Geht hin in alle Welt

6. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juli 2004

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

(Matthäus. 28,16-20)

Diese Worte sind uns vertraut – und sie haben es in sich. Vertraut aus den Taufgottesdiensten. Früher gehörte „Matthäi am letzten“, der Missions- und Taufbefehl Jesu am Schluss des Evangeliums auch zum eisernen Bestand von Bibelstellen, den Konfirmanden auswendig können mussten. In sich haben es diese Worte, weil sie den Lebensweg ungezählter Menschen in allen Generationen der Kirche bestimmt haben. Das Bild einer seit der Antike immer größer werdenden Welt, in der so viele Menschen die Botschaft Jesu nicht kennen bzw. sie links liegen lassen: immer wieder haben Christinnen und Christen das als Herausforderung und persönliche Berufung empfunden. Sie gingen „in die Mission“ – mit überwältigender Mehrheit in ferne Weltgegenden. Immer wieder entdeckten missionarische Erneuerungsbewegungen, aber auch die Heimatregion ihrer Kirchen als Missionsfeld, weil der Glaube zur bloßen Karikatur oder toten Tradition verkommen schien.

Junge Kirchen in Asien und Afrika rechnen die allzu menschliche Mission heute zu ihrer Geschichte. Historische Missionarsgräber sind selten ungepflegt – obwohl die Ankunft der Missionare oft mit der Ankunft der Kolonialfahne ihres Heimatlandes einherging; obwohl die Missionare die historischen Spaltungen der Kirche in Europa konkurrierend in die koloniale Welt exportierten; obwohl die Missionare Europäer oder Nordamerikaner blieben, mit ihren kulturellen und sozialen Wertmaßstäben.

Auch heute ist kein Mangel an Menschen, die den Missionsbefehl als Ruf zum persönlichen Aufbruch hören. Über manche muss ich den Kopf schütteln – z.B. wenn US-Amerikaner in Massen als Missionare in den Irak oder nach Russland drängen: Länder, in denen uralte Kirchen zu Hause sind. Die brauchen heute keine besserwissende Konkurrenz, sondern bescheidene ökumenische Partnerschaft. Aber ich kenne auch viele Menschen, die heute ihre Kenntnisse in technischen, medizinischen, sozialen Berufen den Kirchen in den Armutsregionen der Welt zur Verfügung stellen; die diesen Kirchen dadurch helfen, der Botschaft Jesu von der Liebe und Gerechtigkeit Gottes noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. In seltener werdenden Einzelfällen sind auch Theologinnen und Theologen gefragt, meist in Ausbildung und Beratung. Denn die Verkündigung von Mensch zu Mensch bleibt besser Sache derer, die selber Teil der Gemeinschaft sind, zu der sie sprechen.

Aber wer wollte bestreiten, dass unsere vordringlichsten Aufgaben vor der eigenen Haustür liegen. Im Drei-Kilometer-Umkreis um diesen Altar und diese Kanzel leben Tausende von Menschen, die es im Leben schwer genug haben, und nicht wenige immer schwerer. Und wir trauen uns nicht zu oder wir wissen wenigstens nicht, wie wir ihnen die Lebenshilfe unseres Gottes nahebringen können. Ich denke, wir haben Anlass, uns ganz konkret zu fragen, worin die einladenden Aktivitäten dieser Gemeinde in der unmittelbaren Nachbarschaft bestehen. Denn Mission ist zuerst einmal erkennbar von Liebe getragene Einladung. Die Hoffnungsgemeinde im Norden der Stadt hat sich z.B. auf die vielerorts bekannte Aktion „neu anfangen“ eingelassen. Ungeheuer viel Arbeit für viele, aber es scheint sich zu lohnen.

Nun, nehmen wir die Elf auf dem Berg in Galiläa mal als ältestes Bild einer Kirche, die in die Mission geschickt wird. Was lässt sich an ihr ablesen? Zunächst ganz simpel: sie sind da, sie sind nur da als Gemeinschaft, weil Jesus sie wieder zusammengeholt hat. In der Nacht von Gethsemane hatten sie sich ja in alle Winde zerstreut. Der Auferstandene bringt sie wieder zusammen, niemand sonst. Verlassen wir uns nicht darauf, dass Jesus lebt und uns verbindet, dann können wir uns alle Aktionsprogramme sparen.

