Ich bin hungrig gewesen

5. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juli 2011

„Ich bin hungrig gewesen – und ihr habt mir zu essen gegeben.“

(Matthäus 25,34)

Es gibt Tage, die schlagen mir auf den Magen – auch wenn das Privatleben seinen geordneten Gang geht. Letzten Donnerstag war so ein Tag. Morgens im Radio geht es um das „liebe Geld“, das uns ja wirklich lieb sein muss, je knapper wir bei Kasse sind: Euro-Krise und der Poker um den Staatshaushalt der USA nach dem Motto „Alles oder Nichts“. Beim Mittagessen erfahre ich, dass der letzte aller Shuttle-Flüge in den erdnahen Weltraum ohne Unfall zu Ende gegangen ist. Bilanz: in 30 Jahren 133 mal okay; zweimal Tragödie. Nach Tisch lese ich dann in der Zeitung, dass die UNO den Überlebenskampf von Millionen Menschen in Somalia, Kenia und Äthiopien ganz offiziell zur „Hungersnot“ erklärt hat.

Was sich wie eine geschmacklose Wichtigtuerei anhört, ist wohl wirklich nötig. Denn erst dieses Etikett erlaubt es, bestimmte Maßnahmen des Völkerbundes einzuleiten. Bezeichnungen wie „Humanitäre Katastrophe“ reichen dazu nicht. Eine der UNO-Messzahlen auf unser Magdeburg übertragen, bedeutet: wir müssten 2011 16.790 Hungertote in der Stadt haben, zusätzlich zur „normalen“ Sterblichkeit, um von einer Hungersnot sprechen zu dürfen. In Somalia und den Nachbarländern ist diese Quote nach den Erkenntnissen der UNO-Ernährungsstatistiker jetzt erfüllt. Also hat es die Welt mit Brief und Siegel: Hungersnot! So eine „anerkennungsfähige Hungers­not“ haben bei uns nur die Befreiten der Konzentrationslager durchlitten. Die Ursache war aber keine dreijährige Dürre, sondern industrialisierter Massenmord.

Auch das Schlimmste, woran die Alten sich aus der Nachkriegszeit erinnern, reicht nicht an das heran, was sich heute in Ostafrika zusammenballt. Außerdem: den Duft des Haferflocken-Kakao-Breis, den wir mangelernährten Kinder 1947 in der Schulpause zu futtern bekamen, habe ich heute noch in der Nase. Den schwedischen Kirchen sei Dank!

Wahrhaft ein Kuddelmuddel-Donnerstag. Er wirkt nach bis heute morgen. Er nötigt mich, als Christenmensch, als Bürger, als Großvater genauer hinzusehen – ein­schließ­lich der beiden Fragen, die wir niemals ersticken dürfen, wenn es ernst wird: „Was geht mich das an?“ Und „Was würde Jesus dazu sagen?“ bzw. „Hat er nicht längst genug dazu gesagt?“

Euro-Krise, Weltraumfahrt, Hungersnot. Beim Letzten, der Hungersnot, wissen wir Bescheid. Worte und Taten Jesu liegen auf einer eindeutigen Linie: „Ich bin hungrig gewesen – und ihr habt mir zu essen gegeben!“ Eine der grundlegenden Beziehungs-Aussagen, die Jesus im Blick auf seine Leute macht. Und weil er diesen Satz aus­spricht in einem zukunftszugewandten Gleichnis, ist klar: er meint nicht allein die Jüngerinnen und Jünger, mit denen er gerade zusammen ist – sondern alle, die damals und bis heute seinen Worten und Wegen folgen wollen.

Und dann ist da dies ganz besondere „Ich“. Nicht ich, der Sohn der Maria und des Josef, sondern ich, der notleidende Mensch, mit dem Jesus eins sein will, für immer. Daran erinnert uns auch die Vaterunser-Bitte, die Jesus uns in den Mund legt: „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Der Glaube betet im Plural! Und wenn Jesus zur Tat schreitet, werden diese Worte Wirklichkeit. Bei der Speisung am Seeufer nicht anders als an den Tischen, an die er sich setzt.

