Mission der kurzen Wege

6. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juli 2010


Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

(Matthäus 28, 16-20)

Im Rückblick weiß ich nicht recht, wovor ich mehr Bammel hatte. Vor der Fahrprü­fung mit 34 oder 20 Jahre früher vor der Konfirmandenprüfung mit 14 in der Dorf­kirche von Petershagen an der Weser. Der komplette Kirchenvorstand im Sonntags­staat, alles alte Männer natürlich; ein höchstens respektierter, keinesfalls sympathi­scher Pfarrer und eine eng beschriebene 2-Seiten-Liste mit Liedern, Katechismus-Stücken und Bibeltexten, die wir auswendig zu können hatten – bei Strafe des Durchfallens.

Eine unnötige Angstkulisse, wie mir heute klar ist. Und ich hatte noch dazu eine Rolle dabei zu spielen, unwissend. Wir Internatskinder aus dem örtlichen Matthias-Claudius-Heim waren strenger getrimmt als die Dorfjugend. Schließlich sollten besonders wir mittels religiöser Erziehung von der schiefen Bahn abgehalten werden. Also konzentrierte sich die tatsächliche Wissensprüfung der 50-60 Konfis auf drei oder vier Heimkinder, darunter mich. Die Masse musste zum Beispiel nur im Chor den reichlich gepaukten 23. Psalm hersagen. Aber mich traf der Blick des Kirchmei­sters und seine Aufforderung: „Knabe,“ er sagte wirklich, „Knabe, was sagt uns der Herr Matthäi am Letzten?“ Da musste ich den sog. Taufbefehl Jesu hersagen, der heute Evangelium und Predigttext zugleich ist. Und dann die Worte Jesu bei der Segnung der Kinder, Einschlägiges aus Katechismus und Gesangbuch. Irgendwann hatte der grimmige Bauer genug und ich bestanden. Wenigstens den Taufbefehl Jesu, auch Missionsbefehl genannt, konnte ich also schon ohne Stottern aufsagen, als ich ein Jahrzehnt später lernen musste, in Gottesdiensten angemessen zu agieren.

Ich glaube nicht, dass junge Leute heute in der Markuskirche nur konfirmiert werden, wenn sie das Evangelium dieses Sonntags auswendig hersagen können. Und das nicht nur, weil auswendig lernen out ist. Zwischen 1954 und heute haben sich das innere und das äußere Bild von Mission tiefgreifend verändert. Die Bauern der Minden-Ravens­berger Erweckungsbewegung – dort liegt Petershagen – waren u.a. eine Stütze der Äußeren Mission. Die jährlichen Missionsfeste der Bethel-Mission von Vater Bodel­schwingh waren Siegesfeiern, die „Missionare auf Heimaturlaub“ ihre Ritterkreuzträger. So jedenfalls kam das bei uns sensiblen CVJM-Jungscharlern an.

1952-1954, meine Jahre im Kirchlichen Unterricht: einerseits noch nicht einmal ein Jahrzehnt nach dem Ende der Nazihölle, die ja jeder christlichen Mission deutscher Sprache eine drückende Glaubwürdigkeitsbürde auflud; andererseits das unverän­derte Bild – heute würden wir sagen, das Image – einer Tätigkeit, bei der Weiße das Licht des Evangeliums in die Finsternis der schwarzen Heidenwelt trugen. Weiß rettet Schwarz vor der ewigen Verdammnis – obwohl da auch schon mal von „jungen Kirchen“ anstelle von Missionsfeldern die Rede war. Auch die ersten Namen afrika­ni­scher und asiatischer Kirchenführer tauchten auf – aber der Held war immer der Missionar.

Zu diesem Leitbild des Missionars gehörte der Missionsbefehl, wie der Deckel zum Topf, Motivation und Rechtfertigung zugleich. „Geht hin an alle Welt“: vor zwei Generationen konnten sensible Jugendliche und junge Erwachsene von diesem Ruf noch getroffen werden, wie sonst nur von Amors Pfeil.

Wenn es in unseren eigenen Familien, unseren Ortsgemeinden um die Taufe ging, haben Eltern und Paten sich wohl weniger an den Missionsbefehl gehalten. Das Bild von der „Segnung der Kinder“ durch Jesus war den Herzen näher bei der Praxis der Kleinkind­taufe. Erwachsenentaufe, wie Jesus selber sie begehrt hat, war in dem christ­lichen Regelwerk meiner Kindheit entweder eine baptistische Unsitte oder – an den Ufern eines afrikanischen Flusses – eine Siegesmeldung der Mission. Es kann nur am großen Pfarrermangel vor 45 Jahren gelegen haben, dass unser Kirchenvorstand meine und meiner Frau Mitteilung, wir würden unsere Kinder nicht zur Säuglings­taufe bringen, nicht mit einem Antrag auf Amtsenthebung beantwortet hat.

So vieles denken, fühlen, glauben, urteilen und praktizieren wir heute anders, als zur Zeit meiner Konfirmation, wenn es um Taufe und Mission geht. Da es nicht ganz einfach ist, sich nicht zu verheddern – und den Schatz zu bewahren. Ziemlich einfach ist das noch angesichts der verbreiteten Stimmung: „Verschont doch die Leute mit eurer Werbung. Wenn einer Interesse an der Kirche hat, kann er sich ja melden. Heute ist jeder seines Glaubens Schmied.“

Dagegen spricht zweierlei: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über! Aber viel wichtiger: darauf lässt Jesus sich nicht ein. Gottes Gerechtigkeit, sein Wille zu verge­ben, sein Friede, den er der Menschheit und der ganzen Schöpfung schenken will: all das soll und muss unter die Leute gebracht werden – als endgültiges gutes Wort Gottes an alle.

