Macht es wie die Babys!

Quasimodogeniti, 19. April 2009

Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugebore­nen Kinder, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, weil ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.“

(1. Petrus 2, 2)

Quasimodogeniti, das ist der einzige lateinische Traditionsname eines Sonntags, den ich schon als Kind lustig fand – schon bevor ich mich mit Latein herumschlagen musste. Quasimodogeniti: das fremde Wort kullerte so schön dahin, die einzelnen Silben wie Murmeln. Auch die Bedeutung hat uns unser gründlicher Pastor verraten: „Wie die neugeborenen Kindlein…“ Etwas weniger feierlich würden wir heute wohl sagen „Wie die neugeborenen Babys…“ Und weiter geht es mit den Worten aus dem 1. Petrusbrief, die ich gerade vorgelesen habe. „Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch; damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, weil ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.“ Dieser Satz als Wechselgesang, als Antiphon gesungen, hat dem Sonntag nach Ostern den lustigen Namen gegeben.

In katholischen Gemeinden heißt er auch der „Weiße Sonntag“ oder „Klein Ostern“. Bis die Osterferien zu Reiseferien wurden, war der Weiße Sonntag der Tag der feierlichen Erstkommunion, an dem die Kinder in die Sakramentsgemeinschaft der Pfarrgemeinde aufgenommen wurden. Konfirmation oder Jugendweihe, beide sind nicht entfernt imstande, das Erscheinungsbild des Ortes so zu bestimmen, wie der „Weiße Sonntag“ das katholische Dorf meiner Kindheit.

Aber die zehnjährigen Erstkommunionkinder sind nun wirklich keine neugeborenen Babys mehr. Sie kommen in die 5. Klasse. Zumindest in meiner Kindheit hatten wir Zehnjährigen schon eine ganze Liste ernsthafter Pflichten; schmökerten uns mangels Fernsehen durch dicke Bücher; hatten es auch schon faustdick hinter den Ohren – von wegen „vernünftige lautere Milch“. Nein, Erstkommunionkinder oder ihre evangeli­schen Altersgenossen werden mit dem Leitsatz des Babysonntags wohl nicht ange­sprochen.

Das ganze Drumherum spricht dagegen. Hört euch das an: „So legt nun ab alle Bosheit, allen Betrug und Heuchelei, Neid und üble Nachrede. Seid begierig nach der vernünfti­gen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder.“ Das ist der Zusammen­hang. Davon redet der christliche Prediger und Seelsorger, der für zwei Briefe im Neuen Testament den Namen des Menschenfischers Petrus benutzt – ohne Petrus zu sein. Ganz offen­sichtlich werden hier Erwachsene zu einem ganz und gar neuen Lebenswandel aufge­fordert, eingeladen. Heuchelei, üble Nachrede, das sind gemeinschaftsschädliche Missstände aus der Welt der Erwachsenen. Ohne einen gewissen negativen Erfahrungsschatz geht es nicht, wenn man ein erfolgreicher Mobber sein will. Erwachsene sind es, die umkehren sollen!

Bibelleser wissen mehr: diese Erwachsenen sollen und können ihren Lebensstil um­krempeln, weil sie eine alles verändernde Erfahrung gemacht haben. Ich zitiere aus den ersten Sätzen des Briefes: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Das ist der Dreh- und Angelpunkt all dessen, was dieser Prediger Petrus über christliches Leben zu sagen hat. Christinnen und Christen sind Menschen, für die das Unmög­liche möglich wird. Neu geboren werden, weil Jesu Auferstehung die Wirkung einer neuen Geburt hat.

Neu geboren werden, natürlich nicht, was unsere biologischen Alterungsprozesse angeht. In die sind und bleiben wir eingebunden, egal wieviel Döschen und Pillen wir uns von der Werbung aufschwatzen lassen. Neu geboren werden, haben wir gehört zu einer lebendigen Hoffnung.Die Hoffnung macht den Unterschied, ob du zwanzig bist, 45 oder 80. Jüngere wie alte gewordene Kinder der Hoffnung gehen auf Ziele zu, arbeiten für sie, sind imstande, zu ihrem Leben, zu ihrem Lebenskreis „Ja“ zu sagen. Menschen, die Zuwendung, Hilfe suchen, haben ganz von allein Antennen für diese „Menschen der Hoffnung“ und steuern auf sie zu.

Der Prediger Petrus hat, was Hoffnungsquellen angeht, eine klare Meinung. Er kennt keine bessere, solidere, lebendigere, als sich mit dem auferstandenen Jesus zu verbin­den. Diese Hoffnungsquelle kommt direkt von unserem Gott in unser Leben. Die Auferstehung ist kein Weltspektakel, sondern ein Liebesbeweis. Ein Liebesbeweis Gottes für jede und jeden, die ihn für sich gelten lassen.

