Im Diesdorfer Osterzimmer

Ostersonntag, 20. April 2014 imGemeindehaus Magdeburg –Diesdorf

Ostergottesdienst in einem schlichten Zimmer, das passt! Soweit die Begegnungen mit dem Auferstandenen Christus nicht unter freiem Himmel stattgefunden haben, waren die Schauplätze auch keine geheiligten Räume, nicht der Tempel, noch nicht einmal ein örtliches Gebetshaus, eine Synagoge.

Nicht die „location“, so das aktuelle Modewort, nicht die fromme Adresse, macht Ostern, auch nicht unsere alte Dorfkirche in ihrer neuen Schönheit – sondern allein der Auferstandene, der den Glauben seiner Schwestern und Brüder von den Toten aufer­weckt. Noch einmal klipp und klar: alle Liebe, aller Fleiß und alles Geld, das wir in die Renovierung unserer 650 Jahre alten Kirche gesteckt haben, kann die österliche Glaubensfreude und Glaubenskraft nicht herbeizwingen.

Ostern wird handfest, wenn wir in diesem Zimmer oder ab kommendem Samstag wieder in unserer Kirche oder eben an jedem anderen Ort, wohin uns das Leben führen kann, seine Stimme hören: „Habt keine Angst! Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Das kann an einem Original-Ostermorgen sein, oder zu jeder anderen Stunde unseres Lebens.

Auf nichts mehr haben die christlichen Gründungsgemeinden ihre Herzen und Kalender eindeutiger ausgerichtet, als auf diese Begegnung mit dem gegenwärtigen Christus. Ungefähr 33.800 Osterfeste haben unsere Vorfahren allein in der Diesdorfer Kirche schon gefeiert. Denn der Sonntag der Christen ist ja nicht anderes als ein in den Alltag hineingeholter Ostermorgen. Alle sieben Tage, damit niemals in Verges­senheit gerät, weshalb es uns überhaupt gibt.

Gewohnheitsmäßig rechnen wir den Sonntag zum Wochenende. Aber die Osterge­schichte des ältesten Evangeliums beginnt mit den Worten: „Die Frauen kamen zu dem Grab am ersten Tag der Woche, bei Sonnenaufgang.“ Eine Eselsbrücke für unseren Glauben, die niemals morsch wird. Der Tag, an dem die Stimme Jesu unser Herz erreicht, ist Tag Eins des Glaubens. Ohne ihn, in uns und mit uns, ist auch die geliebte Dorfkirche nicht mehr als ein Kulturdenkmal. Sie kann uns nicht zu Christinnen und Christen machen.

Aber heute, am Ostersonntag 2014 sind wir sowieso noch auf das Osterzimmer angewiesen. Gut möglich, dass es in diesem Jahrhundert der einzige Ostermorgen dieser Art bleiben wird. Von der Schilderung des Johannes-Evangeliums unterschei­det sich unser Osterzimmer durch die Tatsache, dass es für Passanten vielleicht ein wenig versteckt liegt. Aber es ist nicht verriegelt, wie der konspirative Treffpunkt der Jesus-Leute am dritten Tag nach seiner Exekution. Trauer und Angst verriegeln Herzen und Türen.

Die Angst von Jesus-Leuten vor nackter Gewalt gegen ihre Versammlungen ist nicht vollends im Nebel der Geschichte verschwunden. (Beispiele) Weit häufiger, alltägli­cher, näher an unseren Seelen ist uns aber die Trauer über die von Ostern zu Ostern schwindende einladende Kraft unserer Gemeinden. Wir dürfen alles sagen, aber wer will es hören? Wir renovieren die Kirche unserer Vorfahren – aber für wen? Über den Diesdorfer Tellerrand geschaut: wir machen viel Aufhebens um das Reformations-Jubiläum 2017 – aber mit welcher Hoffnung? „Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen!“ Trauernde ziehen sich irgendwann zurück, immer schon.

Was wäre aus der Hinterhofgemeinschaft in Jerusalem geworden, wenn Golgatha das letzte Wort geblieben wäre? Natürlich weiß ich das nicht. Eine kluge Obrigkeit hätte vielleicht abgewartet, bis sich die Gruppe nach einiger Trauerarbeit still aufgelöst hätte. Kein weiteres Blutvergießen!

Womit niemand rechnen konnte, die angsterfüllt Trauernden nicht und nicht die Jerusa­lemer Glaubensbehörde, ist das, was wirklich geschehen ist, was als über­wältigende Erfahrung so oder so hinter allen Ostergeschichten steht, der Neuanfang, gegen den sie sich nicht wehren konnten. Nicht behutsam, nicht Schritt für Schritt ist da etwas mit ihnen passiert, sondern ohne Vorwarnung von Null auf Hundert. Keine behutsames Wiederaufbau-Training für den ruinierten Glauben, sondern ohne Vorwarnung ein neuer Auftrag und mit Verantwortung für das ganze Volk Gottes: „Nehmt hin den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Und wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie – auch bei Gott – noch nicht vergeben.“

Das gehört zum verrammelten Osterzimmer: dass der Auferstandene dort ohne Um­schweife einen neuen Riesenauftrag an die Seinen ausgibt, so, wie sie sind, überrum­pelt und sprachlos.

