„Der barmherziger Samariter“

Misericordias Domini, 18. April 2010


Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt**, und deinen Nächsten wie dich selbst«** (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desglei­chen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

(Lukas 10, 25 -37)

Jede Generation in unserer Kirche hat sich mit diesem Gleichnis Jesu beschäftigt. Zusammen mit dem Gleichnis vom sog. „Verlorenen Sohn“ steht es ganz obenan, was den Bekanntheitsgrad angeht. Beide Erzählungen wurden uns übrigens nur vom Evangelisten Lukas überliefert.

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, ist das Gleichnis von „Barmherzigen Sama­riter“ in der letzten Generation immer wieder entlang einer Streitfrage ausge­legt worden: Was ist die erste Christenpflicht? Die Überfallenen an der sprichwört­lichen Straße von Jerusalem nach Jericho zu bergen, ihnen Erste Hilfe zu leisten, das, was der Samariter tut – oder dafür zu sorgen, dass diese Straße für die kleinen Leute sicher wird; dass sie ungefährdet ihres Weges ziehen können?

Diese Streitfrage ist alles andere als nebensächlich. So möchte ich nicht verstanden werden. Einer alleinerziehenden Mutter, die in der HartzIV-Falle verzweifelt, prakti­sche Hilfe zuteil werden lassen oder als Kirche die Kräfte darauf konzentrieren, dass solche Armutsfallen für Kinder und Mütter durch politische Entscheidungen abgebaut werden?

Je länger mein Weg in der Kirche dauert, umso gewisser bin ich mir, dass Jesu Auf­trag von beiden Seiten her angegangen werden muss – auch wenn der Nachhol­be­darf an Erkenntnis und Praxis wohl bei dem lag und noch liegt, was wir „strukturelle Ungerech­tigkeit“, „strukturelle Gewalt“ nennen. Die Straßen der Welt dürfen nicht so bleiben, wie sie sind.

Aber die Ausgangsfrage, die Jesus zum Reden bringt, zielt ja auf etwas anderes. Wir hören einen Bibelkundigen fragen: „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Wie erlange ich Gewissheit, dass ich bei Gott aufgehoben bin, heute und über meinen Tod hinaus?

Einem Menschen, der Gottes Worte an Israel in- und auswendig kennt, muss Jesus nicht mit eigenen Worten antworten, nicht bei dieser Frage. „Was steht im Gesetz – gemeint sind die Mosebücher – geschrieben? Was liest du da?“ Und der Gefragte zitiert, was Jesus nicht passender zitieren könnte: die Quintessenz jüdischen Glaubens­bekenntnis­ses, eine Formel, die jedes Kind in der Synagoge lernt, aber doch viel mehr als eine Formel, das ist das ganze Bekenntnis, das dich zu einer Tochter, zu einem Sohn des Gottesvolkes macht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Einiger können sich zwei, die unserem Gott, die dem Gott Israels vertrauen, nicht sein. Jesus hat dem nichts hinzuzufügen: „Du hast richtig geantwortet. Tue das, so wirst du leben.“

Aber nur die eine Hälfte des Gottesdienstes, die Gott die Ehre gibt, scheint einver­nehm­lich, unstrittig zwischen den beiden. Weshalb lässt der Bibelkundige diese Sache auf sich beruhen? Weil man Gott gut in Gottesdienste, in Riten und Gebote einschließen, um nicht zu sagen kasernieren kann? Gott soviel geben, dass er keinen Grund hat, sich zu beschweren. Aber sich nicht von ihm völlig vereinnahmen lassen? Die Erzählung gibt darauf keine direkte Antwort. Stattdessen eine, wie ich es empfin­de, typische Theologenfrage zur anderen Hälfte des Gottesdienstes. Nächstenliebe? Natürlich. Aber „Wer ist denn mein Nächster?“

Nun, lasst uns fair bleiben! Die Frage ist weder überflüssig noch von vorn herein heuchlerisch. Dass einfach alle Menschen meine Nächsten seien, das ist ja eher eine Redensart. In einem ernst zu nehmendem Sinn könnte niemand diese Verantwortung tragen. Er käme ja nie zur Ruhe. Er wäre in kürzester Zeit ausgebrannt – und bestimmt nicht seines Glaubens froh.

Alle Menschen sind meine Mitgeschöpfe, Gottes Töchter und Söhne, von ihm mit gleicher Liebe und gleichen Rechten gesegnet. Das ist ja auch der Glaubensgrund, weshalb Christen und Kirchen die weltlichen Menschenrechte so wichtig nehmen. Aber: mein Nächster? So, wie der Samaritaner den seinen traf? Das ist doch offen­sichtlich etwas anderes. Hätte der Mann einen anderen Terminkalender gehabt, wäre er nicht ausgerechnet auf diesem Teilstück einer altorientalischen Handelsstraße unterwegs gewesen – er hätte seinen Nächsten nicht getroffen – und hätte sich abends ruhigen Gewissens schlafenlegen können.

