“ bei Kaffee und Kuchen zur Sprache kam. Aber der junge Pfarrer, dass war unmissverständlich, möge doch endlich bestätigen, dass sich ein auf Befehl Diensttuender in Auschwitz 1970 nichts mehr vorzuwerfen habe. Ich weiß nicht mehr, durch welche Bemerkung: aber der ehemalige Wachmann machte mir klar, dass er meine berufliche Verschwiegenheitspflicht sehr wohl kannte. Und er hatte Recht damit.

Die ähnliche zweite Begegnung ergab sich zwei, drei Jahre später in derselben Stadt – wieder mit der hintergründigen Erwartung einer Art Lossprechung im Namen unserer Kirche. Hätte ich tatsächlich meinen beruflichen Kodex verletzt und die Namen der Ex-Auschwitz-SSler an die damalige Zentralstelle in Ludwigsburg weiter gegeben: das Ergebnis wäre absehbar gewesen. Einfache Handlanger ohne individuell zuzuordnende Verbrechen hätten ihre Straffreiheit schriftlich bekommen.

Ob der Vorsitzende Richter am Landgericht Lüneburg, der diese Woche einen 94jährigen ehemaligen einfachen Auschwitz-Wachmann in erster Instanz wegen Beihilfe zu 300.000 Morden zu vier Gefängnis verurteilt hat, zur Zeit meiner Begegnungen mit Auschwitz-Aufsehern schon geboren war oder nicht, ist nicht wichtig. Klar ist, dass er nicht mehr zur Zeitzeugen-Generation, nicht einmal der der Kriegskinder gehören kann. Die Pensionierungsordnung deutscher Richter steht schlicht dagegen. Unstrittig ist wohl auch, dass es nicht darauf ankommt, ob der Verurteilte noch in eine behindertengerechte Haftzelle eingeliefert werden wird. Unglaublich wichtig ist, dass überlebende Opfer als Nebenkläger den Prozess als Befreiung für ihre gequälten Seelen erlebt haben.

Wir alle begreifen die zentrale Botschaft. Der nachgeborene Richter spricht in unser aller Namen – egal zu welcher Generation wir gehören: Beihilfe war aufs Ganze gesehen das Fundament der Allmacht des verbrecherischen Staates; egal, ob sie in Auschwitz geleistet wurde von Gepäckaufsehern und Bargeld-Registrierern hinter ihrer Schreibmaschine; aber auch überall dort, wo sonst zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 9. Mai 1945 „dem Führer entgegengearbeitet“ worden ist.

Um zwei Generationen zu spät und für die in der Registratur abgelegte Rechtssprechung nicht mehr richtungsweisend ist endlich ausgesprochen, was nach 1965, nach den Frankfurter Prozessen unsagbar war und blieb: nie hätte es eine Freistellung von Mitschuld und Mitverantwortung für Männer und Frauen geben dürfen, die mit intakten Sinnen den Großteil der manpower des mordenden Staates abgegeben haben.Im Fall der KZ-Teams mag dies Urteil unter den Nachgeborenen jetzt Allgemeingut werden, hoffentlich. Die Bürger des 21. Jahrhunderts nehmen in ihr Geschichtsbild hinein, was 50 Jahre zuvor wütend zurückgewiesen worden ist.

Die Älteren und Alten kommen freilich nicht an der ätzenden Frage vorbei, wie es sich sinngemäß mit all den anderen Lebenssituationen verhält, in denen die braunen Herren selbstsicher auf ungezählte kleine Leute setzen konnten: auf Denunzianten, Fanatiker, Karrieresüchtige, Feiglinge, Kadavergehorsame, Nachbeter, was auch immer. Was gibt es Schlimmeres als Beihilfe?

Den Jungen sei Wachsamkeit ans Herz gelegt: böse Herrenmenschen, die auf Beihilfe setzen, sterben nicht aus.

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