Schöpfung: Halbe – Halbe

Sonntag Jubilate, 21. April 2013


Dann sagte Gott: „Nun wollen wir den Menschen machen, ein Wesen, das uns ähnlich ist. Er soll Macht haben über die Fische im Meer, über die Vögel in der Luft und über alle Tiere auf der Erde. Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, er schuf Mann und Frau. Er segnete die Menschen und sagte zu ihnen: „Vermehrt euch! Breitet euch über die Erde aus und nehmt sie in Besitz. Ich setze euch über die Fische, über die Vögel und alle anderen Tiere und vertraue sie eurer Fürsorge an. Er fügte hinzu: „Ihr könnt die Früchte aller Pflanzen und Bäume essen; den Vögeln und Landtieren aber gebe ich Gras und Blätter zur Nahrung.“ Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran; alles, was er sah, war gut. Es wurde Abend und wieder Morgen: der Sechste Tag. So entstanden Himmel und Erde mit allem, was lebt. Am siebten Tag hatte Gott sein Schöpfungswerk vollendet und ruhte von seiner Arbeit aus. Deshalb segnete er den siebten Tag und erklärte: „Dieser Tag ist heilig. Er gehört mir.“ So entstanden Himmel und Erde; Gott hat sie geschaffen.

Genesis 1, 26-2,4a, Einheitsübersetzung von 1985


Jubilate heißt der Sonntag. Was gibt’s denn da zu jubeln? Wenn es nach diesen Sätzen aus der ersten Schöpfungsgeschichte geht, dem alttestamentlichen Traditionstext dieses Sonntags, dann doch wohl die herausgehobene, mit Vollmacht und Verant­wortung ausgestattete Stellung des Menschen in der Schöpfung.

Meine Begeisterung für die beiden Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel werde ich mir wohl nicht mehr nehmen lassen. Großartige Sinn-Geschichten, dabei so richtig sinnlich die eine, die von der Paradies-Oase Eden. Um Wunder und Risiko des Lebens im Kosmos kreisend die andere, die Sieben-Tage-Erzählung, natürlich gestaltet mit dem himmelskundlichen und naturkundlichen Wissen alter Kulturen.

Aber dumm waren die Alten auch nicht. Grundlegendes über Chaos und Ordnung, Wasser und Land, Luft und Klima, über Geschichte und Wechselwirkungen der Lebens­formen: Aussagen, die bis heute Bestand haben, finden sich sehr wohl in diesem mehr als 3.000 Jahre alten Glaubensbekenntnis.

Noch einmal: großartige Sinn-Geschichten, natürlich keine Forschungsberichte für Fachzeitschriften der Bio-Wissenschaften oder für die NASA.

Bevor wir uns den „Tag 6“ vornehmen, noch ein Wort zu den Kübeln von Spott, die von Jüngern der Naturwissenschaften über diesen göttlichen Wochenarbeitsplan ausgegos­sen werden – auffallend selten von den Großen der Wissenschaft, die wissen, was sie alles nicht wissen – wohl aber von vielen, die in ihren Hörsälen gesessen haben und nun „exakte“ Naturwissenschaft für die Antwort auf alle Fragen halten.

13,8 Milliarden Jahre, vom Urknall, dem Kreuzworträtsel-Begriff für den Beginn des Universums, bis vor wenigen kosmischen Augenblicken, als Primaten bereit standen, um Menschen zu werden: das alles in fünf Tage packen zu wollen, ist doch wohl hirn­rissig! Und selbst wenn ich einen Schöpfergott erst vor 5-4 Milliarden Jahren aktiv werden ließe, als kosmischer Staub sich zu unserem Planeten verdichtete, der Wochenplan wäre immer noch absurd.

In der Beschränktheit meiner Sinne, weiß ich nicht, was ich anschaulicher finden soll: riesige Dateien voller trockener Fachbegriffe über kosmische und irdische Zeitalter – die zu menschlicher Zeiterfahrung in keiner hilfreichen Beziehung stehen. Oder Tag und Nacht, elementarste aller menschlichen Zeiterfahrungen. Natürliches und unveränderliches Resultat der großen Sause, auf der sich unser Blauer Planet befindet, immer rund um sich selbst und rund um die Sonne. Die Bibel selbst sieht das mit den 24 Stunden ja überhaupt nicht so eng: „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist und wie eine durchwachte Nacht.“ Nein, lasst euch von naiver Tatsachengläubigkeit nicht die Liebe zu den biblischen Lebensbildern verderben!

Aber lassen wir auch die Finger von der völlig überflüssigen und dem Glauben hinder­lichen, an Buchstaben statt an Botschaften klebenden Auslegung des Zeugnisses von der Schöpfung, an das sich Teile der Christenheit z.B. in den USA klammern.

„Nun wollen wir Menschen machen,“ lauten die Schöpferworte in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung von 1985. Nichts gegen unseren Luther! Aber hier ist die Unternehmungslust Gottes am sechsten Schöpfungstag besonders schön getroffen. Alles, was bis dahin geschehen ist, in der Erzählung – oder auch auf den ziemlich gewundenen Pfaden der Evolution, läuft auf dies Vergnügen des Schöpfers zu.

Auch der darwinistischste Darwinist kann da nur zustimmen: unsere Art Leben als homo sapiens steht auf den Schultern aller Lebensformen, die zu unserer genetischen Ausstattung beigetragen haben. Erst die von Leben brodelnde Schöpfung, dann der Mensch.

