Die Heilung des Bartimäus

Estomihi, 22. Februar 2004


Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich! Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antworte­te und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

(Markus 10, 46-52)

Wenn ich mich nicht irre, gehört der aktuellen britischen Regierung ein blinder Minister an. Ich bin sicher: viele von uns haben schon eindrucksvolle und erfolg­reiche Menschen kennengelernt, die das Leben mit dieser besonders Behinderung meistern. Der Posten in der Telefonzentrale einer Verwaltung ist Gott-sei-Dank längst nicht mehr die Spitze dessen, was ein Blinder in unserer Gesellschaft anstreben kann.

Wer den Bartimäus am Straßenrand von Jericho verstehen will, der muss sich wohl für das himmelschreiende Schicksal der Behinderten in den Armutsregionen der Erde interessieren. Kaum jemand, egal ob körperlich oder geistig behindert, kann irgendeine Hilfe von staatlicher Seite erwarten. Und die meisten Familien leben so von der Hand in den Mund, dass da wenig übrig bleibt für die Münder und die Seelen behinderter Angehöriger. So wird Betteln zum Beruf – und sicherlich nicht zum schlechtesten. Dazu kommt die uralte Frage, mit der wir uns in der Welt zurechtzufinden suchen, die Frage: „Wer ist schuld?“ Sie wird allzu oft zuungunsten des behinderten Menschen beantwortet. Unsere eigene Angst vor schweren Beein­trächtigungen schlägt um in Aggressionen gegen die, die sich schlecht wehren können. Nicht nur der blinde Bartimäus muss sein Maß an Tritten und Schimpf­worten ertragen.

Aber die Hoffnung ist in Bartimäus noch nicht gestorben. Er wehrt sich immer noch gegen die Hoffnungslosigkeit seines Daseins. Das ist sein Schatz. Dieser Schatz ist lebenserhaltend wie das tägliche Brot. Zahllos sind die Geschichten von Menschen, die bezeugen, dass die Hoffnung sie am Leben erhalten hat: auf der Flucht, in Straflagern, im Widerstand gegen Diskriminierung und anderes Unrecht – auch im Kampf gegen die Hilflosigkeit, zu der verschiedene Behinderungen scheinbar verurteilen.

Wie hat Bartimäus von der heilenden Kraft Jesu von Nazareth erfahren? Kein Wort darüber in der Geschichte. Wer nicht sehen kann, lernt zu hören – genauer wahr­schein­lich, als wir Sehenden das tun. Ob er an Jesus glaubt – oder ob er einfach nur an ihn glauben will, weil er anderes nicht hat? Wer will das wissen! Jedenfalls tut er, was nötig ist. Betteln ist eher ein Beruf, der schweigend oder wenigstens leise ausgeübt wird, durch drastisches Zur-Schau-stellen des Elends.

Jetzt kommt es darauf an, in dem Trubel rund um den Prominenten nicht unbeachtet zu bleiben. Darum brüllt er: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ „Sohn Davids“ als Anrede, das sagt man im alten Israel nicht einfach so. „Sohn Davids“, das bedeutet in unserer Glaubenssprache soviel wie Heiland, Erretter, Erlöser – der, durch den Gott alle seine Versprechen an die Mühseli­gen und Beladenen einlöst. Es hat wenig Zweck, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie ehrlich Bartimäus das meint, im Sinne eines theologisch korrekten Glaubensbe­kenntnisses. Will er Jesus schmeicheln, oder ahnt er wirklich: Der da ist es?

Dem Tross Jesu ist er einfach lästig. „Halt´s Maul,“ das wird ungefähr die Tonart gewesen sein, die hinter dem Verb „anfahren“ zu vermuten ist. Aber der blinde Mann zeigt den Lebenswillen, den wir auch bei seelisch gesunden kleinen Kindern kennen, wenn sie um Beachtung kämpfen. „Bist du endlich still!“ Dies Kommando wird mit noch lauterem Brüllen beantwortet – und oft genug hat die Methode Erfolg. „Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Spätestens in diesem Augenblick ist es ernst gemeint. Jetzt oder nie. Unsere Kinder kannten das rote Gesicht von „Martin Mäus“ in einem biblischen Bilderbuch (Illustration von Kees de Kort zeigen).