Nächster sein, so wie Jesus das meint – das ist kein Dauerzustand, so wie ich auf Dauer oder wenigstens auf lange Zeit der Nachbar meines Nachbarn bin. Nächster wird man, von Fall zu Fall. So übersetzt denn auch eine unserer bekannten Bibel­übersetzungen die abschließende Frage Jesu: „Wer von diesen Dreien, denkst du, ist nun der Nächste geworden für den, der unter die Räuber gefallen ist?“ Nächster werden, nicht allgemein und irgendwie Nächster sein, das macht den Unterschied.

Darum, zugespitzt gesprochen, lerne ich Nächster zu werden auch nicht im Konfir­mandenunterricht oder als Predigthörerin. Die Fähigkeit zu erkennen, wo und wann ich die Nächste, der Nächste meines Mitmenschen bin, gibt Gott ins Herz. Jedem Menschen kann er dafür die Augen öffnen; jedem, der sich solche Augen wünscht.

Dieser Samariter ist in den Sprachen der von der Bibel geprägten Völker ja sprich­wört­lich geworden. Interessant ist dabei, dass zum sozialen Netz unseres Landes ja auch erklärtermaßen ein nichtchristlicher Arbeiter-Samariter-Bund gehört. Dieser Name erinnert daran, dass wir die Erzählung Jesu auch die Geschichte vom „Barm­herzigen Ungläubigen“ oder vom „Barmherzigen Sektierer“ nennen könnten. Der fromme Jude hat die Glaubensgemeinschaft der Samaritaner nicht zum Volk Gottes gezählt – so wie wir bei allem menschlichen Respekt die Zeugen Jehovas nicht zur Kirche zählen können. Der „Barmherzige Samaritaner“ hat nie mit Jesus und seiner jüdischen Familie zusammen in der Synagoge Gottesdienst gefeiert. Der Tempel in Jerusalem war kein Kleinod seines Glaubens.

Das, worauf es ankam, in jenem Moment, hat Gott ihn erkennen lassen jenseits der Grenzen jüdischer Rechtgläubigkeit. Wenn Jesus das für möglich, für typisch hält, dann müssen wir uns auf eine Menge „Barmherzige“ gefasst machen: unter Welt­kindern, unter Muslimen, unter Buddhisten, unter Juden, ja, sogar unter aggressiven Gegnern der Kirchen. Gott kann jedes Menschen Auge und Ohr öffnen für den Soforteinsatz als Nächste und Nächster.

Glaubensstrenge kann dabei sogar zum Hindernis werden, wie die beiden jüdischen Gottesdiener, der Priester und der Levit, zeigen. Die beiden verdienen mehr als Kopf­schütteln für ihre Scheu, sich durch die Berührung eines Menschen, der ihnen wo mög­lich unter den Händen stirbt, für ihre gottesdienstlichen Pflichten zu verun­reinigen. Die Gebote des heiligen Gottes stehen im Alltag nicht zur Disposition.

Natürlich stehen wir, christlich erzogen, wie wir sind, auf der Seite des „Barmher­zi­gen Ungläubigen“, von dem wir ja lernen wollen. Aber huschen wir nicht zu schnell hinweg über die beiden, denen ihr strenger Glaube das Helfen verbietet. Diese kommentarlose Kritik Jesu an hartem Glauben, der die Liebe verdrängt, trifft ja uns alle – und nicht nur die alte Synagogengemeinde. Jesus entpuppt sich eins ums andere Mal als ein Radikaler der Liebe. In welchen Situationen ziehen wir und unsere Kirche es heute vor, uns nicht die Finger schmutzig zu machen? Nach dem Motto, Kirche, bleib bei deinem Leisten?

Die Barmherzigkeit des Samaritaners ist handfest und uneigennützig, wie vor und nach ihm alle Barmherzigkeit. Sie hinterlässt Blutflecken, sie kostet Geld. Sie verlangt auch Voraussicht. Er will noch einmal nach dem Geretteten schauen.

Aber, um sensible Seelen zu entlasten, ohne dass Jesus darüber Worte verlieren muss: Herausforderungen der Nächstenliebe haben auch ein Ende. Dieser Mann geht weiter seinen Geschäften nach. Er muss sich nicht mit einem Helfersyndrom plagen und darf abends seinen Wein genießen.

Unser Gott sucht und findet seine „Barmherzigen“, die, die zu Nächsten werden, unter allen Völkern und Gottesgemeinden. Das will uns Jesus offensichtlich stecken. Und meint er, es gibt keinen Grund, warum ich und du nicht dazugehören sollten. „So gehe hin und handele ebenso“.

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