Besuch im Schlupfwinkel

Ostern, 27. März 2005

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

(Johannes 20, 19 -23)

Verschlossene Türen „aus Furcht vor den Juden“. Ich weiß noch, dass mich diese Worte als Kind jede Ostern wieder beschäftigt haben. In meinem Elternhaus war viel vom Massenmord an den Juden die Rede. Sie waren die Opfer eines einmaligen Verbrechens. Aber hier in der Ostergeschichte werden sie auf einmal zur Bedrohung für die ersten Christen. Hat das eine mit dem anderen doch etwas zu tun? Der Acht- oder Neunjährige wusste nicht, mit wem er darüber hätte reden können.

Heute könnte ich darüber lächeln – so wie man lächelt über manche kleinen Beklem­mungen einer Kinderseele, die sich auflösen wie Nebel unter der Sonne. Die Juden in Jerusalem, das sind eben nicht irgend welche geheimnisvollen Bösen, über die man nicht offen sprechen darf. Aus Sicht des Jüngerkreises Jesu sind das die eigenen Landsleute und Glaubensgenossen, womöglich die eigenen Verwandten. Wenn jemand Jude war, Sohn und Tochter des Gottesbundes vom Sinai, dann Petrus und Maria Magdalena und – natürlich – Jesus selber.

Freilich der Konflikt in der Judenschaft war bitter und für die Betroffenen bedrohlich, wie immer, wenn es um die Messiasfrage ging – und im Fall des Jesus von Nazareth nicht zum ersten Mal. Nicht nur die Kirche, auch der Jerusalemer Tempel hatte seine Ketzergeschichte. Aber wer die Furcht der Jesus-Gruppe verstehen will – 48 Stunden nach dem Kreuzestod Jesu – der denke am besten an die ungezählten Gruppen von christ­lichen Gläubigen, die sich über zwei Jahrtausende verstecken mussten vor den Blicken und den Schergen der jeweils herrschenden Kirchen. Viele berüchtigte Blut­bäder und ungezählte anonyme Grausamkeiten kommen da zusammen. Wenn sich etwas lernen lässt aus der Ketzergeschichte der biblischen Religionen, dann dies, dass sich das Gewissen niemals zwingen lässt; dass niemand seinem Gott einen Dienst erweist, wenn er Andersglaubende in Angst und Schrecken versetzt.

So versteckt sich also die Jesus-Gruppe vor ihren eigenen Leuten. Sie benutzen dazu Schloss und Riegel und tun an diesem Tag vielleicht recht daran. Aber wir wissen: Schloss und Riegel sind nicht unbedingt nötig, wenn man sich verstecken will. Wir alle kennen viele Mittel und Wege, Gedanken, Wünsche, Ängste, Hoffnungen, mitunter das Wichtigste unseres Lebens ohne Schloss und Riegel wegzuschließen. Wie´s drinnen aussieht, geht niemanden etwas an. Ein Leben in Einsamkeit des Herzens ist der Preis. Doch das Versteckspiel kann lange klappen.

Auch eine christliche Gemeinde kann sich verstecken, mitten in der Stadt. Trotz Schaukasten und Adresse im Telefonbuch. Der Wind bläst der Kirche ins Gesicht. Jeden Tag eine andere Böe. Milde belächelt zu werden, ist noch das Harmloseste. Manche um uns herum führen sicher mehr im Schilde. Sie würden den Handlungs­spielraum der Kirche in der Gesellschaft sicher gern soweit einschränken wie irgend möglich. Wir wissen oder spüren das. Rückzug in den unbeobachteten Winkel liegt da nahe. Dem Streit um die Kirche aus dem Weg gehen. Die Sorgen um die Zukunft der Gemeinde im Herzen verschließen.

Aber der auferstandene Jesus lässt sich nicht ausschließen. Durch die Kraft Gottes hat er ganz einfach Zugang zu den Verstecken der verstörten Herzen. Seit dem Osterabend hat sich das immer und immer wieder bestätigt; immer, wenn zweifeln­de und verstörte Menschen durch Jesus Gewissheit über ihren Weg und über ihr Ziel gewonnen haben.

Manche haben auf ihn gewartet, ohne wirkliche Hoffnung; anderen war er gleichgül­tig, bevor er hereinkam; wieder andere haben ihn sogar für einen Feind gehalten, den es zu bekämpfen galt. Aber alle bestätigen sie später: er hat sich nicht abhalten lassen durch meine „Zutritt verboten“-Schilder. Ohne diese Missachtung der „Zutritt verboten“-Schilder durch den Auferstandenen gäbe es keine Kirche.

