Salz der Erde, Licht der Welt (2)

8. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juli 2008

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

(Matthäus 5, 13-16)

Wenn´s um´s Salz geht, ist unsere Zunge wählerisch. Entweder fehlt das „Salz in der Suppe“ oder wir vermuten umgekehrt, dass die Köchin verliebt war. Die Ärzte erklären uns, dass wir genug davon zu uns nehmen müssen, und warnen zugleich bei allerlei Krankheiten vor zu viel Salz. Wir Älteren wissen noch aus unseren Familien, dass manches im Alltag ohne Salz nicht ging: Sauerkraut machen oder Gurken einlegen. Pökeln, also Verarbeitung von Fleisch unter reichlicher Verwen­dung von Salz war neben Trocknen die wichtigste Konservie­rungsmaßnahme, solange Haushalte ohne Konserven und Tiefkühltruhen auskommen mussten.

Diese schützende, erhaltende Fähigkeit von Salz ist wohl auch in dem Jesuswort vom „Salz der Erde“ gemeint. „Ihr seid das Salz der Erde“. Ihr seid die Leute, auf die Gott sich verlässt, wenn es um Wohlergehen und Fortbestand von Menschheit und Schöp­fung geht. „Ihr seid das Salz der Erde“, weil ihr mich liebt und meine Lebensgesetze achtet. An euch, an eurem Beispiel sollen andere erkennen können, worauf es im Leben ankommt.

Nicht gerade wenig, was uns da zugetraut oder zugemutet wird! Auf euch kommt es an. Euer Glaube, die Art, wie ihr ihn lebt, ist nicht eure Privatsache. Gott verlässt sich auf euch. Lasst ihn nicht im Regen stehen! Die gute Nachricht vom Sieg der Liebe, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit des Reiches Gottes wird verfaulen wie Gam­mel­fleisch, wenn da nicht Menschen sind, die erkennbar darauf bauen. Menschen, die erhaltend wirken, die den Glauben frisch halten, wie das Salz, dessen sich die Menschen zur Konservierung ihrer Nahrung bedienen. Salz, das diese Fähigkeit verlöre, wäre kein Salz, modern gesprochen kein Natrium­chlorid, NaCl, auch es wenn täuschend ähnlich aussähe. Glaube, der nicht die Aufmerk­samkeit der Mitmenschen weckt, ist keiner, der den Namen verdient.

Salz ist durch seinen Geschmack ebenso unverkennbar wie eine Stadt auf dem Berg. Die Stadt, die Burg auf der Anhöhe gibt gute Sicht und gab in früheren kriegerischen Zeiten natürlich auch einen taktischen Vorteil bei der Verteidigung. Aber sie war auch Landmarke für die Menschen der Umgebung. Sie gab den Einheimischen ein Gefühl der Geborgenheit, der Zugehörigkeit, das Wissen um eine Zuflucht in der Not. Wer auf der Anhöhe baute, wollte gesehen und anerkannt werden. Lichtscheue Gestalten wählten andere Verstecke. Die Höhle ist das Gegenbild zur Höhe.

In Deutschland fallen mir nicht allzu viele Städte ein, deren historischer Kern erkenn­bar auf einer Anhöhe, geschweige denn einem richtigen Berg erbaut ist. (Quedlin­burg?) Aber die Abertausende von Kirchtürmen sollen ja überall ersetzen, was dem Kirchbau­platz an Höhenmetern gegenüber der Umgebung fehlt. Unüber­sehbarkeit im Sinne des Wortes Jesu schaffen. Es kann die Kirche im Dorf oder im Stadtteil nicht verborgen bleiben – sie soll es auch nicht! Natürlich ist damit nicht der kunsthistori­sche Wert der Dorfkirche von Diesdorf gemeint – so hoch er sein mag. Nicht verbor­gen bleiben darf, nicht verborgen bleiben kann, was Jesu Wort und Geist dort in Menschen bewirken. Jesus meint keine menschenleere Geisterstadt auf dem Berg – und keine menschenleere Geisterkirche im Stadtteil. Erst die Christenmenschen machen die Kirche, die Gemeinde unverwechselbar.

Wieder dieser unausgesprochene Interessengegensatz zwischen uns und Jesus: Wir würden unsere evangelisches Christentum gern als Privatsache pflegen – und befän­den uns damit in zahlreicher Gesellschaft. Du darfst alles glauben, ausprobieren und wechseln wie ein altes Hemd, was es nur gibt im Supermarkt des Religiösen – solan­ge du deinen Mitmenschen damit nicht auf die Nerven gehst.

Ins Auge fallen, wahrgenommen werden wollen, sich unübersehbar machen, wie Jesus es will, ist unsere Sache nicht. Jedenfalls verwenden wir darauf wenig erkennbare Mühe. „Ihr seid das Licht der Welt“, die unübersehbare Stadt auf dem Berg. Vielleicht ist das ja auch eher ein katholisches Bild. Diese Stadt auf dem Berg erinnert doch unwillkürlich an die bei den Medienleuten heiß begehrten Bilder von der römischen Papstkirche, mit allem, was sie für die Augen zu bieten hat. Aber unser Magdeburger Dom ist, was seinen historischen Rang und Anspruch betrifft, ja auch nicht ohne. Und aus welcher Richtung auch man auf unsere Stadt zufährt, erst seine Türme machen Magdeburg unverwechselbar. An beide, die Peterskirche wie den evangelischen Dom hat Jesus seine Erwartungen.

