Feuer vom Himmel?

Oculi, 14. März 2004

Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern. Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu berei­ten. Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusa­lem zu wandern. Als aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen in ein andres Dorf.

(Lukas 9, 51-56)

Mit so einem wie dir wollen wir nichts zu tun haben! Nicht etwa, weil du als Einzelner etwas Schlimmes auf dem Kerbholz hättest und direkt aus dem Gefängnis kommst. Nein einfach, weil du Jude bist – oder Moslem, Christ, Hindu, Katholik – oder was weiß ich.

In einer Gesellschaft, die nicht mehr von mächtigen Religionen dominiert wird, gilt so etwas als altmodisch und verbohrt. Wie kann ich einen Menschen ablehnen, nur weil er anderes oder angeblich gar nichts glaubt? Das ist doch nicht einmal von gestern, das ist von vorgestern! Mindestens 75 Jahre Nationalsozialismus, Sozia­lis­mus und Kapitalis­mus haben uns diese Engstirnigkeit nacheinander und gemeinsam ausgetrieben.

Inzwischen beschleicht uns die Ahnung, dass wir doch wohl nicht soweit über den Dingen stehen. Egal, ob wirklich muslimische Täter für den terroristischen Massenmord an den ahnungslosen Menschen in Madrid verantwortlich sind, wir wissen längst, wie ver­heerend religiöser Glaube in die Irre führen kann. Er macht bereit, das eigene Leben in der Hoffnung auf etwas Lohnenderes wegzuwerfen. Er kann blind machen für Men­schenwürde und Lebensrecht des sog. Ungläubigen. Am Ende stehen Taten, die die Welt in Schrecken versetzen.

Selbstverständlich ist das kein exklusives Merkmal des Islam. Christliche Fanatiker sind dort, wo sie die Macht dazu haben, keinen Deut besser als fanatisierte Moslems oder Hindus. Ebenso selbstverständlich: so gut wie immer wird mordbereiter Glaubens­fanatismus erst dann friedensbedrohend, wenn er sich mit sozialen und politischen Konflikten verbindet (Israel/Palästina, Irak).

Zur Feindschaft braucht es nicht unbedingt wirklich verschiedene Religionen. Der Unterschied zwischen Juden und Samaritanern entspricht eher dem zwischen verfeindeten christlichen Konfessionen. Die Samaritaner bekennen den Gott Israels. Aber sie sind Nachkommen von Einwanderern und vor allem – sie bestreiten in ihrer Glaubens­praxis das Monopol des Tempels in Jerusalem als heiligstem Ort der Anbetung.

Das reicht vollkommen für Erbfeindschaft. So wie es für uns evangelische Flücht­lingskinder im Münsterland vollkommen reichte, dass die Katholischen diesen Papst in Rom haben und diese Göttin Maria. Beide hatten mit unserem Kinderglück oder -unglück eigentlich wenig zu tun. Aber die sicher gut begründbare Ablehnung der katholischen Lehren über Papst und Maria kam bei uns Kindern als Kampfansage an. Und wir lernten, uns entsprechend zu verhalten. Es blieb bei Worten und eher symbolischen Taten. Aber wir lebten ja auch nicht in der roten Zone von Belfast.

Das eher harmlose Konfessionsgerangel von Havixbeck im Münsterland wäre allerdings spätestens dann zu Ende gewesen, wenn ich damals schon alt genug gewesen wäre, um mich in das schönste katholische Mädchen des Dorfes zu verlieben. Da hätte es gar nicht der Pfarrer beider Kirchen bedurft, um den Konflikt anzufachen. Dass das so nicht geht, wäre schon den jeweiligen Eltern klar gewesen. Und sie hätten eingegriffen, darauf könnt ihr euch verlassen! Mein Vater hätte mir vermutlich klar zu machen versucht, dass ein schönes katholisches Mädchen so etwas ist wie der schöne, aber vergiftete Apfel von Schneewittchen. Du bist eben doch auch, was du glaubst. Und war das bei euch in den Zeiten des Glaubens an den Sozialismus so völlig anders?

Jesus und seine Gruppe erleben den Hass der Konfessionen in krasser Form. Gast­freundschaft ist im alten wie im heutigen Orient heilig. Sie hat nichts mit Sympathie zu tun. Dies Gebot gilt grundsätzlich und auf Gegenseitigkeit. Aber Nachtquartier für die Jesus-Gruppe? Nein! Und zwar nicht, weil das Diebe und Räuber sind. Sondern weil sie zu diesem Tempel nach Jerusalem wollen, dessen Anspruch die Samaritaner nicht anerkennen.

Die Beleidigung weckt Rachegefühle. Ich erinnere mich, wie zum Reformationsfest 1948 vor unserer Gemeindebaracke ein Lutherbild lag – und irgendwelche besoffenen Burschen hatten darauf geschissen. Was mussten die Besonnenen in beiden Gemein­den tagelang arbeiten, um Massenprügeleien und Schlimmeres zu verhindern. Die Polizei aus Münster schickte dem Dorfpolizisten mehrere Kollegen zur Verstärkung.