Was Jesus proklamiert und durch Taten bekräftigt hat, bleibt in Kraft. Vergebung geht vor Gericht, Liebe geht vor Macht, Frieden geht vor Vergeltung, Brot vor Ausbeutung, Gott vor Mammon. Das Kreuz hat diese Liste der Hoffnungen nicht außer Kraft setzen können. Sie zu bezeugen, sagt der Prediger, ist der Auftrag eures persönlichen Lebens und mindestens ebenso sehr des Lebens eurer Gemeinde.

Jesus-Jüngerschaft leben – das Programm nach Ostern. Der Prediger Petrus verzich­tet auf zwei nicht ganz selten angewandte Methoden, etwa ganz Neues und deshalb womöglich Schweres einzuüben. Die Methode „Reißt euch am Riemen“ geht mit schöner Regelmäßigkeit schief; bei banalen Vorhaben, mit dem Rauchen aufhören, abnehmen – aber erst recht, wenn es um Sinn und Ziel des Lebens geht.

Aber auch die etwas realistischere Parole „Üben, üben, üben“ ist nicht sein Weg. Leben mit Jesus, dem Auferstandenen, ist kein Langzeit-Übungsprogramm, wie damals, als ich vergeblich versuchte, Geige spielen zu lernen.

Der Rat des Predigers Petrus: macht es wie die Babys. Die kommen nicht auf die Welt wie die Hühnerküken, die vom ersten Tag an der Mutter folgen und Körner picken können, Nestflüchter eben. Menschenbabys sind ziemlich hilflose „Traglinge“, wie man das nennt. Verglichen mit einem Hühnerküken können sie arg wenig. Aber das, worauf alles ankommt, das können sie, die Nähe der Mutter suchen und trinken. Man kann das zärtlich beschreiben oder distanziert vom Saugreflex sprechen. Das macht keinen Unterschied. Entscheidend ist das ungewusste Wissen des kleinen Menschleins: das ist es, was ich brauche – und dazu noch den Herzschlag der Mutter.

Die „vernünftige“ und „lautere“ Milch des Quasimodogeniti-Sonntags erinnert mich unwillkürlich an einen der ersten großen Gerechtigkeits-Streitfälle, an denen ich in meiner kirchlichen Arbeit Anteil genommen habe. Wir setzten uns damals vor 30 Jahren auseinander mit dem riesigen Nestlé-Konzern. Der machte in Afrika aggres­si­ve Werbung für künstliche Babymilch. Unzählige Mütter fielen darauf rein. Man­geln­de Hygiene unter Armutsbedingungen und fehlendes Geld für ausreichende Mengen Ersatzmilch führten zu unzähligen Kindergräbern, auf denen Milchflaschen lagen. „Breast is best“ lautete damals einer unserer Kampfrufe. Mutters Milch ist das Beste fürs Baby. Heute ein in den Gesundheitsgesetzen vieler Länder festgeschrie­benes Prinzip.

Behandle deinen Glauben mit der gleichen Liebe und mit der gleichen Vernunft wie ein Baby. Gönne ihm und damit dir selbst das Einfache, das sich zugleich als die perfekte Mischung erweist:

Jesus lebt, mit ihm auch ich. Die Worte und Bilder der Ostergeschichten als Nahrung für mein Herz. Lass dich von der Aufregung, der Hoffnung anstecken. Gönne dir die Freude, bevor du dich dem Zweifel stellst. Alles zu seiner Zeit.

Das erinnert mich an eine andere Milchepisode: eines unserer Babys quengelte ein paar Minuten lang, weil die Mama nicht gleich kommen konnte. Als einem Dreikäse­hoch von älterem Bruder das Babygeschrei auf die Nerven ging, forderte er meine Frau energisch auf: „Gib ihm doch ein Butterbrot!“ Über diesen gut gemeinten aber unausführbaren Vorschlag amüsieren wir uns bis heute.

Solange Milch dem Gedeihen gut tut, ist Milch angesagt. Wenn dein Herz danach verlangt, dich einfach hineinzustellen in den Kreis der Frauen und Männer, denen der Auferstandene begegnet ist, gut so. Der Osterglaube muss sich nicht rechtfer­tigen, so wenig wie ein trinkender Säugling. Dabei erinnert der Prediger Petrus, will das trinkende Baby kein Baby bleiben. Es will und es muss wachsen. Zunehmen, Petrus benutzt dasselbe Wort wie wir, wenn wir uns über das Gedeihen von Babys austauschen. Heute hat es sich auf dem Wickeltisch umdreht; seit einer Woche krabbelt er; gestern stand er das erste mal zwei Sekunden auf den eigenen Füßen.

Das Entwicklungsprogramm des Petrus zielt stattdessen darauf, uns die Gebote und Notwendigkeiten der Mitmenschlichkeit, der Nächstenliebe, des Friedens und der Gerechtigkeit in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Nicht andressiert, nicht übergetüncht, sondern als Ergebnis guten natürlichen Wachstums – Wachstums im Glauben. Wie die neugeborenen Babys, die keine Babys bleiben. Die dazu nicht mehr tun müssen, als anzunehmen, was das Leben und die Liebe für sie bereit halten.

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