Liedpredigt zu Paul Gerhardts „Ich steh an deiner Krippen hier“

1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2007


Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu du mein Leben;
Ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir’s wohlgefallen.

Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,
ich will mir Blumen holen,
daß meines Heilands Lager sei
auf lieblichen Violen;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin
aus schönen Gärten will ich ihn
von oben her bestreuen.

Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
Daß ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So laß mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all deine Freuden.

(Evangelisches Kirchengesangbuch Nr. 37, Strophen 1,7,9,)

Das Paul-Gerhardt-Jahr 2007 geht zu Ende. Einem heftigen Husten von Pfr. Neuß verdanke ich die Gelegenheit, doch noch in unserer Gemeinde über ein Paul-Gerhardt-Lied zu sprechen. Ich kenne die Gedanken von Sebastian Neuß, der heute morgen über dieses Lied sprechen wollte, nicht. Darum, so gut ich es verstehe, ein paar Worte zu drei Strophen aus dem Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“, den dreien, die wir gerade gesungen haben.

Paul Gerhardt hat das Lied im Jahr 1653, fünf Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges, gedichtet. Das Grauen war noch in den Köpfen und Seelen – so wie 1950 das Jahr 1945 noch ganz und gar Gegenwart war. Wie viele Säuglinge sind damals von betrunkenen Landsknechten unter evangelischen oder katholischen Fahnen aufgespießt oder auf andere Weise massakriert worden? Wie viele Mütter haben fassungslos zum Himmel geschrien, wie die stellvertretend genannte Rahel beim Kindermord in Bethlehem?

„Nach Auschwitz kann niemand mehr Gedichte schreiben“, lautete ein viel zitiertes erschütterndes Urteil vor 60 Jahren. Und nach den Schreckenstagen, als die Bevöl­kerung des damaligen Magdeburg abgeschlachtet wurde? Der Dreißigjährige Krieg hatte mit dem Nazihorror gemeinsam, dass er keine Familie in Deutschland unberührt ließ. Und die Todesernte war noch größer.

Dennoch dieses Gedicht kurz nach dem Ende des Schreckens, 1653, zu großen Teilen in der Sprache eines Liebesgedichtes. Neben dem Lebenspartner, um den ich werbe, sind die Kinder ja immer schon der andere Adressat unserer Liebeserklärungen. Wenn sie neu in unser Leben treten, genügt ihr Anblick, die fast magische Kraft, die ein Baby ausstrahlt, um das Herz – zuerst das Herz der Mutter – an sich zu binden. Allen Selbst­zweifeln zum Trotz erwacht in uns die Bereitschaft, dem Kind alles zu schenken, was es braucht.

Dennoch, der Christ Paul Gerhardt lebt in einer anderen Situation als Eltern, die beglückt ihr Neugeborenes anschauen. Auch im Weihnachtslied ist Jesus für Paul Gerhardt der Mensch am Kreuz und der Auferstandene, die Kraftquelle seines Glaubens. Wie könnte er sonst so reden?„O Jesu, du mein Leben… „ich… schenke dir, was du mir hast gegeben.“

In der etwas steifen Sprache des Gottesdienst-Handbuches, von dem ihr immer nur den Rücken seht, heißt dieser Tag „Das Heilige Christfest. Tag der Geburt des Herrn“. „Herr“, das ist in der Sprache des Neuen Testaments der, den Gott gesandt hat, um unsere Füße auf den Weg des Lebens zu richten. Der Anfang will mit den Augen des Glaubens vom wunderbaren Ende her betrachtet werden. Nur so macht die Engelbotschaft Sinn: „Euch ist heute der Heiland geboren“.

Geschenke, das ist konkurrenzlos Jahr für Jahr das Wort der Adventszeit, je näher Weihnachten kommt, und bis zur seelischen Nötigung. Verglichen damit ist die Geschenkliste, die Paul Gerhardt zusammenstellt, wunderbar, ganz gleich, ob wir an das Kind in der Krippe oder an unsere Kinder und Enkel denken: „Geist und Sinn, Herz, Seel´ und Mut, nimm alles hin und lass dir´s wohl gefallen.“ Jesus wie die Kinder – wer solche Geschenke bekommt, für den wird alles andere Zutat, Zierrat. Geist und Sinn, das bedeutet, alle Aufmerksamkeit, die Menschen einer Sache oder einem anderen Menschen zuwenden können. Der Glaube 2007 ist ein Ding, das das Weltgeschehen mit größter Aufmerksamkeit wahrnimmt und nicht wegschaut. Christinnen und Christen sind Realisten. Das versprechen sie Jesus selbst, wenn sie diese Zeile singen.

