Die Vision vom Totenfeld

Ostern, 24. April 2011

Des HERRN Hand kam über mich und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns.

Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.

(Hesekiel 37,1-14)

Eine biblische Ostergeschichte, überliefert aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, also 600 Jahre vor dem Erdenleben Jesu von Nazareth. Deshalb kann er von Person in dieser Geschichte nicht vorkommen. Aber die Christen vergangener Jahrhunderte haben diese Geschichte in ihren Ostergottesdiensten wieder und wieder gelesen. Vielleicht war das auch in der hiesigen Osternacht der Fall.

Eine Ostergeschichte ohne Jesus! Ja, ist das überhaupt eine Geschichte? Der Prophet Hesekiel berichtet seinen Zuhörern ja nicht von einem Ereignis, bei dem sich Ort und Zeit protokollieren ließen. Stattdessen fasst er eine Vision in Worte, einen aufwühlenden Traum, in dem ihm Gottes Absichten mit seinem Volk Israel klar geworden sind.

Hesekiel ist bei weitem nicht der Einzige, zu dem Gott in Träumen spricht – weder zu seiner Zeit, noch heute – aber er gehört zu den besonders begnadeten Werkzeugen, deren Gott sich bedient, um unsere Herzen zu erreichen. Wen diese Bemerkung neugie­rig macht, dem empfehle ich die reichlich 50 Seiten des Hesekiel-Buches im Alten Testament zur Lektüre.

Eine Ostergeschichte ohne Jesus. Eine Ostergeschichte, in der es zudem nicht um den Einen geht, sondern um das ganze Volk Gottes – um Israel, wie Hesekiel es kannte; um ganze Volk Gottes, wie es Jesus über alle Grenzen hinweg erblickte und ins Herz geschlossen hat.

Der Vision des Hesekiel fehlt die Pietät der uns vertrauten Ostergeschichte. Kein Felsengrab, gestiftet von einem wohlhabenden Verehrer. Statt dessen eine öde Ebene übersät mit menschlichen Gebeinen. Dort liegt das Volk Israel, besiegt, viele als Gefangene weggeführt; Israel, seiner Zukunft, seiner Glaubensgewissheit, seines Gottesbundes beraubt. Die Zuhörer des Hesekiel, natürlich leben sie, sie arbeiten und essen, sie sorgen sogar für ihre Kinder. Aber ihre Hoffnung ist tot. Das ist nicht mehr Israel, das sind nur noch die sterblichen Überreste seines Glaubens. Eine Realität ohne Vor und ohne Zurück. Völker und Kirchen kennen solche Albträume. Wer wüsste das besser als wir.

Deshalb – und auch das gehört zu jeder Ostergeschichte – kann nur Gott die Initi­ative ergreifen. Er tut es mit einer Frage: „Du Mensch, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Was soll ein Mensch, wie Hesekiel, ein Mensch wie du oder ich, eingewoben in seine Lebenserfahrung, auf diese Traumfrage antworten?

Macht es Sinn zu antworten, dass wir alle – du und ich – in unseren Träumen schon viele Male mit denen zusammen waren, die längst nicht mehr leben? Nein, mein Gott, du weckst mich ja schnell aus solchen Träumen wieder auf, zu meiner Enttäuschung oder zu meiner Erleichterung. Also bleibt mir nur zu antworten wie der Prophet: „Herr mein Gott, du weißt es“ – du allein.

Der Gott, der die Antwort weiß, im Traum des Hesekiel antwortet er – nicht mit einer Auskunft, sondern einem bindenden Auftrag – von der Art, die an den Propheten hängen blieben, unerbittlicher als eine Klette.

„Sprich zu den Gebeinen.“ Nicht wie am Volkstrauertag – wenn im besten Fall davon die Rede ist, was wir Lebenden vom Schicksal der Toten lernen können. „Sprich zu den Gebeinen – und sei dabei nicht deine, sondern meine Stimme.“ Wir erinnern uns: mehr als einmal haben Menschen, auf die Gott es abgesehen hatte, Einspruch gegen solche Aufträge eingelegt: Nein. Gott, das geht nicht; das kann ich nicht. Zu Kno­chen­resten sprechen mit Aussicht, verstanden zu werden? Wie das?

Machen wir einen kleinen Versuch: da drüben steht unsere Orgel. Eine Orgel ist nur eine Orgel, wenn jemand auf ihr Musik machen kann. Also bitte, lieber Organist.

Der Orga­nist setzt sich an die Orgel und versucht zu spielen. Es ertönt keine Musik, weil der Strom abgeschaltet ist.

Was da steht, sieht aus wie eine Orgel. Aber auch in tausend Jahren wird kein Ton zu hören sein, wenn kein Wind mehr in das Instrument kommt, ob elektrisch oder mechanisch, ist einerlei. Dem Knochengerippe des Glaubens sieht man seine Vergangenheit noch an. Aber es ist zu keinem Bekenntnis und zu keiner Tat mehr fähig, weil kein Funken Leben mehr in ihm ist.