Jesus praktiziert sein ganz eigenes „All inclusive“, wenn es um das geht, was Men­schenkinder zum Leben brauchen. Wir kennen kennen „All inclusive“ mittlerweile als Versprechen von Glück und Sorglosigkeit, z.B. aus der Urlaubsindustrie. Alles garantiert, alles abgesichert, was ich, der zahlungskräftige Tourist, brauchen könnte. Alles eingeschlossen – für mich! Jesus streicht nur einen einzigen Buchstaben – und so wird daraus seine Botschaft: nicht „Alles eingeschlossen“, sondern „Alle ein­ge­schlossen!“ Gott will nicht, dass Menschen zugrunde gehen, während er gleichzeitig genug für alle gibt – nie und nimmer.

So muss ich denn nicht wortreich an euch appellieren, solange wir als christliche Gemeinde durchgehen wollen. Die Sammlungen, zu denen „Brot für die Welt“ und die Diakonie Katastrophenhilfe und andere Werke jetzt aufrufen, müssen das Nötige erbringen – was an uns liegt.

Ganz handfest lässt sich beschreiben, wofür 50 € gut sind: um eine 5-köpfige Familie zwei Monate mit Notrationen zu versorgen. Oder um die Ziegenherde einer Bauern­familie drei Monate lang mit Futterkonzentrat zu versorgen. Ja, auch so etwas, gerade so etwas rettet Menschenleben. Denn Ziegenmilch hält die Kinder auf den Beinen. Und halbwegs vitale Ziegen sind das letzte, was die Somalis in Zeiten der Hungersnot noch zu Geld machen können, wenn sie Nahrungsmittel bezahlen müssen. Auch in der größten Not helfen Menschen sich am liebsten selbst.

Eigentlich brauche ich nicht mehr zu wissen, um meine Überweisung zu tätigen. Fanatismus unheiliger Krieger in den Hungerregionen? Sollen Mütter und Kinder wirklich dafür bezahlen? Uns Kinder jedenfalls hat man nicht für Hitler bezahlen lassen. Unfähige oder korrupte Regierungen? Ist dies der Augenblick, es ihnen zu zeigen? Die Erkenntnis, dass es mehr braucht als Nothilfe? Sollen wir dafür bei Verhungernden Verständnis erwarten? Nein, Erste Hilfe hat ihre Zeit, und die ist jetzt.

Aber die Shuttle-Heimkehr am Tag der Hungersnot-Proklamation, für mich hat sie dennoch ihre Botschaft. Oder weniger vollmundig: ihre Frage. Haben wir die letzten 30 Jahre wie Hans-guck-in-die-Luft eher in die Höhe als in die Weite geschaut? Und deshalb gemeinsam versäumt, was wir nicht hätten versäumen dürfen? 1981, als die später verunglückte „Columbia“ zum ersten Shuttle-Flug abhob, wäre es noch ungleich leichter gewesen, den Ursachen des Hungers an die Wurzel zu gehen. Die meisten kaum noch umkehrbaren Freveltaten an der Schöpfung, am Wasser, an den Böden, den Wäldern, dem Klima waren damals noch gar nicht begangen. Damals, als meine Kinder immerhin schon im Konfirmandenalter waren – und die Mehrheit von uns „mitten im Leben“; also in jenen Jahren, in denen wir für das Wohlergehen der Gemeinschaft volle Mitverantwortung tragen.

Das Land im Süden Somalias kannte immer wieder einmal schlechtere Jahre – wich­ti­ger aber, es ernährte seine Menschen und produzierte Überschüsse. Heute, seit einer Reihe von Jahren, sieht es anders aus: südlich der Sahara kollabieren Zivilisati­onen, Bauern­höfe, Dörfer, über viele Generationen bewährte Lebensweisen. Ver­zweif­lungstaten der Einheimischen und das Wüten des Wachstums-Götzen gingen dafür eine verhängnis­volle Verbindung ein. Nichts geschah im Geheimen, nur eben etwas weiter weg von unserem Alltag: in den wirtschaftlichen und politischen Hauptquartieren der Erde und in Lebensräumen, die versteckt bleiben hinter Fernseh-Tierfilmen.