Die Heilige Teresa von Avila hat gesagt: „Bei Gott muss man an das Herz appellieren. Das ist seine schwache Seite.“ Bei Jesus ist es nicht anders. Das ist die schwache Seite, die sich bei den Kranken und Behinderten seines Landes herumgesprochen hat. So kommt es zu der Begegnung, für die Bartimäus einiges riskiert hat. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Dumme Frage? Keineswegs. Jesus kennt wie alle Menschen seiner Zeit den üblichen Broterwerb Behinderter, das Betteln. Logisch, dass auch er in der Regel einfach um eine milde Gabe gebeten wird – eine milde Gabe, zu der gerade fromme Menschen von Gottes Gesetzes wegen verpflichtet sind. Jesus will schon genau wissen: „Was will dieser Mann, die kleine Lösung oder die große, etwas oder alles?“

Bartimäus will tatsächlich alles. Seine Antwort: „Rabbuni, dass ich sehend werde.“ Diesmal ist die Anrede etwas bescheidener (Rabbuni: „Mein geistlicher Lehrer“), aber die Bitte ist das Maximum. Er bekommt es, und wir müssen in unserem Gedächtnis ganz fest verankern, wie Jesus die Heilung begründet: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Das ist ja so etwas wie der Refrain am Ende vieler Heilungsgeschichten, so regelmäßig, dass das kein Zufall, keine Nebensächlichkeit sein kann. Jesus könnte alles auf sein Konto buchen, und Wunderheiler leben auch davon. Ich, ich allein habe die Power und ich lasse dir etwas davon zukommen. Und nun bist du mir auf ewig verpflichtet.

Jesus besteht immer wieder hartnäckig darauf, dass die Menschen, die ihn um Hilfe anflehen, das Entscheidende bereits mitgebracht haben: die Hoffnung, dass sie doch nicht allein sind in ihrem Elend, dass Hilfe in diesem Moment der Begegnung mit Jesus ganz nahe ist – kurzum den Glauben. Ohne diesen Glauben der Bittenden will Jesus die Vollmacht Gottes nicht in Anspruch nehmen – will er nicht, oder kann er nicht. Darin scheinen die Zeugen seines Lebens, die vier Evangelisten, nicht ganz einer Meinung zu sein.

Bartimäus jedenfalls folgt Jesus ab sofort nach. Was soll er auch sonst tun? Aber er folgt nicht einem Guru, einem Mullah, einem Prediger, der die Seele versklavt. Er wird wird sich unzählige Male über diesen einen Satz wundern: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Sein weiteres Lebens verschwindet für uns im Unbekannten. Aber wir möchten uns wünschen, dass diese Verbindung gehalten hat – auch über das öffentliche schmähliche Scheitern Jesu am Kreuz von Golgatha hinaus, in der Gemeinschaft derer, die gewiss waren: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

Zur Wirkungsgeschichte dieser Begegnung gehört die ärztliche Mission für Blinde und Sehbehinderte in unserer Zeit. Abermillionen Menschen in den Armutsregionen der Welt erblinden ja, weil sie heilbaren Augenkrankheiten zum Opfer fallen. Beileibe nicht nur christliche Hilfswerke bemühen sich um sie. Aber Christinnen und Christen haben ein besonderes Motiv. Sie möchten, dass dieser Augenblick sich möglichst oft wiederholt: bescheiden und überwältigend zugleich – wenn ein Mensch zum ersten Mal wieder das Licht, die Farben, die Dinge sehen kann – weil er sich vertrauensvoll um Hilfe bemüht hat. (Einladung Christoffel-Blindenmission)

Aber man muss nicht körperlich erblinden, um in dieser Geschichte einen Rettungs­anker zu erblicken. Unsere Sprache ist reich an Redensarten, in denen das Wort „blind“ nicht Sehnerven und Linsen meint. Ich kann blind werden für die Auswege aus seelischer Not, für die Heilungschancen von bitteren Beziehungskonflikten, blind für die Anerkennung durch meinen Gott. Lange bevor Menschen Verzweif­lungstaten begehen, kann das Leben durch solche Formen der Blindheit schon unerträglich geworden sein. Jeder und jede, die in Beratung, Seelsorge – und wahrscheinlich immer noch am wichtigsten – im Gespräch von Mensch zu Mensch zu helfen versucht, wird die Erfahrung Jesu an sich selbst machen:

Unsere Bereitschaft zu helfen muss sich treffen mit dem von Gott geschenkten Rest an Lebensmut, der Menschen Hilfe suchen lässt. Ich vertraue darauf, dass dieser Mut ein unverlierbarer Teil des Lebensodems ist. Aber er kann bis zur Unauffindbarkeit ver­schüttet sein unter all den Lasten, die einem Menschen auf der Seele liegen. Da wird es zum Gebetsanliegen, dass Menschen, die Hilfe brauchen, sich doch dieses verschütteten Schatzes erinnern. Und sei es so, wie es einmal ein Mitmensch Jesus ins Ohr schreit: „Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben.“ Wie Bibelleser wissen, mit Erfolg.

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