Kurzpredigt zum Krippenspiel

Heiligabend, 24. Dezember 2008

Und sie brachte einen Sohn zur Welt, ihren Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Eine andere Unterkunft hatten sie nicht.“

(Lukas 2,7)

Sollen wir Maria und Josef bedauern oder beglückwünschen? Unser weihnachtliches Brauchtum, wie auch dies schöne Krippenspiel, unterstreicht fast immer die bedau­ernswerte Situation des Elternpaares, das von der römischen Reichsbehörde auf einen weiten Weg gezwungen wird.

Andererseits, eine Mutter, gut genug ernährt, um ihr Kind stillen zu können, mit einem verlässlichen Partner an ihrer Seite. Ein paar Stücke Stoff, die als Windel dienen können, ein Dach über dem Kopf, eine sichere Ablage für das Kleine. Ich bin mir recht sicher, Millionen Menschenkinder sind 2008 unter weit verheerenderen Bedingungen geboren worden. Die Kriegs- und Hungermütter in Zimbabwe, im Osten des Kongo, im Sudan, im Irak oder Afghanistan werden sich sehnlich den Standard von Bethlehem für ihre Geburt wünschen. Es ist eben wie in dem Sprich­wort vom Wasserglas: Ist es halb voll? Oder halb leer? Eine Frage, die viel zu tun hat mit unseren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten.

Weihnachten 2008 sehen Abermillionen in den Weltgegenden, wo es den Menschen bisher vergleichsweise gut geht, das Wasserglas ihres Schicksals eher halb leer und sich weiter leeren – der angeblich irre Kaufrausch der letzten Tage spricht nicht dagegen. Was also, wenn unser Lebensstandard sich schrittweise dem Niveau von Bethlehem annähern würde. Noch kaum vorstellbar. Aber zu Finanzkollaps und Wirtschaftskrise kommt ja noch eine Menge finsterer Tatsachen hinzu: Klimawandel mit unabsehbaren Folgen, wachsende Gefahr neuer Kriege um Wasser und Brot und vieles mehr.

Bleibt genug Hoffnung auf menschenwürdiges Leben in einer Zeit unausweichlichen Wandels, hin zu Selbstbeschränkung und Rücksichtnahme, auch in Bezug auf Lebensge­wohn­heiten (Privatauto, Urlaub), die wir bisher fast als unser Menschenrecht angesehen haben?

Schauen wir auf diese kleine Familie. Schlimmeres als die Nacht von Bethlehem steht ihr noch bevor. Sie müssen laufen um ihr Leben, als der König Herodes den Verstand verliert oder auch nur handelt nach der kalten Logik der Machterhaltung, ganz wie wir wollen. Flucht, Exil, Heimkehr; christliche Flüchtlingsfamilien in x Ländern verstehen so ein Kinderschicksal, ohne dass sie besondere Informationen bräuchten. Und den Flüchtlingseltern, die anderen Religionen und Weltanschau­ungen anhängen, geht es nicht anders.

Bethlehem und schlimmer, ein Grund, den Lebensmut fahren zu lassen? Sich zurück­zuziehen aus dem Leben nach dem Motto „Lasst uns essen und trinken, denn mor­gen sind wir tot.“ Hätten Maria und Joseph nach diesem Motto gelebt, dann hätte der Evangelist Lukas nicht diesen wunderbaren Satz zu Papyrus bringen können, mit der er seine knappe Überlieferung von der Kindheit Jesu abschließt: „Aber das Kind nahm zu an Klugheit und Alter, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm“ (Lukas 2, 52). Das ist nichts Übermenschliches, was nur für den Sohn der Maria gelten würde. Nein, das ist das im schönsten Sinn des Wortes Normale. Das, womit Gott uns und Eltern in aller Welt segnet und beschenkt – dass Kinder lebenstüchtig werden an Leib und Seele – oder, wie es in unseren sprachlich etwas altertümlichen Taufliturgien heißt, „dass dies Kind ein Mensch Gottes werde, zu allem guten Werk geschickt.“

Darum, ihr lieben Eltern und Großeltern, lasst euch an diesem Heiligabend beschen­ken mit dem Lebensmut aus den Quellen unseres Gottes! Auch wenn unser materi­eller Wohlstand in naher Zukunft Schaden nehmen sollte, wenn wir neue private und allge­meine Lebensregeln zu praktizieren lernen müssen – wir werden auch diese Wege mit dem treuen Gott gehen. Und wir werden fähig bleiben, für unsere Kinder einzustehen – materiell und mit den Gaben, die niemand kaufen kann.

Alles spricht bisher dafür, das wir uns dabei materiell auch künftig ganz erheblich über Bethlehem-Lebensstandard halten werden. Aber dass andere krass darunter bleiben, damit sollten wir uns nicht abfinden solange wir „Frohe Weihnachten“ feiern wollen.

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