Der zwölfjährige Jesus im Tempel

10. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2011

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich.

Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

(Lukas 2, 41-52)

Eine der Lebensweisheiten meiner Oma, bei allen möglichen Anlässen wiederholt, lautete: „Man wird alt wie ´ne Kuh, und lernt immer noch dazu.“ Oma, du hast recht! Auch wenn die Sache mit der Kuh nicht ganz stimmt. Die hat nach den Gesetzen der Schöpfung eine Lebenserwartung von plus/minus 20 Jahren. Aber die industrialisierte Landwirtschaft lässt der Milchkuh maximal fünf Jahre zum Leben und zum Lernen. Und unser Hunger nach Kalbfleisch beendet das Kälberleben nach weniger als einem Jahr.

Da dauert das unablässige Lernen für unsereinen ungleich länger. Vielleicht halte ich mal ein paar Augenblicke inne – dann könnt ihr darüber nachdenken, was ihr als Letztes dazugelernt habt, sei es ein Stück Alltags-Technik, oder etwas über mensch­liches Miteinander, einen neuen Begriff, etwas vom Glauben.

Gönnen wir uns eine kleine Denkpause!

Stimmt´s? Alter schützt vor Lernen nicht. Das ist ein wesentlicher Teil unserer gottgeschenkten Lebenstüchtigkeit. Bitter wird es wohl, wenn Lernen nicht mehr gelingen will.

Aber in erster Linie verbinden wir Lernen mit Kindheit und Jugend. Das weckt Erin­nerungen, die bei vielen von uns mehr als ein halbes Jahrhundert zurückreichen. Bei mir sind das überwiegend schlechte Erinnerungen. Dafür trägt weit mehr das Eltern­haus die Verantwortung als die Schule – auch so ein Lehrstück! Wir sind aber auch Eltern und Großeltern. Da ist der Beginn des neuen Schuljahres wie diese Woche für alle Alten, die es betrifft, auch eine Herzensangelegenheit.

Schließlich, unsere Kirche als Teil der weltumspannenden Ökumene bleibt beim Thema Schule und Bildung alles andere als gleichgültig: das Gottes- und Menschen­recht auf Bildung ist schließlich eines der wichtigsten Werkzeuge im Kampf gegen den Hunger.

Ausbeuterische Kinderarbeit, systematische Benachteiligung von Mädchen, sexuelle Versklavung von Kindern, Ruin des Schulwesens durch Untätigkeit schlechter Regie­rungen und als Folge staatlicher Verschuldung: wir dürfen nicht müde werden, unseren Partnerkirchen im Protest gegen diese Übel beizustehen.

Eigene Lernerfahrungen bis ins Alter, die Schüler und die Studentinnen, die wir besonders liebhaben, das globale ungeteilte Menschenrecht auf Bildung, an all das erinnert uns die einzige Überlieferung, die das Neue Testament kennt aus dem Pubertätsalter Jesu.

Zwölfjährige Jungen stehen nach der Tradition der Jüdischen Gemeinden unmittel­bar vor ihrer Religionsmündigkeit, bis heute gefeiert mit dem Familienfest „Bar Mizwa“. Mädchen wird diese Mündigkeit übrigens ein Jahr früher zugesprochen; eine Tatsache, über die nachzudenken sich lohnt.

Die männlichen Jugendlichen werden nicht einfach mit einem Blick auf das Geburts­datum im Personalausweis in die Synagogengemeinde aufgenommen. Ein Sohn Israels muss gelernt haben, was ihn und die anderen mit seinem Gott, mit unserem Gott verbindet.

„Wenn dich dein Sohn fragt…“ ist eine sehr wichtige Floskel in den Texten des Alten Testaments über die Lebensordnung Israels. Vater und Mutter legen durch ihre Antworten, durch ihre Geschichten das Fundament des gelebten Glaubens, lange vor dem Rabbi. Gib weiter, was Gott für und mit Israel getan hat! Glauben lernen parallel zum sprechen lernen, parallel zur Hinführung der Kinder an das Handwerk oder den Bauernberuf, der die Familie erhält.

Ich muss nicht viele Worte darüber machen, wie beängstigend, um nicht zu sagen, wie katastrophal es ist, wenn die Kinder evangelischer Familien keine Antworten bekommen auf die Fragen nach dem Gott, dem Jesus Christus, dessen Kirchen überall noch stehen. Und sie fragen mit Sicherheit, denn sie gehen ja mit sperrangel­weit geöffneten Augen und Ohren durch die Jahre ihrer Kindheit. Wenn dein Sohn, wenn deine Enkelin dich fragt, und du beißt dir auf die Zunge, das ist immer ein Schritt zum Kollaps der Gemeinde.

