Hirtenfeld und Grenzmauer

2. Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember 2007

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

(Lukas 2,8-14a)

Bibeltouristen im Heiligen Land können auch einen Besuch auf dem Hirtenfeld bei Bethlehem buchen, dem Ort, wo nach alter Überlieferung den Hirten bei Nacht die Geburt des Heilandes verkündet worden ist. Heute gehört Bethlehem politisch zu den Palästinensergebieten; freilich so nah an der von Israel gezogenen Grenze, dass der Anblick des Hirtenfeldes förmlich erschlagen wird von der 9 m hohen Grenzmauer. Diese Mauer, höher als die in Berlin war, bestimmt den Alltag der Menschen, ist Quelle und Ausdruck ihrer Existenzängste. Auch Hirten zur Zeit Jesu waren durch eine unsichtbare Mauer sozialer Ausgrenzung von ihren Landsleuten getrennt. Die monströse Grenzmauer beim Hirtenfeld heute schneidet Menschen ab von ihren Arbeitsplätzen, nimmt ihnen Äcker und anderes Eigentum; trägt zur völligen Verarmung der Bevölkerung entscheidend bei.

Auch Millionen Mitmenschen bei uns in Deutschland leben durch eine unsichtbare Mauer sozialer Ausgrenzung von der Mehrheit getrennt. Rund um Weihnachten 2007 war verhältnismäßig viel von ihnen die Rede, den armen Deutschen, den armen Magdeburgern – und vor allem ihren Kindern. Ich habe gut reden, dass mir käufliche Weihnachtsgeschenke ziemlich egal sind – sie sind es wirklich. Aber arme Menschen können kaum anders, als sich mit dem zu vergleichen, was üblich ist, was z.B. die Kinder als scheinbar normal an Wünschen mit nach Hause bringen. Und dann spüren sie, dass sie wieder mal nicht mithalten können, dass sie sogar auf wirklich Wichtiges verzichten müssen. Und das gebetsmühlenartige Reden vom Aufschwung, der uns allen zugutekommt, hilft ihnen auch nicht weiter. Menschen hinter Mauern der Ausgrenzung: ich könnte meine Kanzelzeit damit füllen, auch nur die Erscheinungsformen solcher Ausgrenzung in unserer Zeit aufzuzählen. Und es gehört zum harten Kern der Weihnachtsbotschaft, dass der um das Vertrauen und die Liebe der Menschen werbende Gott bei den Ausgegrenzten beginnt. Christliche Missionsstrategen haben das gern genau umgekehrt gemacht: gewinne, bekehre die Menschen an der Spitze der Pyramide, dann werden die schon dafür sorgen, dass das Volk irgendwann folgt.

Die Erfahrung, die die Hirten machen, legt die Werbestrategie unseres Gottes frei. Aber ob Hirte oder König, der Botschafter des Himmels muss erst eine Brücke bauen: „Fürchtet euch nicht. Ich verkündige euch große Freude.“ Gottes Himmel ist sichtbar auch auf der anderen Seite der Mauer, egal ob aus Beton errichtet oder aus menschlichen Urteilen. Aber eine Begegnung mit Gott ist keine harmlose Angelegenheit. Gott ist heilig und deshalb mindestens potentiell lebensgefährlich. „Zieh deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliges Land.“ So die warnende Stimme an Mose aus dem brennenden Dornbusch. Und es gibt im Alten Testament mehr als eine Geschichte, wie Menschen sogar durch bloß fahrlässige Missachtung der Heiligkeit Gottes zu Schaden und ums Leben kommen. Auch ich habe als Kind im erzkatholischen münsterländischen Dorf noch solche Vorstellungen von der bedrohlichen Heiligkeit Gottes vermittelt bekommen. Da waren die Geschichten von Leuten, die mit Hostien oder Reliquien unehrerbietig umgingen und sich daraufhin alle möglichen bösen Leiden zuzogen. Nein, das „Fürchtet euch nicht“ ist keine nebensächliche Floskel, sondern ein Brückenschlag, eine Bitte Gottes um menschliches Vertrauen.

Wir Heutigen werden uns durch religiöse Requisiten oder Riten kaum noch bedroht fühlen. Im Gegenteil fänden es manche Mitchristen oder auch Politiker richtig, Gott gleichsam vor Beleidigungen in Schutz zu nehmen, etwa durch verschärfte Gotteslästerung-Paragrafen. Diesem Vorschlag liegt nach meinem Verstehen ein Denkfehler zu Grunde. Kurz gesagt mit einem einschlägigen Psalm-Zitat: „Der im Himmel sitzt, spottet ihrer.“

