Dein Wille geschehe

Karfreitag, 10. April 2009


Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.

(Lukas 22,42)

Der Kreuzestod Jesu, an einem Freitag im dritten Jahrzehnt unserer Zeitrechnung, auf dem ständigen Hinrichtungsplatz vor den Toren Jerusalems. Jesus als einer von drei Verurteilten: in den Justizakten des Römischen Reiches eher eine Randnotiz. Nicht vergleichbar mit den extralegalen Morden unserer Tage. Da lassen staatliche oder halbstaatliche Todesschwadronen missliebige Menschen, unter ihnen auch leidenschaftliche Christinnen und Christen, einfach verschwinden, auf Nimmerwiedersehen zu Lebzeiten. Ihre geschundenen Leiber werden dann irgendwo und irgendwann gefunden und sollen Schrecken verbreiten – oder auch nie. Keine Nachricht, kein Grab. Dann leiden Mütter noch nach 30 Jahren an der Ungewissheit, wie die Tochter seinerzeit wohl gestorben ist.

Nein, die Hinrichtung Jesu war für heutige Begriffe das Ende eines „Falles“ mit Akten und gewollter Öffentlichkeit. Die Hinrichtung sollte von vielen gesehen werden und dadurch wirken: So endet einer, der beansprucht, „der Juden König“ zu sein. Eine Hinrichtung, die den Menschen in die Glieder fahren soll, so wie im Iran, wenn die Machthaber Drogenhändler in Stadien an Baukränen hängen lassen. Nach den Buchstaben ihrer Gesetze – und es soll den Leuten in die Glieder fahren. Dennoch ist Jesu Hinrichtung kein Fall zur direkten Vorlage am Kaiserhof. Da müssen an einer Stelle des Reiches schon 300 statt drei Kreuzen stehen, wie es oft genug der Fall war.

Kein Beteiligter konnte es anders sehen an jenem ersten Karfreitag, höchstens fühlen, ahnen wie der Kommandant des Hinrichtungskommandos. Er macht das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal und kann vergleichen. „Ja, dieser ist ein frommer Mensch gewesen“, sagt er nach der Überlieferung des Lukas. Von manchen, die in Nazigefängnissen die Todeskandidaten bewachten, sind ähnliche Worte des Respektes überliefert, ohne dass dies am Schicksal der Opfer etwas geändert hätte.

Und die nächsten Anhänger, Freunde, Verwandte dessen an dem mittleren der drei Kreuze von Golgatha? Die vier Evangelisten berichten sehr unterschiedlich davon, wer sich in die Nähe getraut hat; vor allem sind es wohl Frauen, wie am Ostermorgen. Das letzte definitive Wort über den harten Kern seiner Anhänger lautete bekanntlich: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“

Heute muss ein Drittel der Menschheit, die nach Sinn, Weg und Ziel des Lebens fragt, eine Antwort darauf finden, was diese sechs Stunden der öffentlichen Hinrichtung Jesu für sie bedeuten. Aber auch schon, als es nur um einen winzigen Bruchteil solcher Menschenmassen ging, war die Frage da: Warum? Warum, wenn doch die Gemeinschaft der wenigen Dutzend, der wenigen Hundert, der wenigen Tausend von und in der Überzeugung lebte, dass Jesus nicht Vergangenheit war, sondern ihre tägliche Gegenwart. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“

Der Osterglaube, zuerst abgetan als Produkt weiblicher Hysterie, dann das Fundament der Hausgemeinden und der Antrieb der Missionare, er stellt ganz unvermeidlich diese eine Frage: Warum? Wenn Jesus mit allem, was er tat und sagte, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, warum musste er dann Folter und Tod erleiden? Warum zuerst das Kreuz und erst danach der Glaube, der Bestand hat?

Die Antwort, die ich als Kind in Gemeinde und Familie aufgenommen habe, lautet in wenigen Worten: „Weil Gott es so gewollt hat.“ Gott opfert den einen Menschen, der ihm so nahe steht, dass er ihn seinen Sohn nennt. Er gibt ihn dem Tod preis, damit meine und aller Menschen Sünden damit getilgt sind. Der Gedanke als solcher war mir nicht zu schwierig. „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ ist eines der Karfreitagslieder, die diesen Opfergedanken in Worte fassen. Opfertiere kannte ich aus meiner Kinderbibel. Nun, und was Gott bei Abrahams Sohn Isaak noch abwendete, das musste er bei Jesus um meines Seelenheils willen zulassen. Später, heranwachsend und Bibel lesend, haben ich dann wie Millionen anderer Christinnen und Christen entdeckt, dass besonders der erste überragende Theologe der Christenheit, Paulus von Tarsus, den Versöhnungs- und Opfergedanken mit dem Kreuzestod des Auferstandenen in Beziehung setzte. Aber auch er, wie wir alle, er kannte zuerst den Auferstandenen, bevor er das Kreuz zu verstehen suchte.

