Isaaks Opferung

Sonntag Judica, 21. März 2010


Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Genesis 22, 1-13

In den USA haben bibelkritische Leute vor Gericht die Einordnung der Heiligen Schrift als jugendgefährdende Schrift verlangt – natürlich ohne Erfolg. Ich war nicht dabei, aber wenn die Bibelkritiker ernsthaft zu Werke gegangen sind, dann dürfte diese Geschichte vom Beinahe-Menschenopfer des Isaak zum Material der Anklage gehört haben. Das ist eine schlimme Geschichte – vor allem für die Seelen von Jungen, die im christlichen Milieu mit überstrengen Vätern aufwachsen müssen. Und davon gab es in früheren Generationen allzu viele.

Im Theologiestudium lernt man über diese Geschichte, sie liefere eine erzählende Begründung dafür, dass es Menschenopfer nach dem Willen unseres Gottes nicht geben soll; Menschenopfer, die andere Kulte ihren Göttern dargebracht haben. Sprichwörtlich steht dafür der Kult des Moloch, der nach Behauptungen in den Mose-Büchern nach Kinderopfern verlangt. Diese und andere Erklärungen zugestanden – es bleibt eine furchtbare Geschichte. Furchtbar, aus welcher Blickrichtung auch immer man sie anschauen mag. Aus der Blickrichtung Gottes, der die Glaubenstreue seines erwählten Abraham prüfen will. Ist dieses Spiel nicht wirklich zu weit getrieben? Wenn die tausend Bande, die uns mit unseren Kindern verbinden, zum Herzstück menschlichen Daseins gehören, wie ist dieser Befehl dann möglich? Wenn Gott uns geschaffen hätte mit einem Verhältnis zu unseren Nachkommen, wie es ein Karpfen hat… Aber recht verstanden ist unsere Mühe und Treue, sind unsere Hoffnungen, die wir mit unseren Kindern verbinden, ja wohl Teil dessen, was der Schöpfungsbericht mit Gottesebenbildlichkeit des Menschen meint.

Und wenn der Widder schon von Anfang an im Gebüsch auf dem Berg Morija gewartet hätte, wenn das ganze Geschehen nach einem verborgenen Plan Gottes von allem Anfang an nicht als Ernstfall, sondern unter dem Code test-test-test gelaufen wäre – es bleibt mehr, als eine Menschenseele ertragen kann. Denn wer – wie ich – immer wieder Kenntnis nimmt von den schlimmsten Abscheulichkeiten, zu denen Tyrannen bzw. ihre Handlanger fähig sind, der hat von solchen Befehlen schon gehört: „Wenn du am Leben bleiben willst, dann erschieß deine Kinder, hier, jetzt, sofort!“ Und nicht alle gefolterten Väter wählen dann den eigenen Tod. Eine unerträgliche Geschichte in der Lebenssituation des Abraham. Ist nicht der Knabe Isaak die Erfüllung aller Versprechen, die Gott ihm gegeben hat? Dies Kind verlieren durch Krankheit, Unfall, eine Gewalttat: entsetzlich! Aber es absichtlich umbringen als Geste des Glaubensgehorsams? Wäre es da nicht die Pflicht des Vaters, seinem Gott den ganzen Glauben vor die Füße zu werfen? Und der Junge? Auf dem Weg erkundigt er sich in ungetrübtem Vertrauen nach den Ungereimtheiten dieses Opferganges. Und die vielen Darstellungen dieser Ungeheuerlichkeit in der christlichen Kunst wählen dann – wie könnte es anders sein – regelmäßig den Augenblick, wo der Vater sein Kind töten will; mit weit ausholender Bewegung des Armes. Der warnende Engel und der Widder sind immer zu sehen. Aber sie greifen keinen Sekundenbruchteil zu früh ein. Nähmen wir die Erzählung als Tatsachenbericht, wie sollte dann ein junger Mensch jemals mit diesem Trauma fertig werden? Bei mir bleibt Bestürzung. Was, bitte, soll ich von dieser Geschichte ggf. meinen Enkeln erzählen neben der Bannung des Menschenopfers, für die ja eigentlich das Gebot „Du sollst nicht morden“ schon ausreichen müsste?

Eine Auslegung der Geschichte hat mit dieser Zeit im Kirchenjahr zu tun, mit der Erinnerung an den Leidensweg und Kreuzestod Jesu. Vereinfachend gesprochen: was dem Abraham im letzten Moment erspart geblieben sei, den eigenen Sohn opfern zu müssen, das habe Gott mit Jesu Opfertod auf sich genommen. Was Gott letzten Endes keinem irdischen Vater auferlegen wollte, dazu war er aus Liebe zur Menschheit selbst bereit. Wir brauchen nur die Verse der Passionslieder im Gesangbuch aufmerksam zu lesen, um manchen Beleg für diesen Opferungsgedanken zu finden. Dabei fällt mir auf, dass die Erzählungen in den Evangelien von diesem Gedanken „Gott opfert seinen Sohn“ nicht geprägt werden. Da ist es ein mündiger Mensch, ein Erwachsener natürlich, ein von Vater und Mutter Emanzipierter, der seine schweren Entscheidungen trifft, der darum mit seinem Gott ringt und dessen Priorität lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Aber Jesus vor Pilatus, Jesus am Kreuz, das ist nicht der ausgelieferte Isaak auf dem heiligen Steinhaufen. Jesus, das ist der Mensch, der weiß und ausspricht, dass er auch anders könnte. „Könnte ich nicht meinen Vater bitten, dass er mir ein Engelheer zur Hilfe schickte? Aber wie soll dann der Wille Gottes in Erfüllung gehen?“