Wie gesagt, nicht viele werden sich heute vor dem Gott der Bibel fürchten wegen einer lebensbedrohlichen dinglichen Heiligkeit. Meine Furcht vor Gott, deretwegen ich das beruhigende „Fürchte dich nicht“ dringend brauche, hat zu tun mit der Gewissheit, dass Gott mich andere Wege und Ziele anstreben lassen wird, als sie gemeinhin gelten und Anerkennung einbringen. Jesus lässt ja keinen Zweifel daran, dass sein Gott die Rang- und Wertordnungen unserer Welt auf den Kopf stellt. Die Armen kommen zu Ehren. Die Schwerter setzen Rost an. Leben ist tausendmal wichtiger als Mammon. Vergebung kommt vor Rache, Gerechtigkeit vor Gerissenheit. Sobald man das nicht nur in der Kirche sagt, sondern in der Gesellschaft beispielhaft praktiziert und fordert, kann es schnell eng werden. Da wir heute mit der Monstermauer am Hirtenfeld begonnen haben, nur das eine Beispiel: Friedensaktive aus Israel und Palästina, vor allem, wenn sie partout zusammenarbeiten wollen, leben gefährlich. Auf beiden Seiten sitzen die Schusswaffen locker.

Fürchtet euch nicht. Denn das neue Wort Gottes ist das ganz alte: Gott will sich mit seinen Menschenkindern des Lebens erfreuen. Das erste Wort der Erschaffung des Menschen bedarf der Bestätigung durch das letzte, das endgültige: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Es ist alles gesagt. Aber noch nicht gesungen. Die Menge der himmlischen Heerscharen, wie Martin Luther sich ausdrückt, bringt eigentlich keine neue Botschaft, verglichen mit dem, was der Verkündigungsengel schon gesagt hat. Sie rühmen den Einklang zwischen Himmel und Erde, der mit Botschaft und Werk des Heilandes möglich wird, den Grund zur Freude, zur Lebensfreude.

Ehre sei Gott in der Höhe! Was seine Ehre angeht, ist der Gott der Bibel wählerisch. Schöne Gottesdienste durften sein im Tempel zu Jerusalem und in den Kirchen der Christenheit. Unseres Schönheitssinns, unserer Empfindungen in einem richtig schönen Weihnachtsgottesdienst brauchen wir uns nicht zu schämen. Aber wenn es eine Gemeinde Gottes an den Werken der Liebe, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit fehlen lässt, dann können die Propheten, die Sprachrohre Gottes richtig grob werden. „Erspart mir das Geplärr eurer Lieder. Eure Gottesdienste stinken mir“. Der Vater Jesu Christi sucht seine Ehre darin, dass sein Wille geschieht, im Himmel und auf Erden. Und dann mag unsere Gemeinde auch munter „O du fröhliche“ singen.

„Ehre sei Gott in der Höhe! Und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Das eine nicht ohne das andere. Weil es leichter wird, dem Frieden unbeirrt nachzustreben, wenn wir verstanden haben, dass wir Gott anders nicht die Ehre erweisen können, die ihm gebührt. Es gibt ja tausend Argumente gegen den Frieden, den Familienfrieden, den sozialen, den politischen und militärischen. Was tun, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt? Frieden? Ja, aber erst nach dem Sieg! Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Sozialer Friede? Dafür müssen erst mal die Bilanzen stimmen.

Ich weiß nicht, wie oft ich schon in Friedensdingen am Weg Jesu gezweifelt habe. Ich weiß genau, dass dieser Weg die größere Portion Mut erfordert. Und von Hause aus bin ich ein Angsthase. Aber worauf wollen wir denn wirklich hoffen? Worauf lohnt es sich bei klarem Verstand mehr zu hoffen als darauf, dass Menschen Gott die Ehre geben – und zu ihrem Teil beitragen, dass sein Wille geschieht, beispielhaft, an möglichst vielen Orten.

Darum sollten möglichst viele christliche Gemeinden 2007 auch dankbar zur Kenntnis nehmen, dass wir Christen dieses Jahr zum ersten Mal herzlich formulierte Weihnachtsgrüße von einer Gruppe von 138 berühmten islamischen Theologen aus allen Teilen der Welt und fast allen islamischen Konfessionen bekommen haben. Gott als unbedingter Freund des Lebens wird uns darin vor Augen gestellt. Und die gemeinsame Lebensverantwortung von Muslimen, Christen und Juden. Der Islam wird mir fremd bleiben, weil die Grundlage unserer Glaubenshoffnungen unvereinbar bleibt. Aber wer wollte in unserer Zeit einen offensichtlich ehrlich gemeinten Friedensgruß zurückweisen?

Wohin der erste Weg der Hirten in jener Nacht geführt hat, wissen wir. Vor das Verkündigen, in heutiger Sprache, vor die missionarischen Aktivitäten der Gemeinde stellt der Engel den Weg zur Krippe. Dieser Weg lässt sich im Glaubensleben nicht einsparen. Sehen, annehmen, was Gott nicht nur ganz allgemein getan hat, sondern für mich, um mein Leben zu erfüllen mit Freude und Hoffnung.

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