Der gute Hirte

Misericordias Domini, 25. April 2004


Der HERR ist meinHirte,
mir wird nichts mangeln.
Er
weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Ölundschenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und
ich werde bleiben
im Hause des HERRN immerdar.

(Psalm 23)

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

(Johannes 10,10-16)

Die Grönland-Missionare vergangener Zeiten haben sich mit den biblischen Bildern dieses Sonntags – Hirte und Schafe – schwer getan. Sie konnten sie nicht einfach beiseitelassen. Offensichtlich handelt es sich um Gleichnisse für zentrale Glaubenserfahrungen: Treue, Geborgenheit, Rettung, Vertrauen. Aber im abgelegenen arktischen Grönland gab es nun mal weder Schafe noch Hirten. Da war dann die Übersetzung des Bildes von Jesus, dem „Lamm Gottes“ mit „Jesus, die kleine Robbe Gottes“ eher ein Notbehelf. Aber uns Stadtmenschen des 21. Jahrhunderts geht es kaum besser. Bei allem Respekt vor der harten Arbeit unserer verbliebenen Wanderschäfer, ihr Berufsrisiko ist mit dem altorientalischer Hirten wirklich nicht vergleichbar. Raubtiere, gewalttätige Viehdiebe, wilde gefahrenreiche Landschaften. Der Beruf war ein täglicher Überlebenskampf. Und dann diese Schafe. Ihr Image in der Riege menschlicher Haustiere ist wirklich nicht das beste. Das Herdentier schlechthin. Jemanden ein Schäfchen zu nennen, ist nicht gerade ein Kompliment. Und dem Leithammel möchte man auch nicht unbedingt folgen. Wir werden uns wohl ein bisschen näher auf diese Vergleiche aus der Ferne vergangener Bauerngesellschaften einlassen müssen. Sonst rutscht uns die Botschaft durch die Finger wie ein glitschiger Fisch.

Fangen wir mit den Schafen an: den eben zitierten Leithammel gibt es nicht. Jede Schafherde wird – wie bei den Wildschafen – immer von einem erfahrenen Weibchen geführt. Die Böcke haben sich zu fügen. Und ein Hammel, also ein kastriertes männliches Tier, hat schon gar nichts zu melden. Jeder Schäfer kennt sein Chefschaf und arbeitet mit ihm zusammen, nicht nur mit seinen Hunden. Die Herde folgt dem Leitschaf blind – manchmal ins Unheil wie 1965 in der Schweiz am Hochwasser führenden Rhein. Eine große Herde grast eingezäunt am Ufer. Ein Hirte ist nicht dabei. Scheinbar ohne erkennbaren Anlass stürzt sich die Herde auf einmal in den Fluss und ersäuft bis zum letzten Tier. Was war geschehen? Später stellte sich heraus, Spaziergänger hatten zwei Schäferhunde frei laufen lassen. Und die griffen zufällig das Leitschaf an. Das stürzte flüchtend in Richtung Rhein – und die ganze Herde, instinktiv an das Leittier gefesselt, hinterher. Fast zwangsläufig fällt mir da der furchtbare Satz ein: „Führer befiehl – wir folgen“. Dabei steht uns Menschen zur Bewältigung des Lebens nicht nur ein Gerüst aus Instinkten zur Verfügung. Aber Gewissen und Glaube können so sehr zum Schweigen gebracht werden, dass wir am Ende einer flüchtenden Schafherde ohne Hirten gleichen.

Ohne Hirten, das ist der Punkt. Denn der hätte, schon mit Hilfe seiner Hunde, die verhängnisvolle Attacke der Schäferhunde verhindert. Der Hirte bewahrt die ganze Gemeinschaft der Geschöpfe davor, sich im Unheil zu verrennen. Auch in diesem Sinne: Der Herr ist mein Hirte. Das Wissen des Hirten um das, was dem Leben dient: wir alle hängen davon ab. Dies Wissen des Hirten um das, was dem Leben dient – wir finden es in den Zeugnissen der Bibel und der Glaubensgeschichte.