Jesus ist bei weitem nicht der einzige mündige Mensch, der so gesprochen und entschieden hat. Menschen können für das, woran ihr Herz hängt, auch ihr Leben hergeben. Für uns kommt es darauf an, woran das Herz dieses Jesus hängt. An der Liebe, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit des Reiches Gottes; des Gottes, dessen Herz für die Armen schlägt; des Gottes, dem er alles schuldig ist. Jesus von Nazareth ist kein Junge, der einem orientalischen Vater und Familienoberhaupt ausgeliefert ist bis zur Verfügungsgewalt über sein Leben. Er liebt seinen Gott und er leidet an ihm, beides. Aber es ist sein Weg, anders als der Weg des Isaak an der Seite des Abraham. So ist die Passion Jesu nicht einfach die Vollendung der im letzten Moment angehaltenen Menschenopfer-Geschichte, die Gott mit Abraham und Isaak in Szene setzt. Sie ist etwas ganz anderes, etwas, das Gott Ehre macht, statt in uns das Grauen zu wecken. Jesu Passion gibt dem Gott die Ehre, der Menschen fähig macht, den Weg zu gehen, der dem Leben dient – sogar um den Preis des irdischen Lebens.

Aber da bleibt eine andere Gewissensfrage. Was, wenn ich Unrecht tun muss, um unendlich größerem Unrecht in den Arm zu fallen? Dietrich Bonhoeffer und andere Christen, die an Plänen zum Sturz Hitlers teilgenommen haben, haben sich mit dieser Frage gequält. „Du sollst nicht morden“ – dieses Gebot lässt sich nicht weg diskutieren. Ist das Gewissen an den Gott der Bibel gebunden, dann ist es auch an dieses Gebot gebunden. Nur Gott weiß, wie oft die Achtung vor diesem Gebot furchtbares Leid verhindert hat. Die Menschen haben erlebt und erlitten, was das Gegenteil bedeutet. So steht das Gewissen nicht über diesem Gebot – es steht unter ihm. Was aber, wenn die Mordtaten eines Tyrannen jedes Maß überschreiten? Wenn die Menschheit sie nicht ertragen kann? Die Attentatspläne gegen Hitler wurden von Menschen gefasst, die über den Holocaust Bescheid wussten. Und doch war es für Christen wie Dietrich Bonhoeffer eine absolute Grenzentscheidung, die Tötung des Völkerverderbers mit zu planen. Er konnte sich nur der Barmherzigkeit dessen anvertrauen, dessen Gebot er brechen musste. Aber Bonhoeffers Gedanken über den Tyrannenmord erlauben keinen sinnvollen Vergleich mit der Bereitschaft des Abraham, dem unmenschlichen Opferbefehl seines Gottes zu folgen. Was für Abraham auf dem Spiel stand, war der Bund mit seinem Gott, der Beweis seiner Glaubenstreue. Ich kann das beim besten Willen nicht vergleichen mit dem Strohhalm des Hitler-Attentats, nach dem Menschen mit empfindlichen Gewissen gegriffen haben. Zumal sie wohl alle den Preis ihres eigenen Lebens ohnehin einkalkuliert hatten.

Was bleibt uns zu glauben und zu sagen – auch angesichts der Tatsache, dass es bis heute Prediger gibt, die diesem Gott mit seinem schrecklichen Ansinnen das Wort reden? Dass unser Gott sich schon im Alten Testament als der zu erkennen gibt, der er wirklich ist: „Selbst wenn eine Mutter es fertig brächte, ihr Kind zu verlassen, will ich dich doch niemals vergessen.“ Das ist der Gott, dem Jesus sich anvertraut, dessen Wesen er in das Vaterbild im sog. Gleichnis vom Verlorenen Sohn fasst; der Gott, der mehr Freude daran hat, dass ein verirrter Mensch sein Leben ändert, als am Lebenswandel von 99 Gerechten. Ja, ohne unsere muslimischen Nachbarn verletzen zu wollen: das ist unser Gott. Kein unwandelbar Heiliger wie der Allah des Koran– einer, der anderen Sinnes werden kann. Ein Gott, der umkehrt, damit wir mit ihm leben können. Es gibt Wesensmerkmale, Optionen, wie man heute sagt, die standen Gott zu Gebote – im Sinne einer Allmacht, die keine Richtung kennt. Aber Gott nimmt Abschied von dieser richtungslosen Allmacht. Er wird anderen Sinnes, mit der ganzen Schöpfung: „Ich will künftig die Erde nicht mehr um des Menschen willen verfluchen.“ So legt er sich fest nach der großen Flut. Und er wird auch nicht mehr der sein, der dem Abraham das Untragbare auferlegt. Todbringender Glaubensfanatismus kann sich nicht auf den Gott berufen, an dem Jesus festhält, an den er sich klammert bis ans Kreuz.

Martin Luthers Zusammenfassung der Erklärung der Zehn Gebote lautet bekanntlich „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“. Aber damit ist der Vater des nicht mehr verlorenen Sohnes gemeint und nicht Gott, der das Leben des Sohnes Isaak forderte.

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