Ob dem Ganzen ein von Liebe und Freude des Schöpfers gespeister Plan zugrunde liegt, dazu kann ein Nobelpreisträger nicht viel mehr Verbindliches aussagen als ein Schulabbrecher. Das ist im schönsten Sinn des Wortes wirklich Glaubenssache. Vor allem Gottes tollkühner Vorsatz, etwas schaffen, jemanden ins Leben rufen zu wollen, der ihm ähnlich genug sei für eine Schöpfungs-Partnerschaft.

Der Mensch „soll Macht haben“ über Fische, Vögel und Landtiere. So die Worte der Übersetzung von 1985. Martin Luther wählte seinerzeit den Imperativ „Herrscht über sie!“ Ich denke, auch ihr spürt, das ist nicht ganz dasselbe. Der Mensch als Macht-Haber im Lebenskampf der Arten, das ist nicht von der Hand zu weisen, von niemandem.

Keine andere Lebensform hat in den letzten Jahr-Zehntausenden eine derartige Entscheidungsmacht auf dem Blauen Planeten besessen, ständig erweitert und durchgesetzt – die letzten hundert Jahre sogar ähnlich einer vernichtenden Explosion. Religionen und Ideologien haben darauf nur einen sehr beschränkten Einfluss gehabt.

Trotzdem objektiv „Macht haben“ ist das eine, willkürlich mit Freibrief herrschen, ist im Ergebnis etwas anderes. Und wenn es nur vernunftwidrig ist, den Ast abzusagen, der auch künftige Menschen-Generationen noch vor dem Absturz bewahren muss.

Als sähe der Schöpfer diesbezüglich Unheil voraus, folgt eine einschränkende Durch­führungsbestimmung: „Ihr könnt die Früchte aller Pflanzen und Bäume essen; den Vögeln und Landtieren aber gebe ich Gras und Blätter zur Nahrung.“ Die Lebens­grund­lage muss laut Schöpferwillen für alle gewährleistet bleiben: für den Menschen die Früchte seiner Landwirtschaft. Das ist gemeint. Und die frei wachsende Pflanzen­welt als Nahrungsgrundlage für die Tierwelt – soweit es sich nicht um die Haustiere handelt. Die spielen aus wirtschaftlichen und religiösen Gründen in den biblischen Erzählungen eine besondere Rolle.

Das Gottesrecht schützt die Bio-Diversität mit einem Halbe-Halbe-Prinzip! So könn­ten wir es auch ausdrücken – und lägen damit genau richtig. Vernunftwidriger menschlicher Machtanspruch gegenüber den Mitgeschöpfen war ja schon unseren altisraelitischen Müttern und Vätern im Glauben geläufig. Sie wussten was passiert, wenn Menschen Raubbau betreiben am Werk Gottes. Sie kannten die Wechselbezieh­ungen zwischen menschlicher Willkürherrschaft und Tier- und Pflanzenwelt. Sie erlebten sie sogar sehr viel hautnäher als wir.

Unser Schöpfungsmord vollzieht sich mit Sicherheitsabstand für Vernunft und empfindliche Gewissen. Niedergebrannte Wälder, vergiftete Gewässer, verpestete Luft, verdorrtes Land: allein ein beliebiger Rentner, Zeitungsleser und Fernsehzu­schauer wie ich kann Dutzende solcher Schauplätze aufzählen, wo das „Halbe-Halbe-Prinzip“ des 6. Schöpfungstages eingestampft wird.

Aber fast alle die Schauplätze sind nicht um die Ecke! Höchstens wer mit Billigticket in einen Urlaubsflieger steigt, kommt schon mal bedrohlich in ihre Nähe; oder fliegt wenigstens in 10.000 Meter Höhe über sie hinweg.

Ob ein Naturschutzverband den Artentod der letzten Orang-Utans auf Sumatra und Borneo an die große Glocke hängt: Todesursache der Biosprit-Durst in unserem Teil der Welt, oder ob irgendwo in den Meeren eine weitere Fischart industriell zu Tode gefischt wird: immer geht es um unsere Verachtung für dies schlichte „Halbe-Halbe-Gebot“ des sechsten Schöpfungstages. Wer den Hals nicht voll kriegen kann, darf sich nicht wundern, wenn er daran erstickt. Dann war auch sein Glaube zu wenig nütze.

Dabei ist Umkehr zum Schöpferwillen zugleich Umkehr zum Leben und Umkehr zur Lebensfreude.

Noch einmal mein Vergnügen an der noch jugendlichen Bibelübersetzung von 1985: „Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran; alles, was er sah, war gut. Es wurde Abend und wieder Morgen: der sechste Tag. So entstanden Himmel und Erde mit allem, was lebt.“

Diesem Gott geht nicht ganz unähnlich meiner Frau, die so oft glücklich sein kann mit etwas, was da im Pfarrgarten seiner Art gemäß bei angemessener Pflege gewachsen ist. Gott hat seine Freude an allem, was er sieht – und riecht, darf man gemäß alttestamentlichem Gottesbild hinzufügen!

Wer die lebendige Schöpfung will, muss manches Schöpfungsfeindliche lassen, schleu­nigst! Er muss das Halbe-Halbe-Prinzip für sich gelten lassen. Auch bei den Konsum­entscheidungen des Alltags. Aber was wir unter Mühen zurückgewinnen können, ist mehr als das – für Körper, Kopf, Herz und Seele.

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