Aber wo wir beim Vorbeifahren aus dem Zugfenster nur eine Herde sehen, sehen die Hirten seit Jahrtausenden jedes einzelne Tier. „Lässt er nicht die 99 in der Steppe und geht selbstverständlich dem einen nach, das sich verstiegen hat“, fragt Jesus. Und er erwartet, dass seine Zuhörer die Antwort kennen. Kein Tier darf zugrundegehen, nur weil der Hirte Mühe und Gefahr scheut. Gefahr! Jawohl, als Josefs Brüder ihn in die Sklaverei verkaufen, schicken sie dem Vater Jakob ein blutverschmiertes, zerrissenes Kleidungsstück. Die Lügenbotschaft: „Ein wildes Tier hat ihn bei der Hütearbeit getötet.“ Die Nachricht entspricht der Lebenserfahrung. Sie wird geglaubt. Bibelleserinnen kennen noch viel mehr Stellen, in denen die Berufsethik der Hirten mit ihren harten Konsequenzen erkennbar wird. Die moderne Formel „Etwas Schwund ist immer“ gilt in diesem altorientalischen Beruf nicht. Mit seinem Erfolg oder Scheitern, mit seiner ganzen Existenz bindet sich der Hirte an das Schicksal der Herde. Und jedes einzelne Tier kann den ganzen Preis kosten. Es fällt schwer, in Zeiten industrieller Massentierhaltung diese Berufsethik beim Wort zu nehmen. Aber nur so gewinnt Jesu Zusage im Johannesevangelium ihre Ernsthaftigkeit, ihren Ernst: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Die ganze schutzbedürftige Lebensgemeinschaft der Tiere, genauso wie das einzelne gefährdete Leben, beide dürfen und müssen sich auf Treue und Verantwortungsbewusstsein des guten Hirten verlassen. Weil diese Eigenschaften den altorientalischen Hirten ausmachten und weil auch wir Menschen Teil einer gefährdeten Gemeinschaft sind und gleichzeitig als Einzelne auf Geborgenheit angewiesen, darum haben die Bilder von Hirten und Herden in der Bibel solche Prominenz gewonnen.

Da ist freilich noch etwas, dem wir fremd gegenüberstehen, ja sogar mit innerer Abwehr, wenn es uns heute ähnlich im islamischen Brauchtum begegnet. Das Schaf, das einzelne Schaf kommt in den letzten Augenblicken seines Lebens dem Menschen nahe, als einzelnes Geschöpf, wenn es zum Opfertier wird. Die Heiligkeit Gottes verlangt eigentlich nach dem Blut des schuldig Gewordenen. Das Blut des Opfertieres tritt an seine Stelle. Sein Blut vertritt Menschenblut, sein Leben rettet Menschenleben. Und die biblischen Gesetzessammlungen sind voll von Bestimmungen, wie genau das Tier beschaffen zu sein hat, das Gott zur Sühne angeboten werden darf. Da konnten die Bauern Israels nicht einfach blind in ihre Herden greifen. Alter, Geschlecht, körperliche Beschaffenheit, alles war von Fall zu Fall zu beachten. (Hinter jeder rituellen Schlachtung steht übrigens das Werturteil, dass Mensch und Tier aus der gleichen Schöpferhand hervorgegangen sind und deshalb imstande, überhaupt einander zu vertreten.)

Wir wissen, dass in unserer Glaubenssprache beide Bilder auf Jesus bezogen werden: der gute Hirte, der in letzter Konsequenz sein Leben gibt, und das Lamm, das zum Opfer wird. Das „Lamm Gottes“, das die Menschen in der Begegnung mit Gott aus dem Zwang immer neuer Opfer befreit. Auf dem Tisch des Passahmahls, das Jesus mit den Seinen feiert, stehen der Überlieferung nach nicht nur Brot und Wein, sondern auch das Lamm, ohne das es kein Passah gibt.

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, die biblischen Bilder von Herden und Hirten tatsächlich noch in unsere Zeit zu holen. Vielleicht versperrt uns wirklichkeitsfremde Hirtenromantik doch den Blick auf die Tragfähigkeit dieser Gleichnisse. Wenn die Markus-Gemeinde eines in unserer Zeit gewiss nicht sein darf, dann dumpfes Herdenvieh. Außerdem: Pastor ist Latein und heißt bekanntlich Hirte. Trotzdem ist das sprichwörtliche Bild doch ziemlich unglücklich: Sebastian Neuß der Hirte und wir alle die Schäfchen. Wenn denn Jesus der gute Hirte ist, der uns erhält und zusammenhält, dann sind, um im Bild zu bleiben, Pastoren und andere Verantwortliche in der Kirche hoffentlich gut ausgebildete Hütehunde. Auch wenn sie scheinbar gelangweilt im Gras liegen, haben sie doch immer ein Ohr und ein Auge beim Hirten, um keinen Befehl zu verpassen. Und wie man so hört, macht es ihnen auch noch Spaß.

Schwamm drüber! Wem es mit den Bildern von Hirten und Schafen zu kompliziert wird, der kann sich ja an die anderen Bilder halten, in denen das Neue Testament die zuverlässige Nähe Jesu ausdrückt. Die Weltkirche hat sich z.B. das Bild vom Boot auf tosender See zu eigen gemacht. Der schlafende Jesus tut nichts und entspricht überhaupt nicht dem Bild vom jederzeit handlungsbereiten Hirten. Aber seine Gegenwart ist Schutz genug. Der gute Hirte oder der schlafende Jesus im Sturm an meiner Seite, der Jesus, in dessen Händen sich das Brot vermehrt, aus den Ostergeschichten der Wegbegleiter auf dem Weg nach Emmaus – du wirst dein Bild finden.

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