Natürlich wäre es albern, den einigen hundert Männern und Frauen, die an Bord der Shuttle-Flüge waren, eine Mitschuld an unserer Erd-Vergessenheit während der letzten 30 Jahre zu geben. Wir verdanken ihnen viele unvergessliche Worte über die Einmalig­keit unserer irdischen Heimat und unsere Verantwortung für sie. Viele von uns tragen die Fotos des „Blauen Planeten“ inzwischen wirklich in ihren Herzen. Aber ihre Arbeit ist auch dem Geist dienstbar gemacht worden, der uns in diesem Teil der Welt im Griff hat. Dem Ungeist des Mammon, der nur ein Ziel kennt: die unermüd­liche Aufhäufung von Macht und Reichtum in den Händen weniger, die sich dafür für berechtigt halten. Unser Konsum, weit über das Maß von Notwendig­keit, Vernunft und Gerechtigkeit hinaus – er war all die Jahre Götzendienst, Beihilfe und Belohnung zugleich – so wahr das Navi in unseren Autos eine Weltraum-Errungenschaft ist. Und ansonsten: amüsiert euch schön, damit ihr nicht auf dumme Gedanken kommt! Raumschiff Enterprise und die Amüsierindustrie lassen grüßen.

Die Kosten der Weltraumprogramme aufzurechnen gegen den Bedarf für die Über­win­dung des Hungers und seiner Ursachen, ist ziemlich müßig. Da verschlin­gen die Kriege unserer Zeit ein Vielfaches. Und wie viele zu Grunde gegangene Kinder die natürlich gewissensfreien Börsen auf ihrem Konto haben, weiß nur der Himmel.

Aber von allen Meldungen des letzten Donnerstags ist uns vielleicht doch die Zitter­partie um Euro und Dollar am meisten unter die Haut gegangen. Denn dabei könnte es um unser Wohl und Wehe gehen. Nein, weniger um unser Senioren-Wohl, mit wenigen Jahren verbliebener Lebenserwartung. Aber wir haben ja Kinder und Enkel – und unser Herz ist noch nicht verdorrt.

Darum lasst euch ausrüsten mit der Wegweisung Jesu: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Dann wird euch alles zufallen, was ihr und die Euren brauchen.

Wir mögen die letzten 30 Jahre der globalen Geisterfahrt Richtung Abgrund verschlafen haben, wir und viele hundert Millionen Mitmenschen. Aber nutzen wir spätestens jetzt die Klarheit der Erkenntnis, die der Glaube schenkt, um den nächsten Irrweg nicht mitzugehen. Werden die wohlhabenden Völker der Sorge um das eigene Geld wirklich alles andere unterordnen? Die Kämpfe gegen die Ursachen des Hungers und die völlige Zerstörung der Kreisläufe, die das Leben tragen? Jetzt erst recht, weil uns das Hemd näher ist als der Rock? Und nach uns dann die Sintflut? Im vergangenen Jahrzehnt jedenfalls haben die Wohlhabenden noch jedes Versprechen zum Weltsozialausgleich gebrochen, das sie auf ihren Gipfelkonferenzen feierlich in die Welt gesetzt haben.

Haben sie es gebrochen auch in unserem Namen? Weil wir ja nicht nur Christinnen und Christen sind, sondern auch Bürger, die etwas zu verlieren haben?

So wahr ich meinen Enkeln ein gesegnetes Leben wünsche: das wirkliche Teilen nach dem „Fünf-Brote-und-zwei-Fische-Prinzip“, das wirkliche Teilen von Brot, Recht und Chancen hat noch gar nicht begonnen. Und unsere Zeit braucht Menschen, die sich davor nicht fürchten. So wenig, wie die Leute, die bei Jesus waren, als er fragte: „Habt ihr etwas zu essen?“

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