Gedanken zur Trinitatis-Zeit

1. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juni 2012


Jetzt haben wir es wieder vor uns: das Halbjahr, in dem Sonntage in der Kirche keine Namen haben, sondern so etwas wie Hausnummern. Statt Advent, Heiligabend, Neu­jahr, Karfreitag, Ostern, Pfingsten – oder auch Jubilate, Kantate, Rogate: 1. bis 22. Sonntag nach Trinitatis. Der 18. Sonntag nach Trinitatis hat es gut. Der darf sich Erntedankfest nennen. Sonst herrscht im Gottesdienstkalender bis in den November nüchterne Ordnung wie im Aktenschrank des Finanzamtes.

Das Zählwerk springt jeden Sonntag eine Ziffer weiter. Was bleibt, ist das Kennwort „Trinitatis“. „Trinitatis“ ist natürlich lateinisch, zweiter Fall von trinitas, Dreieinigkeit; zu deutsch also „der Dreieinigkeit“. Heute haben wir demnach den „1. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit.“ Das musste mal gesagt werden.

Dreieinigkeit – Dreifaltigkeit, die zu erkennen und zu bekennen in der Begegnung mit unserem Schöpfergott, mit Jesus von Nazareth, dem Erlöser und mit der Kraft des Heiligen Geistes, das ist „Christentum exklusiv“; ein Alleinstellungsmerkmal bei der Betrachtung und dem Vergleich der wichtigsten Religionen, denen sich die Menschen unserer Zeit anvertrauen. Alleinstellungsmerkmal, das ist kein Werturteil, sondern das, was der Begriff ausdrückt: das Bekenntnis zu einer göttlichen Dreifal­tigkeit, gestützt auf die beiden biblischen Testamente und die Glaubenserfahrung vieler christlicher Generationen, das findest du nur unter dem Kreuz.

Fromme Muslime können nicht anders, als das christlich Dreieinigkeitsbekenntnis kompromisslos zu verwerfen. Allah ist so heilig, so unnahbar und einzig, dass der Gedanke an einen Menschen, der an seiner Gottheit Anteil hätte, für sie unerträglich ist.

Unseren jüdischen Schwestern und Brüdern verdanken wir die Mose-Bücher, die Psalmen und die prophetischen Überlieferungen. Diese Erfahrungen mit Gott tren­nen uns nicht, sie vereinen uns. Dass Gottes Geist wirkt in der Geschichte und in einzelnen Menschenleben, das bekennt auch jede Synagogengemeinde. Ihren Glau­bensbruder Jesus von Nazareth als Messias von göttlichem Rang zu verehren, das können sie jedoch nicht. Was am Anfang eine Frage des freien Gewissens gewesen sein mag – zweitausend Jahre Leidenserfahrung mit den Kirchen dieses Jesus, mit dem furchtbaren Missbrauch seines Namens, stehen dem heute unüberwindlich dagegen. Woher sogenannte Judenmission ihren Eifer nimmt, ist mir unbegreiflich.

Christliche Gemeinde; Synagogen-Gemeinde; Moschee-Gemeinde. In allen großen Städten unseres Landes sind sie Nachbarn. Jede hat Grund, auf ihrem Bekenntnis zu bestehen. Das Bekenntnis einer jüdischen Gemeinde: im Kern besteht es aus einem Satz, dem Schma Israel, dem „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“. Ein Zitat aus dem 5. Mosebuch, Kapitel 6 Vers 4. Ein Satz, den wir wohl­gemerkt nachsprechen können.

Unsere muslimischen Nachbarinnen und Nachbarn halten es mit vergleichbarer Kürze. Zusammengesetzt aus zwei Koran-Zitaten lautet ihr Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Gott – und Mohammed ist der Gesandte Gottes.“ Ihr fragt, wo denn da Allah bleibt? Gott heißt auf arabisch Allah – natürlich auch im arabisch­spra­chigen christlichen Gottesdienst. Nötig ist noch der Hinweis, dass dem Kaufmann Mohammed aus dem arabischen Mekka bei aller Exklusivität seiner Rolle nicht der Hauch eines göttlichen Wesens beigelegt wird.