Die Jünger und leiblichen Brüder Jakobus und Johannes wollen es nicht bei körper­licher Gewalt bewenden lassen. Sie denken an Ausrottung. So wie seither Glaubens­fanatiker immer wieder. „Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre.“ Denn wer den heiligen Tempel und seine Pilger beleidigt, beleidigt Gott. Und wer Gott beleidigt, hat sein Leben verwirkt. Eine Beweiskette so einfach, dass man sie jedem Kind einreden kann, und deshalb in der Geschichte der Religionskriege und der Religionsverbrechen so wirksam. Die Erde reinigen wollen von den Feinden Gottes – so wie ich sie erkenne.

Eine furchtbare Versuchung nicht für traditionelle Angehörige einer Religion, sondern für die, denen der Glaube das Wichtigste in ihrem Leben geworden ist. Der leiden­schaftliche Christ, Hindu, Moslem steht in derselben Versuchung wie Jakobus und Johannes, die an einer anderen Evangeliumsstelle die „Donnersöhne“ genannt werden.

Es gibt wenige Jesus-Worte – oder sagen wir mal Jesus-Reaktionen, die für uns in Zeiten, da Menschen, Völker und Reaktionen einander terroristisch bedrohen, so bedeutsam sind – so wirklich wegweisend für uns alle.

Ja, Jesus weist uns den Weg in Zeiten der Angst vor der Mordbereitschaft frommer Terroristen: er dreht sich um, dorthin, von wo die Stimme der Versuchung an sein Ohr gedrungen ist. Seine Körperhaltung, so will es mir scheinen, drückt das Entsetzen über diesen Vorschlag aus. Solche Worte, wie sie ihm da zugerufen werden, muss man ernstnehmen. Dass Feuer vom Himmel fallen kann, ist ein Ur-Entsetzen der Menschen, schon Jahrtausende vor dem 11. September und den Bombenkriegen. Ja, auch für die Menschen zur Zeit Jesu ist vom Himmel fallendes Feuer die größte Vernichtungskraft, die Menschen zustoßen kann.

Und das soll geschehen, weil die Pilgergruppe um Jesus Opfer einer schweren Beleidi­gung geworden ist? In alten Handschriften des Lukasevangeliums wird nur erzählt, wie Jesus sich entsetzt umdreht und die beiden Jünger scharf zurechtweist. Kein Zitat wird überliefert. Einfach nur die eindeutige Botschaft: „So geht es nicht – nie und nimmer.“ Ohne Zugeständnisse. Ein bisschen Feuer? Ein bisschen Gewalt? Jesus macht der Wut seiner Freunde keinerlei Zugeständnisse.

Nehmt das Bild dieses sich entsetzt umdrehenden Jesus mit nach Hause. Wirklich als Anleitung zum christlichen Zeugnis in unserer Zeit. Angefangen in der Kirche selbst – aber genauso angesichts der Rufe nach Rache an allen, die irgend etwas mit unseren Zukunftsängsten zu tun haben, z.B. weil sie Moslems sind. Nehmt das Bild des sich entsetzt umdrehenden Jesus mit nach Hause als Übersetzung des Gebotes der Feindes­liebe in Körpersprache.

Spätere Handschriften des Lukasevangeliums meinen dann doch ein Zitat Jesu in diesem Moment zu kennen: „Wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? Der Menschensohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern zu erhalten.“

Mag Jesus genau diese Worte in diesem Moment seines Entsetzens über die frommen Mordphantasien seiner Freunde gesprochen haben, oder mögen sie spätere Deutung sein – mir ist das egal. Denn Körperbewegung und Zitat passen haargenau zueinander.

Liebe geängstigte Christenmenschen des Jahres 2004, wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? Dieser Jesus ist die Liebeserklärung Gottes an jeden Menschen. Darum verdient kein Mensch, dass Feuer vom Himmel – im Namen Gottes geschleu­dert – sein Leben vernichte. Da ist kein Ermessens-Spielraum übrig, für die, die mit Jesus nach Jerusalem gehen wollen. Dort wird sein Kreuz aufgerichtet werden. Dort wird die Gewissheit seiner Auferstehung den Glauben neu erwecken und dem Wort von der Feindesliebe den Weg in die Welt bahnen.

Was hält Jesus von den Samaritanern? Das wissen wir nicht. Aber der Barmherzige Samariter, das Leitbild christlicher Nächstenliebe war einer von ihnen.

Und dann war da noch der katholische Dorfpriester von Havixbeck. Er hätte leichtes Spiel gehabt, Öl ins Feuer zu gießen, damals bei dem Zwischenfall mit dem – sagen wir mal „geschändeten“ – Lutherbild. Statt dessen traf er sich am Sonntag drauf nach den Gottesdiensten mit dem evangelischen Pastor zum Frühschoppen im Wirtshaus – und sorgte dafür, dass das ganze Dorf davon erfuhr.

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