Der brennende Dornbusch

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar 2004

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.

Exodus 3, 1-12

„Schuhe ausziehen!“ Alle, die als Gast oder Tourist eine Moschee betreten, kennen das Gebot. Zum jüdischen Gottesdienst gehört die charakteristische Kippa auf dem Kopf der Männer. Als Kind ist mir im stockkatholischen Dorf im Münsterland sehr eindrücklich die Heiligkeit des Ortes in der Dorfkirche nahegebracht worden: all die Riten um die Monstranz auf dem Altar – und vor allem, dass man sich mit Weihwasser bekreuzigt, wenn man das Haus Gottes betritt. Der Unterschied zu der Entdeckung eines heiligen Ortes durch den Flüchtling und Wanderhirten Mose in der nahöstlichen Steppe: heilige Orte der Gegenwart, Sakralbauten zumeist, überraschen uns nicht. Sie sind bekannt. Trotzdem müssen die alten Herren in ihren Talaren, die das Innere des Kölner Doms bewachen, immer wieder einmal Leute in allzu freizügiger Urlaubskluft zum Verlassen des Hauses auffordern.

Das Beispiel des Mose hilft uns, zwei Feststellungen zu treffen. Nicht alle heiligen Orte sind auf dem Stadtplan oder im Reiseführer zu finden. Und zweitens: heilig macht einen Ort nicht die Baugeschichte oder die Kirchengeschichte, sondern die ohne Zweifel erlebte Gegenwart Gottes. Die Erinnerung an ungezählte heilige Orte ist aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt, weil niemand mehr lebt, der oder die bezeugen können, dass ihnen dort Gott begegnet ist. Heiliges Land: heilig ist in der Bibel immer ein Beziehungswort. Die frühen Christen nennen sich kollektiv „die Heiligen“, weil sie Eigentum ihres Gottes sind, nicht weil sie Kandidatinnen und Kandidaten für eine Heiligsprechung wären. So werden auch die Quadratmeter um das Gebüsch in der Wüste zum Heiligen Land: Weil Mose dort unzweideutig den Gott entdeckt, der sein Auftraggeber und sein Rückhalt für den Rest seines Lebens sein wird. In diesem Sinn sprechen Christinnen und Christen traditionell vom Heiligen Land. In heutiger Sprache ist das Israel und Palästina. Heiliges Land, weil dort Menschen wie du und ich zuerst die Worte Jesu gehört haben: „Folge mir nach.“ Und für sie war das genauso eine Lebenswende wie für Mose.

Der Gott in der Wüste setzt nicht voraus, dass Mose ihn kennt aus dem Gefühl heraus sozusagen. Die Welt war und ist voll von vielen und vielem, was beansprucht, Gott zu sein. Der Gott in der Wüste nennt deshalb seine Referenz: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er könnte auch sagen „Ich bin der Gott Saras, der Gott Rebekkas, der Gott Rahels.“ Gott ist zu erkennen durch das, was Menschen mit ihm erlebt haben und bekennen. Alles kommt da zusammen: die Zeugnisse älterer Mitmenschen, längst Gestorbener, das Zeugnis von Generationsgenossen, von Menschen, die um die Ecke wohnen, und in unserer Zeit der ganze Schatz christlicher Lebenserfahrung in aller Herren Länder.

Mit dieser Vorstellung „Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ lässt sich etwas anfangen. Da kann Mose wissen, was diesen Gott immer schon charakterisiert: er sucht sich Menschen ganz persönlich aus – ohne dass Menschen verstünden, wieso. Er ruft zum Aufbruch in ein fernes Land, er hält seine Versprechen, auf ihn ist vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter Verlass. Wohin immer es die Sippen der Erzväter verschlug, an jedem Ort haben sie diesen eigenwilligen Gott wiedergetroffen. Der Gott aus dem Dornbusch hält sich nicht auf mit heiligen Riten. Er kommt zur Sache, zum Auftrag des Moses. „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen. Ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette.“ Seit diesem Moment ist klar, was im Zentrum des jüdischen und auch des christlichen Bekenntnisses steht: unser Gott befreit aus Sklaverei, der physischen, wie sie die israelitischen Zwangsarbeiter im Reich des Pharao erlitten. Durch Jesus befreit er aus der Sklaverei von Hoffnungslosigkeit und Schuld. Vieles könnte Gott dem Mose über sich sagen. Manches hat die christliche Theologie über unseren Gott auszudrücken versucht. Denken wir nur an das 1700 Jahre alte Glaubensbekenntnis, das wir in jedem Gottesdienst wiederholen, an die Lehre vom Dreieinigen Gott oder an die Aussage, Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. All diese Lehren und Bekenntnisse waren zu ihrer Zeit Antworten auf unausweichliche Herausforderungen des Glaubens. Und wenn wir sie mehr als Geschenk des Heiligen Geistes ansehen denn als Diktatur des Buchstabens, dann helfen sie uns auch heute, unserem Glauben eine Sprache zu geben.

Aber das A und O der Glaubensgeschichte, das Herzstück von allem erfährt Mose und erfahren wir durch die Stimme aus dem Feuer. Gott kann verzichten auf die Pracht der Kirchen, die wir ihm gebaut haben, und auf alle großen erhebenden Worte, mit denen wir von ihm sprechen – solange wir ihm das Eine abnehmen, solange wir ihm auf dem einen Weg folgen, dem Weg der Befreiung – Israel in Ägypten nicht anders als wir heute, wenn Jesus uns sagt: „Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Unser Gott sieht die Geschichte der Menschen zu jeder Zeit, in jeder Generation aus dem Blickwinkel derer, die unter die Räuber gefallen sind. Und es drängt ihn immer von neuem zum Handeln. Deshalb die Berufung des Mose: „Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst.“ Darunter tut dieser Gott es nicht.

Wir sind nicht Mose oder seine Schwester Miriam, die später das Siegeslied der Geretteten anstimmte. Aber unser Gott bleibt auch, seit er mit der Stimme Jesu spricht, bei den großen Projekten: Mein Reich ist nicht von dieser Welt, aber dennoch geht hin in alle Welt, bringt allen die Gute Nachricht, dass sie frei sein sollen. Da rutscht nicht nur dem Mose das Herz sonstwohin. Wie er trauen wir uns nicht zu, was Gott uns durch Jesus aufträgt: Frieden schaffen, Liebe üben, der Gerechtigkeit den Weg bereiten. Wie Mose mit seinem Hirtenstab, wie die Jünger mit ihren fünf Broten und zwei Fischen wissen wir erst, wozu Gott unser Leben nutzen kann, wenn wir uns auf ihn einlassen. Auch Mose hat in seinem Glaubensleben nur Teilziele erreicht. Aber was für welche! Er hat das Gelobte Land nicht betreten, aber mit eigenen Augen noch gesehen.

Zurück zum Anfang. Der Heilige Ort, das können ein paar Quadratmeter Steppenboden sein, für uns Deutsche vielleicht eher ein Wald oder auch ein Ort mit reichster kirchengeschichtlicher Tradition oder einer der tausend Orte, an denen wir unseren Alltag verbringen. Heilig oder nicht, das merken wir schon. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?“ sagen die Emmaus-Jünger, nachdem sie mit dem auferstandenen Jesus am Tisch saßen, ohne es sogleich zu merken. Wie heilig ist die Markuskirche? Wie heilig ist der Tisch Jesu, um den wir uns nachher stellen können? Ich kann es nicht ein für allemal sagen. Es kommt darauf an, ob unser Herz Gottes Wort der Befreiung hört – das Wort für uns und für die ganze Welt.

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