Der auferstandene Jesus kehrt zurück in den Alltag seiner Schwestern und Brüder. Er sagt „Guten Tag“, freundschaftlich und selbstverständlich. „Friede sei mit euch“, so klingt „Guten Tag“ unter Juden und Muslimen bis heute. Jesus hat sich einmal gewünscht, dass das der normale Gruß sein möge, wenn seine Boten eine menschliche Wohnung betreten. (Nachzulesen…)

Die Spuren von Folter und Exekution am Körper Jesu waren in meiner Kindheit im katholischen Dorf heilige Zeichen, einmalig und von vielerlei frommem Brauchtum umgeben. Und auch viele evangelische Passionslieder vertiefen sich ja in diese Betrachtung der Wunden Jesu. Heute weiß ich, dass Jesus dieselben Zeichen des Schreckens am Leib trägt wie das ganze Heer der Folter- und Mordopfer durch die Geschichte. Wer einmal durch solche Qualen gegangen ist, trägt ein unauslöschliches Erkennungszeichen an Körper und Seele. Mit nichts anderem kann Jesus so unwider­leglich zeigen, dass er es ist, als durch diese Spuren.

Und deshalb dieser eigenartig reservierte Satz in Martin Luthers Übersetzung gerade an dieser Stelle: „Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herren sahen.“ Ein Freuden­ausbruch, nicht, weil das Schreckliche ungeschehen gemacht worden wäre. Das geht nicht. Aber es ist nicht das letzte Wort geblieben.

Diese Wundmale sind Erkennungszeichen des Wirkens Jesu in der Geschichte geblie­ben. Ich spreche nicht von der christlichen Kunst, sondern von den Christinnen und Christen, die heute erleiden, was Jesus erlitt. Die gezeichnet bleiben wie er, weil sie Gottes Parteinahme für die Armen und Rechtlosen wörtlich genommen haben. Wo immer wir solche Nachrichten hören – und sie fallen jeden Tag an – da hat der Auferstandene einen Schauplatz des Lebens betreten, in unseren Tagen.

Die erste und einzige Tat des Auferstandenen am Osterabend ist unmissverständlich: er beendet das Leben im Schlupfwinkel. Dazu brauchen die Herzen seiner Freunde die Wiederbelebung, die Beatmung mit dem Heiligen Geist. Wir reden oft von einem neuen Geist, in vielen Zusammenhängen des Lebens. Wenn er wirklich Einzug hält, weiß unser Herz Bescheid. Eine christliche Gemeinde im Aufbruch weiß, dass sie aufgebrochen ist. Und sie kennt den Unterschied zu gestern.

Jüngerinnen und Jünger, die den Schlupfwinkel verlassen, müssen sich an die Welt draußen wieder gewöhnen. Das letzte öffentliche Wort des Petrus, bevor sich Jesus am Osterabend Zugang zu seinem Versteck beschafft, war die verzweifelte Beteue­rung: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Welches Gewicht soll das Wort solcher Menschen wie du und ich künftig haben? Die Vollmacht, die Jesus ihnen zuteilt, ist atemberaubend, unerhört: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Letzte Instanz, keine Revisionsmöglichkeit nennt man so etwas im Rechtswesen.

Deshalb hängt für mich soviel an der Reihenfolge. Die Gemeinde des Auferstande­nen in diesem Stadtteil hat zuallererstdas Vorrecht und die Pflicht, den Menschen im Namen Gottes Lasten von der Seele zu nehmen. Das heißt doch „Sünden vergeben“. Den Freispruch Gottes zustellen, mit Brief und Siegel. Gemeint sind nicht zuerst die kleinen Gallensteine des Gewissens, die „kleinen Sünden“, die der „liebe Gott“ angeblich sofort bestraft. Sünden vergeben im Namen Jesu, das heißt vor allem die großen Mühlsteine abnehmen, die das ganze Leben erdrücken.

Ich stelle mir vor, dass sich ein Gemeindekirchenrat in der Sitzung nach Ostern mit der Frage beschäftigt, wie er dem Auftrag Jesu nahekommen kann, den Menschen Lasten von der Seele zu nehmen. Denn dieser Auftrag lässt sich wirklich nicht an den Pfarrer delegieren. Das wäre eine schlimme Karikatur von Kirche.

Sünden behalten, in allem Ernst und in der Vollmacht Gottes, das kommt auch vor. Die Bekennende Kirche musste das tun bei Geist und Führern des Nazitums. Jesus schenke uns Erkenntnis und Gewissheit, welche Sünden unserer Zeit vor Gott unvergeben bleiben, solange Menschen und Mächte nicht umkehren wollen von Wegen des Todes. Eine Kirche, die Sünden behält, wird sich dadurch in unserer Welt eher Feindschaft zuziehen als Macht gewinnen.

Abend des Ostertages, Abend der Kirche in Deutschland. Die nichts mehr erwarten, die in der Vergangenheit leben, erleben die Überraschung ihres Lebens. Weil der Auferstandene sich nicht ausschließen lässt.

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