Aber Jesus hat noch ein Bild für uns, näher an unserem Kleine-Leute-Alltag, ohne gleich die halbe Welt als Kulisse. Häuslicher Alltag „Niemand zündet ein Licht an und stellt es unter eine umgedrehte Schüssel. Man setzt es auf einen Leuchter. So leuchtet es allen, die im Hause sind.“ Im Zeitalter der Elektrizität hat dieser Vergleich an Alltäglichkeit verloren. Ich finde das sehr schade. Aber die meisten von uns sind alt genug, um sich an Stromausfälle in Krieg und Frieden, vielleicht sogar an dörfliche Verhältnisse ganz ohne Strom zu erinnern.

Mir hat mein kirchliches Arbeitsleben manchen dörflichen Abend beschert, an dem nach kurzer tropischer Dämmerung eine bis auf Mond und Sterne rabenschwarze Nacht hereinfiel. Da haben dann die Gastgeber rechtzeitig die Lampen angezündet, Kerzen, Kerosin, Gas, seltener auch ein Feuer, jedenfalls keine Glühbirnen und Neon­röhren. Zum abendlichen Ausgehanzug gehörte für Einheimische und Gast die leistungsstarke Taschenlampe.

Und jede dieser sparsamen Lichtquellen schuf in ihrem begrenzten Umkreis eine besondere Atmosphäre: Geborgenheit, keine Stolperfallen, Gesichter erkennen, Schutz. Umgekehrt habe ich gelegentlich die Besorgnis von Gastgebern erlebt, mit mir vor Einbruch der Dunkelheit an einem erleuchteten, d.h. sicheren Ort anzukommen. Im wirklichen Dunkel, wie wir es praktisch nicht mehr kennen, fängt man an, nach Lichtern Ausschau zu halten, vor allem, wenn man Anlass hat, der Nacht nicht zu trauen. Um nicht missverstanden zu werden: manche Partnerorganisation von „Brot für die Welt“ hat es zu Recht als Sieg gefeiert, wenn z.B. in einem indischen Land­arbei­ter­dorf von der Verwaltung endlich ein paar elektrische Straßenlaternen aufge­stellt wurden – auch wenn an Strom in den Hütten noch lange nicht zu denken war. Die Straßenlampen sind abendliche Treffpunkte und auch ein Stück Sicherheit für Mädchen und Frauen.

Aber zurück zu dem abendlichen Augenblick, wenn in Häusern ohne Strom die totale Finsternis bekämpft wird: das Licht soll leuchten. Und es ist teuer. Also gehört es an einen weithin sichtbaren Platz, wo es am meisten nützt. Die Idee mit dem über gestülpten Gefäß ist einfach verrückt. Jesus darf allseitige Zustimmung erwarten.

Solche sinnvoll genutzten Lichter zu sein, ist eure Bestimmung, stellt Jesus fest. Eure Anwesenheit, die Art eurer Anwesenheit soll das Haus, soll den Stadtteil, soll die Lebensgemeinschaft, zu der ihr gehört, verändern. Und sie wird es tun, solange ihr euch nicht selber eine Tarnkappe über den Kopf zieht. Eine Tarnkappe, unter der euer Glaube genauso ersticken würde wie eine Flamme unter Luftabschluss.

An dem Bild von der Kerze gefällt mir, dass sie keinen totalen Sieg über die Dunkel­heit bringen muss. Ihre Leuchtleistung ist bescheiden, anders als unsere heutigen Lichtanla­gen, aber sie ist dennoch zu sehr viel gut. Unsere Welt und sogar unser eigenes Leben behält seine dunklen Ecken, wenn wir uns auf die Botschaft Jesu einlassen. Aber es gibt Geborgenheit in der Dunkelheit. Es kann auch im Dunkeln getan werden, was keinen Aufschub duldet. Kinder und Erwachsene brauchen sich nicht zu ängstigen.

Unser Tun – und das Lassen gehört in unserer Zeit immer dazu – ist in Jesu Augen Mittel zum Zweck. Unsere „guten Werke“ sollen Gotteslob provozieren. Gute Werke? Jesus protestiert einmal: „Was nennst du mich gut. Niemand ist gut, als Gott allein.“ Jesus traut uns also nicht weniger zu, als dabei zu helfen, dass Gottes Wille geschieht, auch auf Erden. Sein Wille?

Dass niemand in Einsamkeit verzweifelt: Besuche, ein Licht im finsteren Haus. Dass niemand an seiner Schuld erstickt: Vergebung, ein Licht im finsteren Haus. Dass niemand in Armut zu Grunde geht: Diakonie und Anwaltschaft, ein Licht im finsteren Haus Dass niemand ohne andere bleibt, die für ihn eintreten. So gehört auch das Gebet zu den Guten Werken, von denen Jesus spricht.

Drei Bilder, die uns leiten sollen, unseren Platz in der Gemeinschaft zu erkennen und dazu Ja zu sagen. Wirkt wie Salz, das die Botschaft Jesu vor Fäulnis bewahrt! Seid gemeinsam wie die weithin sichtbare Stadt, die Frieden, Recht und Geborgenheit ausstrahlt! Sei du einzelner Christenmensch wie ein bescheidenes Licht am richtigen Platz, dort wo es am meisten gebraucht wird! Gute Werke, die möglich sind – mit Jesus an unserer Seite.

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