„Darum ihr Glaubensgerippe, ich will den Atem des Lebens in euch bringen, damit ihr wieder lebendig werdet.“ Gott kann, wenn er will! Auch das soll unser Organist uns zeigen. Aber dazu müsst Ihr ganz leise sein – wie auch sonst, wenn man von Gottes etwas mitkriegen möchte.

Der Organist setzt sich wieder auf die Orgelbank, sucht mit deutlicher Geste den Strom­schalter und schaltet den Motor der Orgel ein. Im Raum ist wahrscheinlich ein leises typisches Geräusch zu hören.

Der Atem des Lebens, der Atem des Glaubens. Das geht eben nicht nach dem Motto der Fernsehwerbung, wo jemand seinem Spiegelbild zuredet: „Ich verschreib dir was!“ Weil wir Erde sind, auch im naturwissenschaftlichen Sinn, muss da einer sein, dessen Liebe diese physische und psychische Materie zum Leben bringt.

Und das ist auch für Gott mehr als ein Handgriff. Die reichlich 200 Knochen unseres Körpers bleiben ein heilloser Mikadohaufen, wenn sie nicht durch Sehnen und Gelenke sinnvoll verbunden sind. Und sie kommen keinen Zentimeter vom Fleck, wenn Muskeln und Organe dem Knochengerüst keine Kraft und Ausdauer verleihen. Aber auch dann fehlt noch die Haut, als lebensnotwendige Brücke und Schutzwall zwischen drinnen und draußen. Unser Organist kann uns auch das demonstrieren.

Der Organist macht eine Reihe von Handgriffen zur Registrierung, spielt kurz Manuale und Pedale an, aber OHNE eine Melodie zu intonieren.

Die Osterpredigt für Israel 600 Jahre vor dem Tag der Auferstehung, sie ist noch nicht vollendet. Das meiste, was einen lebenstüchtigen Menschen ausmacht, ist geschehen. Die Totenknochen dürfen noch einmal ihren Zweck im Leben erfüllen. Alles ist zusam­mengefügt, bis auf das Letzte und Wichtigste, den Atem Gottes. Durch seinen Atem wird er selbst Teil und Grund jedes Lebens.

Die lebenswichtigen Teile des Organismus werden wieder zusammenfinden. Ein phantastisches Versprechen angesichts der Totengerippe des Glaubens um uns und in uns. Aber gebt euch damit nicht zufrieden, ruft uns der Visionär Hesekiel über die Zeiten zu. Gott wird das neu geschenkte Leben besiegeln mit einem Stück von sich selbst: seinem Lebensatem. Jesus nennt ihn den Heiligen Geist. Den Geist, der die Totgeglaubten stark macht, weil sie nichts mehr trennen kann von der Liebe Gottes.

Mit dramatischen Worten, die ich nicht mit vorgelesen habe, beschreibt Hesekiel, wie dann wirklich geschieht, was er als Mund Gottes sagen sollte. Also waren es nicht Menschenworte, sondern Gottes Wort, das unmittelbar neue Wirklichkeit schafft. Gott spricht – und es geschieht. Die Erfahrung seit Anbeginn der Schöpfung. Israel steht im öffentlich gemachten Traum des Hesekiel aus den Gräbern seines Glaubens auf und darf wieder im Bund mit seinem Gott leben. Gott konnte heilen und wollte heilen, was tot, was unabänderlich verloren schien.

Ein kostbarer Glaubensschatz. Aber ohne Jesus wäre er allein der Schatz der Gemeinde Israels geblieben. Doch mit allem, was er glaubte, sagte und tat, reißt Jesus die Grenzen nieder, die Menschen von Gott trennen können: die Grenzen der Rechtgläubigkeit, der Ungläubigkeit, der Geringschätzung, der Fremdheit, der Schuld – was sonst Menschen voneinander und von Gott trennen kann. Jesu befreiende Zusage „Dein Glaube hat dir geholfen“ hat das Herz der Menschen im Blick und nicht ihre Herkunft und Zugehörigkeit.

Am Ende des Weges Jesu stand das Kreuz – dennoch, oder gerade deshalb – und Angst und Enttäuschung der Zurückgelassenen. „Und wir dachten, er würde Israel erlösen!“ Ihre Seelen – ihre Hoffnung, ihr Glaube: ein Totenfeld.

Als sie dann begriffen, dass Gott getan hat, was nur er vermag, da war es gar nicht anders möglich, als dass sie sich nicht des Traumes des Hesekiel erinnert hätten.

Christus lebt, mit ihm das auch! Tod, wo sind nun deine Schrecken. Sobald Christinnen und Christen überhaupt angefangen haben, ihre Glaubenserfahrungen in Bekenntnissen festzuhalten, ist das zu einer ihrer grundlegenden Gewissheiten geworden, gültig auch an diesem Morgen.

Die Auferstehung des Einen ist kein Selbstzweck. Weil Jesus lebt, ist offenbar, dass auch wir leben sollen. Unser Glaube soll blühen, statt zu verdorren. Und Gottes Liebe kennt kein Ende, weder auf Totenfeldern noch vor Gräbern. Überlassen wir das letzte Wort unserer Orgel, bei der alle Teile und die Kunstfertigkeit dessen, der sie spielt, zusammenwirken – als kleines Gleichnis zu Ostern 2011.

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