Bleibt unser Glaubensbekenntnis, das christliche. Das Eine, das Einzige, noch dazu in solch kindgerechter Kürze gibt es nicht. Allein in unserem Gesangbuch sind drei wortreiche Bekenntnisse abgedruckt: aus der frühen Kirche das Apostolische und das Nizänische Glaubensbekenntnis (EG 804, 805) und die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen vom Mai 1934 (EKG 810).

Auswendig hersagen können wir nur das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis. Es gehört zu jeder Taufe; gesprochen entweder vom Täufling oder den Eltern und Paten eines Kindes. Sein Text stammt nicht aus der Bibel und ist noch nicht einmal besonders alt. Nicht vor dem Jahr 800 stand der Wortlaut in etwa fest.

Glaubensbekenntnisse, unseres und die anderer Gläubiger, sind keine Gebete, son­dern eben Bekenntnisse, mit denen wir gegenüber unseren Mitmenschen Farbe bekennen. Keine Gebete, auch wenn wir mit ihnen unserem Gott die Ehre geben. Vom Beten sagt Jesus, dass wir es gut in der Einsamkeit des „stillen Kämmerleins“ tun können. Das Bekenntnis sucht logischerweise die Öffentlichkeit. Das Bekenntnis ist Antwort auf Fragen, die uns die Mitmenschen stellen. Das gemeinsam gesproche­ne Bekenntnis im Gottesdienst bliebe arg unvollständig, wenn es nur hier – unter uns – seinen Platz hätte.

Nun aber – mit Herz und Verstand – noch ein Blick auf unser meist benutztes Glau­bens­bekenntnis, das „Credo“. (EG 804) „Credo“ ist wieder mal Latein, ein Tätig­keits­wort, 1. Person Einzahl, zu deutsch „Ich glaube“. Wir sehen, der Ausdruck „Credo“ ist Zitat der beiden Worte, mit denen die drei Abschnitte des Glaubensbekenntnisses beginnen. Eine Seite weiter geblättert, sehen wir, dass das Glaubensbekenntnis von Nizäa aus dem Jahr 325 im buchstäblichen Sinn kein „Credo“, kein „Ich glaube“ ist. Es ist formuliert in der Mehrzahl „Wir glauben an den einen Gott…“. Mir gefällt das sehr. Die wichtigste Rolle des „Nizänums“ in der Weltkirche von heute ist, das es uns ohne Streit mit den Orthodoxen Kirchen des Ostens verbindet.

Aber zurück zu unserem „Credo“. Der sog. Erste Artikel, wir merken das sofort, ähnelt den äußerst knappen Bekenntnissen jüdischer und muslimischer Gemeinden. Und doch ist da von Anfang an ein charakteristischer Unterschied: auch wenn wir uns kurz fassen: wir sprechen von Gott in Bildern, die Beziehung und Handeln aus­drücken. „Vater“, wobei das Alte Testament und besonders Jesus auch die mütter­lichen Gottesbilder kennen. Das hilft uns allen, wenn unsere Vaterbeziehung zu den eher unglücklichen Lebenserinnerungen gehört. Und vor allem „Schöpfer“. Ohne Gottes Willen und Handeln gäbe es das Leben in und um uns nicht. Gott ist nahe, näher geht’s nicht! Vater/Mutter und Schöpfer, zwei Leitbilder, die das Be­kennt­nis zum „Allmächtigen“ aus dem Ungewissen herauslösen. Allmacht Gottes, wie wir sie bekennen, meint nicht Willkür, blindes Roulett, sondern letztlich „alle Macht der Liebe, dem Frieden, der Gerechtigkeit.“ Die Allmacht unseres Gottes zu bekennen, heißt im Umkehrschluss, jeden irdischen Allmachtsanspruch zu verwer­fen, wie es im Barmer Bekenntnis gegen den Naziwahn nachzulesen ist.

Seine Länge – schon im Druckbild – bekommt unser christliches Bekenntnis durch die Aussagen über „Jesus“, den Christus. Mit bürgerlichem Namen Jehoschua, Josefs Sohn aus Nazareth; in griechischer Schreibweise „Jesus“. „Christus“ alias Messias, alias Heiland, ist das Bekenntnis zu seiner Rolle als der versprochene Heilsbringer Gottes. „Jesus Christus“ – so gesehen sind diese beiden Worte schon ein komplettes Glaubens­bekenntnis. So führt es der Jüngersprecher Simon alias Petrus ja auch im Mund.

