Der Siebzigjährige Friede



70. Jahrestag von Kriegsende und Befreiung 1945 am 8. Mai

Stephanuskirche Niederndodeleben-Schnarsleben 10. Mai 2015

„Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre.“ Wer sich zur christlichen Gemeinde hält, hat diesen Satz aus dem 90 Psalm oft gehört. Die höchste Wahrscheinlichkeit besteht bei Beerdigungen. 70, 80 Lebensjahre! Ja, das kam vor in der Gesellschaft des historischen Israel. Aber diese Alten waren die bestaunten Ausnahmen, in der Regel verehrt und umsorgt in einer Gemeinschaft, die mit sehr viel kürzeren Lebensspannen rechnen musste – angefangen bei der herzabdrückenden gewaltigen Kindersterblichkeit.

Wir betrachten 70 Lebensjahre – wider besseres Wissen – inzwischen als eine Art Mindestalter, vergleichbar dem Mindestlohn, das wir für uns einfordern. Und es ist ja auch so: die Mehrzahl aller Familien in Deutschland kann, wenn sie will, in dieser Woche eine eigene Alte, einen eigenen Alten fragen: „Oma, Opa, woran erinnerst Du Dich, damals, Mai 1945, als der Krieg zu Ende war? Was hast Du erlebt? Was hast Du gefühlt?“ Sehr viele dieser Alten von heute haben die lebensgefährlichsten Situationen ihres Lebens sehr früh überstanden, in Luftschutzkellern, auf Flüchtlingstrecks. Viele von uns Alten wissen, welche längst nicht mehr Lebenden uns damals mit letzter Kraft durchgebracht haben. Ich jedenfalls weiß das.

70 Jahre danach stehen wir Alten in einer Zeugenpflicht – auch wenn wir „nur“ die Wahrnehmungen von Kindern weitergeben können. Die Bibel hält uns dazu an. Manches Mal wird dort wahrhaftige Zeugenschaft von den Älteren und Alten eingefordert: „Wenn dich dein Kind fragt… wo wir herkommen, worauf es ankommt, dann sollst du antworten…“ In Israel ging es dabei um die Geschichte seines Gottesbundes. Für unsere Enkel und Urenkel geht es um ihre Freiheit und um die Verantwortung, die sich dennoch aus ihren Wurzeln ergeben.

Das gilt sogar für die jungen Muslime, die Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Sie werden als Deutsche durchs Leben gehen. Deshalb müssen wir sie ehrlich und geduldig davor bewahren, dass sie sich vergiften an der Erscheinungsform des Antisemitismus, der sich nährt aus dem bösen Konflikt zwischen dem Staat Israel und seinen muslimischen Nachbarn.

70 Jahre: für ein Menschenleben empfinden wir das nicht mehr als spektakuläre Zeitspanne, wie zu biblischen Zeiten. Als Periode des Friedens, wenigstens als Periode ohne offenen Krieg, ist sie für uns Deutsche erstmalig. In der Schule lernten wir nur Kriege, keine Friedenszeiten, an Hand ihrer Dauer zu unterscheiden: allen voran den Dreißigjährigen Krieg – mit seinem schlimmsten Massaker nur wenige tausend Meter von dieser Kirche entfernt, im Magdeburg 1631; den Siebenjährigen Krieg als gewalttätige Geburtswehen des 1945 erloschenen Staates Preußen. Europa erlebte im 14. und 15. Jahrhundert sogar seinen „Hundertjährigen Krieg“, in dem die Herrscher Frankreichs und Englands mit Unterbrechungen ihre Interessengegensätze austrugen.

Was hindert uns, ab dieser Woche vom „Siebzigjährigen Frieden“ zu sprechen? Wohl nur die Selbstverständlichkeit, dass es nicht bei diesen 70 Jahren bleiben darf. Je mehr Menschen sich Gottes Erde teilen müssen, untereinander und mit ihren Mitgeschöpfen, um so zwingender erweist sich der Friede als die Lebensbedingung schlechthin. Ihn dort zu bewahren, wo er gilt, und ihn wiederzugewinnen, wo Menschen in Kriege gestürzt worden sind, das ist erste Bürgerpflicht für uns alle, ohne Ausnahme. Der garstigen Politik den Rücken zukehren, z.B. wenn wir eines baldigen Tages aufgefordert wären, Kriegsflüchtlinge in Frieden bei uns wohnen zu lassen, das wäre wohl Friedensgefährdung durch Unterlassen.

Der 70-jährige Friede seit 1945 war nicht harmonisch, keine heitere Zeit, zeitweise voller Nöte, voller Lügen, voller neuer Feindbilder, voller Verstocktheit, voller Momente, da der Friede in höchster Gefahr war. So heißt es auch im 90. Psalm: 70, 80 Jahre „und was immer daran kostbar gewesen ist, ist doch auch schwere Last und Trübsal gewesen.“

Auch in diesem Dorf kann es kaum anders gewesen sein – seit dem Tag vor 70 Jahren, der in dem hier so populären alten Fernseh-Krimi ins Bild gesetzt worden ist, als russische Soldaten 50 Meter von hier auf Pferdewagen aus Richtung Irxleben in den Ort einrückten. Bald wurden sie offiziell zu Befreiern erklärt. Aber diese Befreiung begreifen? Das hat bei den Menschen überall im untergegangenen Nazi-Deutschland unendlich viel länger gedauert (von der Minderheit tatsächlich befreiter Naziopfer abgesehen).