Diese Überrumpelung durch den Auferstandenen durchzieht die Ostergeschichten. Von einer sehr ungewöhnlichen Mixtur von „Furcht und großer Freude“ ist an einer Stelle die Rede. Diese Überrumpelung fand sogar ihren Niederschlag in heute ver­gessenen Bräuchen unserer Oster-Gottesdienste. Der natürlich katholische Dorfpa­stor im Diesdorf des 14. oder 15. Jahrhunderts ist mit den Christenmenschen sehr handfest und mit strengen Regeln durch die Fastenzeit vor Ostern gegangen. Um die umwälzend neue Wirklichkeit des Ostertages sinnlich zu machen, hat er den Leuten drüben von der Kanzel erst mal ein paar unwiderstehliche Witze erzählt. Schließlich musste das „Oster­gelächter“ durch die Dorfkirche schallen. Wir Evangelischen waren später dann weniger deftig, dem Tod seine Niederlage zu testieren, und haben diese Sitte abgeschafft.

Und sogar die Ostereier erzählen vom großen Wechsel, wenn man sie nur nahe genug ans Ohr hält. Für biologisch informierte und denkende Menschen erinnert das Hühnerei natürlich auch an den Vergleich des Paulus vom Weizenkorn. Das wird ausgesät und vergeht dabei, damit etwas Neues, die Pflanze, heranwachsen kann. Paulus spricht mit diesem Bild von Tod und Auferstehungshoffnung. In diesem Sinn ist natürlich auch das Ei eine befruchtete Zelle. Sie vergeht bei der Brut und bringt neues Leben hervor.

Aber eigentlich erzählt unser Osterei von der Last der Mühseligen und Beladenen, die Jesus zu sich gerufen hat. Ostern war die Zeit, zu der die armseligen kleinen Landpäch­ter einen Teil ihrer Bodenpacht bezahlen mussten, ob der Grundherr nun ein Graf war oder ein Kirchenfürst, wie es mir in unserer Region wahrscheinlicher erscheint. In der Zeit vor Ostern waren Eier auf dem Speisezettel tabu. Sie fielen unter die Fastengebote. Ähnlich sehen es ja heute die Veganer. Die armen Landpäch­ter mussten stattdessen in der Zeit vor Ostern Eier sammeln, um damit zu Ostern einen Teil der Pacht zu zahlen. Quellen sagen, sie hätten die Eier manchmal auf Geheiß auch gekocht, um sie zu konservieren. Na, und dann bekamen sie noch einen Farbtupfer, um sie von anderen Eiern zu unterscheiden.

Soviel Aufhebens um eine Schürze voll Eier, die Zinseier, wie man sie nannte! Ja, wir machen uns keine Vorstellung mehr von der Not der armen Dörfler. Auch Martin Luther hat im Umgang mit ihnen schrecklich geirrt.

Als Fron und Hunger-Zins nach und nach von den christlichen Kleinbauern genom­men wurden, wurden dann aus den österlichen Zins-Eiern die farbenfrohen Oster­eier. Zunächst gab es nur rote, die an das vergossene Blut Christi erinnern sollten. Christus der Heiland, der Befreier der Armen; und Menschen, die nun hoffen durf­ten, mehr Brot für ihre Kinder zu haben – lange, bevor die russischen Zaren und andere Superreiche anfingen, ihre Fabergé-Eier mit Brillianten und Rubinen zu überziehen.

Ostereier, wer ein wenig tiefer in unserer Gemeindegeschichte gräbt, entdeckt, dass die Armen und Rechtlosen immer ein Gespür und eine Hoffnung hatten, dass die Osterbot­schaft etwas an ihrer Hoffnungslosigkeit verändern könnte. Es ist schlecht Auferstehung feiern, wenn die eigenen Kinder wegen ungerechter Gesetze hungern. Die Verwandlung des drückenden Zinseis in das lebensbunte Osterei passt gut zum Evangelium von Christus, dem Auferstandenen.

Und was werden wir tun, nach Ostern 2014 im unauffälligen Zimmer? Was für eine Frage! Am kommenden Samstag unsere gute alte Dorfkirche wieder zu unserer Hei­mat machen und hartnäckig dorthin einladen. Aber für das, was der Auferstan­dene eigentlich von uns will, gilt die alte Diesdorfer Bauernweisheit: der Mist auf dem Haufen nützt höchstens dem Hahn. Soll er reiche Ernte bringen, dann verteilt ihn gleichmäßig auf dem ganzen Acker. In ganz Diesdorf! In diesem Sinne: tatkräftige Ostern!

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