Im Kreis derer, die da gemeinsam angesprochen werden, sind einige, die zweifeln – an der Sache, an Jesus. Einige sind bei nur Elf eine ganze Menge. Aber sie werden nicht beschimpft oder gar ausgeschlossen. Der Zweifel ist der Zwilling des Glaubens und hat seinen Platz innerhalb der Gemeinde – nicht außerhalb. Die Zweifler von heute mögen die überzeugenden Sprecher von morgen sein – und umgekehrt. Und wenn sie ihr Leben lang als Zweifelnde in der Kirche lebten, leisten sie ihr doch einen guten Dienst; denn sie sind eine ständige Warnung vor allzu flotten Reden, die die Menschen, um die ja schließlich Gott selber wirbt, nicht wirklich ernst nehmen.

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!“ Schrecklich oft ist der Sinn dieses Satzes von geistlichen und weltlichen Machthabern der Kirchengeschichte auf den Kopf gestellt worden. Und Menschen wie du und ich sind ihnen dabei gefolgt. Als hätte Jesus nicht unmissverständlich klar gemacht, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und mit politischer Macht nichts zu tun hat. Für die Geltungsbereiche Himmel und Erde beansprucht Jesus nicht die Verfügungsgewalt über Armeen und Börsen. Die Gewaltfrage stellt sich anders. Die alte Frage der Theologen Israels: Hat dieser das Recht, Sünden zu vergeben? Ja, er hat! Hat er das Recht, die Barmherzigkeit über das fromme Gesetz zu stellen? Ja, er hat! Hat er das Recht, eine Wahrheit wie die vom Barmherzigen Samariter oder die vom Verlorenen Sohn zu erzählen? Ja, er hat! Durfte er die Feindesliebe zum Lernziel des Glaubens proklamieren? Ja, er durfte! Hatte er Recht, sich als Werkzeug der Liebe Gottes, als Erfüllungsgehilfen seiner Verheißungen zu begreifen? Ja, damit hatte er Recht. Seit seiner Auferstehung ist und bleibt die alles durchdringende Macht der Liebe Gottes, der Liebe Gottes zum Leben in der Welt – und niemand kann sie trennen vom Namen dessen, der dafür alles gegeben hat.

„Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker.“ Auch dieser Auftrag richtet keinen Machtanspruch auf. Im Gegenteil, er spricht den Völkern des Erdkreises zu, was ihnen bisher vorenthalten schien. Nicht mehr ein einzelnes auserwähltes Volk darf sich der Liebe Gottes freuen. Alle Völker bilden seit Ostern das eine Volk Gottes. Und natürlich bedeutet „alle Völker“ nicht einen totalitären Bekehrungsanspruch: 100% Christentum – erst dann ist Gott zufrieden. Schon während der langen Jahrhunderte, in denen nur der Bund vom Sinai galt, waren niemals alle Israeliten ihrem Gott ergeben. Im Gegenteil: nicht selten war es nur eine Handvoll. „Alle Völker“, das meint: Jesu Botschaft erreicht Menschen in aller Welt – und das tut sie.

So kann auch die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes keine Zwangsmaßnahme sein. Die Zwangstaufen der Kirchengeschichte klagen an. Gleiches gilt für Bekehrungspredigten, die der Seele Gewalt antun, statt liebevoll einzuladen. Taufen, das heißt, einem Menschen ein unvergessliches Zeichen geben, dass ihn oder sie nichts mehr trennen kann von der Liebe Gottes. Deshalb stehe ich persönlich der Tradition der Mündigentaufe nahe.

„Lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.“ Gemeint sind nicht die gesammelten Beschlüsse der christlichen Dogmengeschichte. Gemeint ist das „einfache Evangelium“, wie es ein verstorbener Freund in seinen Büchern nannte: die Leitlinien der Bergpredigt, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, Jesu knappe Feststellungen zum Geld und zur Waffengewalt: das reicht fürs erste. Menschen, die diese Orientierungen einige Jahre oder Jahrzehnte auf sich wirken lassen, die ggf. immer neu damit anfangen, können sich das Kleingedruckte christlicher Lehre gewiss ersparen.

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Diese Zusage umschließt alle Tage unseres Lebens und das Leben derer, die nach uns kommen in Familie und Gemeinde. Seit dieser Zusage gibt es keine gottlosen Zustände und Zeiten mehr. Daran können wir uns halten, wie Ungezählte vor uns und mit uns in dieser Zeit.

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