Herz, Seel´ und Mut, nimm alles hin. Jesus spricht einmal vom höchsten Gebot, dem Gebot der Liebe zu Gott und den Nächsten, und zwar „mit allen deinen Kräften.“ Paul Gerhardt verspricht Jesus solchen Glaubensmut. Woher nimmt er ihn? Die Antwort des Herrn an die Seinen: Wenn es darauf ankommt, wird euch gegeben werden, was ihr sagen sollt. Und natürlich auch, was ihr tun sollt. Denn Wort und Tat sind die beiden Seiten der Glaubensmedaille.

Eine tatkräftige Liebeserklärung des Glaubens stimmt Paul Gerhardt an. Und eine zärtliche zugleich. Glücklich der Mensch, der wenigstens einmal im Leben aus lauter Liebe Blumen gepflückt hat; gepflückt, nicht gekauft. In der 6. Strophe sinnt Paul Gerhardt nach über das Prunkbettchen, das dem Jesuskind eigentlich zusteht (lesen lassen). Aber die Liebe ist nicht gebunden an den Geldwert edelster Stoffe und eine möglichst vornehme Adresse.

So bleibt es in der 7. Strophe bei der Krippe im Stall. Aber die Krippe wird zum Blumenbettchen. Veilchen, Rosen, Nelken, Rosmarin. Eine Kombination von Farben und Düften. Ob das Baby davon einen Niesreiz bekommen hätte, spielt keine Rolle. Paul Gerhardt ist glücklich mit der Entdeckung, dass auch die Armen nach dem Dreißigjährigen Krieg – und zu jeder Zeit – über Schätze verfügen, mit denen sie ihre Liebe über das Kind ausstreuen können. Ihre Liebe hat direkten Zugang zum „Christkind“, in des Wortes tieferer Bedeutung. Das erfüllt ihren Glauben mit Unabhängigkeit, Stärke und Glück. Und sie haben den erwachsenen Jesus auf ihrer Seite, was den Wert des Blumenregens angeht. Alle Kunsthandwerker am Hof des prächtigen Salomo, so sagt er, reichen mit ihren erlesenen Werken nicht heran an die Schönheit einfacher Wiesenblumen.

Auch die Blumenkrippe bleibt ein Notbehelf. Nicht der schlechteste, muss man zugeben, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen ungezählte Kinder seit jener Nacht geboren wurden und in der letzten Nacht geboren worden sind. Denn sie ist ein Ort der Liebe, die Menschen zu geben vermögen. Gott schenkt ihnen die Kraft dazu. Sogar die Tiere leisten ihren Beitrag zur liebevollen Fürsorge. Als Kind fand ich die Legenden-Erzählungen eindrucksvoll, dass der warme Atem des Ochsen dem Baby gut getan habe. Als Dorfjunge, der sich oft in Kuhställen herumgetrieben hat, war mir warmer Kuhatem durchaus ein Begriff.

Ein schützender Notbehelf sein, bescheiden aber zuverlässig; Paul Gerhardt kann sich sein ganzes Glaubensleben, seine ganze Beziehung zu Jesus in diesem Bild vorstellen. In der letzten Strophe fasst er es in Worte: „So lass mich doch dein Kripplein sein,/ komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden“

Wieder das Wechselspiel der Liebe zum Krippenkind und der Nachfolge des Auferstan­denen. Den Heiland „in, bei und an mir tragen“ kann sich ja wirklich nicht in weih­nachtlichen Betrachtungen erschöpfen. Das schließt bei allen wichtigen Situationen, vor die wir im Leben gestellt werden, die Frage ein: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wir mögen uns schwer damit tun – so wie sich Paul Gerhardt mit manchen Entschei­dungs­fragen seiner Zeit schwer getan hat. Aber es muss gewagt werden, auf dem Weg von der Krippe in die Welt, mit dem Mut, den Paul Gerhardt den Christenmen­schen gleich in der ersten Strophe zutraut.

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