Was unser Credo über unseren Heiland sagt und was es nicht sagt, ist auffallend. Kein Hinweis auf all die Worte und Wunder, die Menschenherzen aufwühlten; kein Hinweis auf die vielen großartigen Jesus-Geschichten, die seit dem Kindergottes­dienst zu unse­ren Lebensbegleitern geworden sind. Stattdessen zu Beginn des Jesus-Abschnittes die Antwort auf den leidenschaftlichen Streit der ersten Jahrhunderte: Gott oder Mensch? Wahrer Gott undwahrer Mensch, ausgedrückt in den Wortbil­dern „eingeborener“, besser „einzigartiger“ Sohn Gottes und „geboren von der Jungfrau Maria“. Wie so oft im Leben: schärfste Gegensätze weisen gemeinsam den Weg zur Wahrheit.

Nachdem fast das ganze Erdenleben des Jesus von Nazareth übersprungen zu wer­den scheint, wird es dann konkret, bis zu Zeit- und Namensangaben, beim Kreuzes­tod. Für Muslime der gotteslästerliche Horror schlechthin: ein „wahrer Gott“ zu Tode gefoltert. Dann aber „auferstanden von den Toten“. Jesus lebt, weil Gott es so wollte. Jesus Christus hat noch eine Zukunft, mit uns und mit allen Menschen. Für uns selber gilt: Anteil nehmen, mehr als das, Anteil haben am Leiden, aber auch an der Auferstehung Jesu. So sehen wir das Leben, sagt das Credo. Ohne Zweifel, unmissverständlich ist das ein christliches Alleinstellungsmerkmal.

Das dritte „Ich glaube“ geht uns hier und heute vielleicht etwas stotternd über die Lippen: ich glaube an den Heiligen Geist. Schön und gut! Wenn Gottes ansteckende Lebenskraft sich in unserer Zeit verflüchtigt hätte, bliebe kaum Hoffnung. Aber in diesem Zusammenhang ausgerechnet auf die „heilige christliche Kirche“ setzen? Zum Trost: „heilig“ heißt nicht makellos, sondern „von Gott ausgesucht“. Und schon das „heilige“ Israel fand, dass Gott bei der Auswahl seiner Geliebten seine uner­gründ­lichen Vorlieben hat.

Darum ist es für unsere Kümmerkirche so stützend und reanimierend, im Credo festzu­halten: wir glauben, wir vertrauen auf „die Gemeinschaft der Heiligen“, global, wie sie real existiert. Und auch diese „Heiligen“ sind keine Glanzlichter der Mensch­heit, sondern alle, die dazu kommen.

Zum Schluss wird es selbstbewusst, wie es selbstbewusster nicht geht. „Ich glaube an die Vergebung der Sünden.“ Gibt es auf Erden eine stärkere, unwiderstehlichere Energiequelle als die Befreiung aus Schuld und Scheitern? Der Schuldenschnitt, der diesen Namen wirklich verdient, der dem Empfänger die Luft zum Leben nicht abklemmt, sondern in die Lungen bläst? Die Kirche kann nicht bankrott gehen, solange sie im Namen Jesu Vergebung zusprechen darf. Denn dann ist auch das „ewige Leben“ nicht Opium fürs Volk, sondern unsere Hoffnung.

Soweit unser Credo, unser gemeinsam gesprochenes „Ich glaube…“ Zur Rezitation in der Fußgängerzone weniger geeignet, auch wenn es da eigentlich hingehört. Aber kein Problem! Glaubensbekenntnisse gibt es – noch ein Bild aus der Bibel – so viele wie Sand am Meer. Jeder Satz, dem Mitmenschen entnehmen können, dass wir es mit Jesus halten, dass uns bei Gott oder Mammon die Wahl nicht schwer fällt; dass wir nicht die Hände in den Schoß legen, weil wir mit Gottes Geist rechnen – all das sind vollwertige Glaubensbekenntnisse.

Solche schlichten Bekenntnisse zu wagen tut gut. Gönnen wir uns das, so oft es sich ergibt!

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