Die Nachgeborenen sollten Zurückhaltung üben, den Alten ihre historische Begriffsstutzigkeit, was die Befreiung angeht, allzu überlegen anzulasten. Das Nazigift hat den Millionen Überlebenden in den Seelen geklebt, viel fester, als dass eine kräftige Umerziehungsdusche es ruck-zuck hätte abwaschen können. Wenn ich z.B. den damals Erwachsenen meiner eigenen Familie ins Gesicht schaue, dann war da ein einziger, ein Großvater, der von Anfang an bis zum Lebensende 1945 gegen den Nazigeist gestanden hat. Nicht im stillen Kämmerlein, sondern in seinem öffentlichen Beruf.

Der Siebzigjährige Friede war für uns deutsche Christenmenschen eine Langzeitschule. Präziser gesagt: 45 Jahre lang besuchten wir sozusagen zwei getrennte politische Konfessionsschulen, die sozialistische und die parlamentarisch-demokratische. 1989 sind die Schulen dann zusammengelegt worden. Ich war Schüler der Friedensschule West.

Mindestens ein halbes Jahrzehnt haben wir gebraucht, um im Gedränge von Einheimischen und Flüchtlingen zu lernen, dass die anderen, die Evangelischen bzw. Katholischen auch Christen, vertrauenswürdige Glaubensgeschwister sind. Wir sind schrittweise ökumenefähig geworden. „Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat!“

Seit 1963 mussten wir im Westen die Auschwitz-Prozesse ertragen. Das biblische Versprechen „Die Wahrheit wird euch frei machen“, es galt auch dabei. Aber wir jungen Erwachsenen in der Kirche waren oft tief deprimiert, weil von einer Befreiung der Gewissen auch im Lebensraum Kirche noch nicht die Rede sein konnte.

Ungefähr in derselben Friedenslernzeit entfalteten die „Aktion Sühnezeichen“, ausgehend hier aus Magdeburg, und die bis heute lebendige Aktion „Brot für die Welt“ nach und nach ihr Potential.

Bis zur Zusammenlegung unserer Friedensschulen 1989 waren wir dann schon grenzüberschreitend Schülerinnen und Schüler des „Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“. Hüben wie drüben haben wir in jenen Jahren den Ruf „Frieden schaffen ohne Waffen“ unters Volk gebracht. Selten, finde ich, sind biblische Botschaften so keck auf den Punkt gebracht worden.

Den Siebzigjährigen Frieden zu pflegen und zu schützen ist nun seit 25 Jahren unsere gemeinsame Christenpflicht. Wir sind Bürgerinnen und Bürger eines Landes, dessen Tun und Unterlassen folgenreich ist; Frieden fördernd, aber auch Konflikte verschärfend, bis hin zur ungewollten oder auch fahrlässigen Förderung von Blutvergießen. Nie wieder dürfen Angst oder Verblendung der Gemeinde Jesu die Sprache verschlagen, wie damals, als Angriffskriege und mehrfacher Völkermord ihre teuflische Verbindung eingingen.

Der Siebzigjährige Friede, seine Pflege, überfordert uns nicht. Wir wissen ja auch, wie man einen kostbaren Baum pflegt. Der Siebzigjährige Friede gleicht nicht einem unbewohnten denkmalgeschützten Schloss. Er gleicht einem starken, aber immer immer verletzlichen, sogar zerstörbaren Baum. Da kommt es auf den einzelnen Schnitt, die einzelne pflegerische Maßnahme an. Was tue ich? Was lasse ich besser? Wann muss ich sogar um meinen Baum kämpfen?

Einstweilen reicht es völlig, wenn ich die wichtigen Entscheidungen unseres Alltags, die privaten wie die öffentlichen, einmal an der Martin-Niemöller-Frage teste: „Was würde Jesus dazu sagen?“

Wie es Flüchtlingen in Deutschland geht; aber auch, wem wir ohne meinen Bürgerprotest Waffen verkaufen; ob es dem Frieden dient, wenn Nahrung für Arme immer unerschwinglicher wird, nur damit unsere Viehmassen billiges Futter und unsere Autos genug zu saufen haben. Einfache Friedenspflegefragen ohne Ende. Und keiner ist mit der Antwort überfordert. Es braucht Minderheiten, die persönlich die richtigen, dem Siebzigjährigen Frieden dienlichen Antworten geben und gemeinsam leben – damit sie noch rechtzeitig mehrheitsfähig werden. Damit der Baum des nun Siebzigjährigen Friedens weitere Jahrzehnte runden kann.

Unser Lohn? Jesus drückt es so aus: „Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Sie sollen satt werden! Selig sind die Friedensstifter. Denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

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