Wichtiger als die Rabbis im Tempel von Jerusalem sind für den Jungen Jesus Mutter und Vater gewesen. Man muss kein Diplom-Psychologe sein, um das festzuhalten. Die Menschen, denen Kinder ganz von allein ihr Vertrauen schenken, sie sind die Gärtnerinnen und Gärtner des Glaubens. Wir haben Anteil an diesem Ehrenamt bei Kindern aus Familie und engem Lebenskreis, deren Gesichter und Stimmen uns gegenwärtig sind.

Und jede, wirklich jede Initiative und Mühe, die unsere Gemeinde aufwendet, um Kindern schöne und Lebensmut machende Glaubenserlebnisse zu erschließen, sind Zeit und Geld wert – auch unter den extrem schwierigen religionssoziologischen Rahmenbedingungen, die uns wohl allen klar sind. Würde ich noch einmal schöpfe­rische Kräfte zusammenkratzen, um einer Gemeinde hierzulande einen Dienst zu erweisen – es sollte eine tolle Kinderbibelwoche sein.

Die erstaunlichen Antworten des zwölfjährigen Jesus auf die Fragen der Religions­lehrer, sie müssen sich deutlich von dem Ertrag meines eigenen Konfirmandenunter­richtes in einem evangelischen Erziehungsheim unterschieden haben. Den habe ich zwar Dank eines leistungsfähigen Gedächtnisses ohne besonderen Stress überstan­den. Aber dieser Wust von auswendig gelernten Psalmen, Katechismus-Stücken und Gesangbuch-Liedern hat mir auf die wirklich wichtigen Glaubenssachen so gut wie keine Antworten gegeben:

Dass Liebe sich die Finger schmutzig machen muss; das Friede etwas für die Mutigen ist; dass Vergebung und Umkehr von Irrwegen zusammengehören; dass wir die Schöpfung nur von unseren Kindern geliehen haben – aber wer hat dergleichen 1953 überhaupt in unserer Kirche gedacht und gelehrt?

Nein, ich habe mit den Religionslehrern meiner westdeutschen Kindheit Pech gehabt. Aber es gab und gibt die Guten, die im Segen wirken. Und richtig Gute gewiss auch in der Tempelschule von Jerusalem. Zu den Freuden einer guten Lehrerin gehört es, Zeugin der Erkenntnis-Explosion heranwachsender junger Menschen zu sein. Ganz gewiss auch beim zwölfjährigen Jesus von Nazareth – aber ganz gewiss nicht nur bei ihm.

Diese wenigen Worte und Sätze über den lernenden und verstehenden jungen Jesus, sie sollen natürlich auch das Besondere, das Gesegnete dieses Lebens herausstellen. Manche andere Biographie verfährt ebenso. Denken wir nur an die Wunderkinder-Schilderungen, die zutreffenden und die verklärten, von Mozart bis zu späteren Schach-Großmeistern.

Aber die Erzählung erinnert uns auch an das ganz normale Wunder, dessen Zeugen jede Generation von Eltern, Lehrerinnen und auch Seelsorgern wird. Gott schenkt Men­schenkindern schon in frühen Jahren die Fähigkeit, zu begreifen und den Lebenskompass auf bleibende Ziele auszurichten – bei nicht wenigen jungen Men­schen in einer Klarheit und Bestimmtheit, die nahezu sprachlos macht.

Der Zwölfjährige hat begriffen, dass er im Bund mit Gott lebt. Aber er wird dadurch kein harter Dogmatiker, kein unbarmherziger Besserwisser. Als erwachsener Mensch bleibt er fähig, wahrhaft Umstürzendes neu zu lernen. Ich denke z.B. an seine Begeg­nungen mit dem römischen Hauptmann von Kapernaum und mit der Kanaa­näerin, die um Heilung für einen Knecht bzw. für eine Tochter bitten. Das sind Begegnungen, die ihn das Herz Gottes und seinen eigenen Auftrag neu und tiefer verstehen lassen. Auch der erwachsene Jesus hört nicht auf zu lernen!

Die Geschichte endet mit zwei Sätzen, die mich seit Jahr und Tag anrühren. Maria behält die Worte ihres Sohnes und „bewegt sie in ihrem Herzen“. Wieder dieser in die Zukunft weisende Satz, mit dem der Evangelist schon das Erleben der Geburt Jesu zusammenfasste. Mit dem Herzen denken, mit Liebe und Einfühlungsvermö­gen! Auch für uns ist das der beste Weg, die Lernschritte der jungen Menschen, die wir lieben, zu begleiten. Diese Methode – wenn wir sie denn so nennen wollen – kann uns vor allem anleiten, zunächst einmal darauf zu vertrauen, dass Gottes Weg mit ihnen ein gutes Ziel hat.

Und dann der Satz, der fast wie ein pädagogisches Gutachten klingt. Ja, denn wir bestehen ja darauf, zum Erdenleben Jesu gehört alles, was einen Menschen ausmacht: „Aber Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Erziehungsziel Liebesfähigkeit! Weniger sollten wir auch den Kindern unserer Zeit und unseres Lebenskreises nicht gönnen. Beten und arbeiten wir dafür!

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