Nie und nimmer gehen Mission und Gewalt zusammen, ob seelische Gewalt oder andere direktere Erscheinungsformen. Nie und nimmer stimmt Jesus aber auch zu, dass wir der Welt vorenthalten, was er gebracht hat.

Klar ist: die Wege der Mission sind dramatisch kürzer geworden in den letzten beiden Generationen. Kaum ein Winkel der Erde, in dem nicht einheimische Christenmenschen ihren Landsleuten ein authentisches Bild von Jesus und seiner Guten Nachricht geben können – und sich diese Aufgabe auch vorbehalten. In China leben längst mehr engagierte Christen als in Deutschland, in Afrika viel mehr als in Europa. Auch die Martyriumserfahrungen, die zum Leben von Kirchen und Mission gehören, machen heute – bis auf ganz seltene Ausnahmen – Glaubensgeschwister anderer Völker und Kirchen.

Die Interkontinentalmission hat sich zwischenzeitlich auf das Experiment der Rich­tungsumkehr eingelassen. In unserer EKD arbeiten heute – so schätze ich – mehrere hundert Mitarbeiter ferner Kirchen, die man früher „Missionare“ genannt hätte. Einer von denen brachte bei uns im Ruhrgebiet seine Frau zur Entbindung ins evangelische Krankenhaus. Die Verwaltungsangestellte fragt: „Was ist Ihr Mann?“ „Pfarrer.“ „Ach ja.“ Sie tippt sorgfältig: F-a-h-r-e-r. Manches ist eben gewöhnungs­bedürftig. Gut mög­lich, dass sich unsere katholischen Nachbarn mit ihrem drama­tischen Priestermangel noch schneller an die richtige Schreibweise gewöhnen.

Viele Male habe ich solche „geistlichen Gastarbeiter“ in unsere Gemeinden und Gottes­dienste begleitet. Ich habe sie Fremdheitserfahrungen machen sehen, bis an die Grenze des wohlkaschierten Schocks. So ist es auch vielen historischen weißen Missionaren ergangen. Aber die hatten es mit Kulturen zu tun, die das Stigma des Heidnischen trugen. Unsere Ökumenischen Gäste besuchten dagegen die Heimat­kirchen ihrer Gründermissionare – zugleich die Geber vieler Geldmittel. Da wählt man schon seine Worte sehr sorgfältig, auch wenn man tief erschrocken ist.

Das eine oder andere Mal habe ich mich als Übersetzer schon um etwas deutlichere Worte bemüht, um zur Sprache zu bringen, was den ökumenischen Besuchern unserer Gemeinden auf dem Herzen lag: „Wie könnt ihr euch damit abfinden, dass die Bot­schaft Jesu in eurem Land immer weniger Gehör findet. Wir sehen das, aber wir begreifen es nicht. Ihr habt doch so viele Hilfsmittel zur Hand – und ihr nutzt sie nicht. Ihr scheint euch im kleinen Kreis wohl zu fühlen, obwohl Jesus uns doch zu all unseren Nachbarin­nen und Nachbarn hinschickt. Der Hausbesuch ist die Urform aller Versuche, die Bot­schaft Jesu auszubreiten – und nicht die Veröffentlichung eines Gottesdiensttermins.“

Die „Mission der kurzen Wege“, sie ist der Auftrag Jesu an unsere Gemeinde in dieser Zeit. Sie lässt sich nicht abschieben an eine Missionsgesellschaft, die man mit einer Kollekte unterstützt. Sie lässt sich auch nicht abschieben auf eine Handvoll bezahlter Leute in der Kirche, die dafür sorgen, dass die Post Jesu bei den Menschen ankommt.

Leute werden gewonnen von ihresgleichen. Jede erfolgreiche Bürgerinitiative macht uns das vor: ob Besuchsdienst im Krankenhaus oder Naturschutz, ob Ferienpro­gramm für Kinder aus sozial schwachen Familien – oder Eine-Welt-Laden: immer sind es ganz normale Menschen, die ganz normale Menschen gewinnen. Etwas Besseres als ganz normale Leute hat Gott nicht zur Hand.

Wir wissen, dass das im Leben so funktioniert; nur auf den Auftrag Jesu, die Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit auszubreiten, wenden wir diese Erfahrung nicht an. Das Abwehrargument, wir seien nicht die Zeugen Jehovas, liegt nahe. Und über Methoden müssen wir uns wirklich Gedanken machen. Aber die Frage Jesu an uns alle bleibt doch: was tut ihr, damit eure Nachbarinnen und Nachbarn Mut fassen, sich dem Gott anzuvertrauen, auf den wir – und vor allem Jesus sich verlässt.

Welche Initiativen, welche praktischen Schritte auf unsere Nachbarinnen und Nach­barn zu gehören zum Erscheinungsbild dieser Gemeinde? Ich komme ein wenig ins Stottern, wenn ich sie beschreiben soll.

Dabei ist doch auf eins Verlass. Das habe ich schon dem Bauern aus unserem Kir­chen­vorstand aufsagen müssen – das gilt ohne Abstriche auch rund um die Markus­kirche und rund um die Diesdorfer Kirche, in deren Äußeres wir im Moment viel Geld hineinstecken: Jesu Zusage, was immer ihr euch zutraut und vornehmt: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“.

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