Ich konnte diesen Opfergedanken des Karfreitags verstehen. Geliebt habe ich ihn nicht. Und was mir im Konfirmandenunterricht als die „Perle des Evangelischen“ nahe gebracht wurde, war ja auch etwas anderes: Ich kann glücklich sein, nicht weil Gott für mich ein Menschenopfer gebracht hat – sondern, weil ich Gott recht bin, wenn ich mich ihm nur ganz anvertraue. Diese offene Tür des Vertrauens hat Jesus mir geöffnet. Deshalb und dafür kann ich ihn lieben.

Hat Gott Wohlgefallen daran, Jesus am Kreuz zugrunde gehen zu sehen? Sieht er das gern? Ich kann dazu nicht „Ja“ sagen. Und ich bin überzeugt, ich muss es auch nicht. Gottes Wohlgefallen gilt nicht dem Foltertod. Gottes Liebe, Gottes Dankbarkeit gilt dem Gesandten, der seinem Auftrag treu bleibt. Die erste Stunde des Kreuzestodes Jesu ist ja eigentlich die letzte, in der er noch die Wahl hat. Das Gebet – in meiner Kindheit lernte ich den Begriff „der Gebetskampf von Gethsemane“ – „Nimm diesen Kelch von mir – doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Der Evangelist Johannes überliefert diese entsetzlich schwere Entscheidung zwischen Flucht und Bekenntnis nicht. Das überrascht aufmerksame Bibelleser nicht. Denn er beschreibt den Kreuzestod als Einziger nicht als elendes Zugrundegehen, sondern als vorzeitigen österlichen Sieg, gipfelnd in dem Siegesruf: „Es ist vollbracht.“

„Mein Leib, mein Blut“ – mein Leben also, „für euch gegeben“, deutet Jesus das Passahmahl, Stunden vor seinem Tod. Der Kern der Erinnerung Israels am Passah-Abend gilt der Befreiung aus Knechtschaft. Die Befreiung zählt. Das Opferlamm hatte die Aufgabe, die Häuser derer zu kennzeichnen, die zur Freiheit bestimmt waren. Wenn es sein muss, mein Leben für die Botschaft von eurer Befreiung, von eurer Freiheit, will Jesus sagen. Nicht ein rechnender Gott will es – ich will es. Ich kenne etwas, ich bringe etwas, ich stehe für etwas, das ist den Preis des Lebens, meines Lebens wert. Das darf nicht verloren gehen durch Widerruf, durch Schweigen, durch Untertauchen.

Wir wissen, was Jesus damit meint: Freiheit für die Gefangenen, Brot für die Hungernden, dass der, der den ersten Stein wirft, selbst ohne Schuld sein muss; dass die Liebe über dem Gesetz steht; dass alle Menschen bei Gott eine offene Tür finden; dass „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ nicht mehr gilt; dass den Kindern das Reich Gottes gehört; dass Feindesliebe erlernbar ist usw. usw. Alle die Proklamationen Jesu, die von den Statthaltern Gottes auf Erden genau richtig eingeschätzt wurden: Wenn diese Sätze gelten würden, wäre das das Ende jeder Religion von „Gesetz und Gehorsam, von Lohn und Strafe“.

Um dieser wahrhaft umstürzenden Botschaft willen – und wir haben heute um keinen Deut eine andere – sagt der abwägende oberste Priester: „Es ist besser, dass ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht“ – in einem Chaos der Werte, meint er. Ein Urteil, nüchtern, vielleicht ohne persönlichen Hass gefällt, dafür umso unausweichlicher. Diesem Urteil kann Jesus nur entgehen, in dem er im Verhör über die goldenen Brücken geht, die man ihm baut. Bist du der Messias? Der religiöse Titel meint alles, was Jesus gesagt und getan hat. Weil Jesus weiß, dass seine Botschaft Gottes Wort war, geht er nicht über die Brücke. Das ist sein Opfer. Dieses Opfer nimmt Gott an. Trauen wir uns, es so zu sagen: für dieses Opfer, kein befohlenes, ein in freier Herzensentscheidung gebrachtes Opfer ist Gott dankbar.

Der Preis ist ein entsetzliches Leiden, in dem Jesus nicht nur das Leben verliert, sondern auch den unerschütterten Glauben. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Kein heiliges Drama, bei dem der Regisseur schon das gute Ende kennt und nur sein Publikum schockieren will. Wirkliches Leben, wirkliches Sterben, wirklich zerbrechender Glaube.

Viele haben das Opfer ihres Lebens gebracht, viele nach Golgatha auch im Vertrauen auf Jesus. Freude am Leiden der Treuen hat Gott nicht. Nein, aber Gott schöpft Hoffnung für unsere Welt aus jedem Leben, das sich an seine Zusagen klammert.

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