Schöpfung

Sonntag Jubilate, 3. Mai 2009

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Da schied Gott das Licht von der Finsternis…

Genesis 1 in Auswahl


Bibelleserinnen und Bibelleser wissen: wir Juden und wir Christen besitzen am An­fang der Bibel gleich zwei Schöpfungsgeschichten, die von dem Sechstagewerk mit dem anschließenden Ruhetag Gottes (für unsere jüdischen Schwestern und Brüder bis heute der Sabbat) und die andere Erzählung vom Paradiesgarten, der Oase Eden. Beide stehen in ihrer Erzählweise unvereinbar nebeneinander. Allein dadurch bewahren sie uns schon vor dem Irrtum, sie als oberflächliche Tatsachenberichte misszuverstehen. Beide sind wunderbare Antworten des Glauben auf die Fragen nach Ursprung, Sinn, Auftrag und Ziel unseres Lebens.

Darum möchte ich es noch einmal von dieser Kanzel sagen: wir können uns dankbar und ohne innere Verrenkungen an die wissenschaftliche Lebensleistung von Charles Darwin erinnern, dessen 200. Geburtstag kürzlich gefeiert wurde. Seine Evolutions­theorie bestätigt mir einfach das Psalmwort, dass „Gottes Gedanken und Wege unendlich viel höher sind als unsere.“ Und seit ich an einem unvergesslichen Vormittag im Kongo-Urwald einer Gorillafamilie beim Bambus-Brunch zusehen durfte, ist mir diese wunderbare Verwandtschaft alles andere als peinlich. Aber genug zu diesem vor allem jenseits des Atlantik wieder aufgewärmten christ­lichen Darwinismus-Streit! Wenn ich es richtig einschätze, wird er uns in Deutsch­land mehr von einem Teil der Medien in die Schuhe geschoben, als dass er unsere Gewissen wirklich belastete.

Heute haben wir wieder einmal den ersten der beiden Schöpfungsberichte gehört – den von den sechs-plus-eins Tagen. Der erste und der letzte Satz der Erzählung gleichen zwei mächtigen Brückenpfeilern, die eine gewaltige Last sicher tragen: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.“ Und zum Schluss: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Und siehe, es war sehr gut.“

Aber vielleicht ist der Vergleich mit einem Bauwerk doch nicht so ganz passend. Denn diese Erzählung beschreibt nicht, wie die Welt konstruiert wird – und sei die Konstruk­tion tausendmal komplexer, als die besten Ingenieure und Biologinnen es vermöchten. Die Sieben-Tage-Geschichte ist eine Liebesgeschichte. Sie erzählt eine Entwicklung, die darauf hinausläuft, dass der Schöpfer sich in seine Schöpfung verliebt – und ganz besonders in ein Geschöpf. Das einzige aller Schöpfungswerke, bei dem von einem ausdrücklichen, gefühlsbewegten Entschluss des Schöpfers die Rede ist: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild das uns gleich sei.“ Das eine Geschöpf, das mehr Verant­wortung für Wohl und Wehe des Gotteswerkes übernehmen soll als alle anderen.

Das ganze „Drehbuch der Schöpfung“ sozusagen ist nicht in naturwissenschaft­lichem Interesse erzählt, sondern ausgehend von der Frage des menschlichen Her­zens: wie hat unser Gott uns das Leben möglich gemacht? Ein Beweis? Licht und Finsternis, Tag und Nacht füllen das erste Tagewerk des Schöpfers. Allen Nachtschichten und nächtlichen Schwärmereien zum Trotz: nichts vermag einen Menschen in seelischem Gleichgewicht unfehlbarer munter zu machen als die Morgensonne. Tag und Nacht sind die erlebten (und heute auch erforschten) Grundlagen unserer Existenz als Tagwesen auf dem Blauen Planeten. Unsere Mitgeschöpfe, die des Nachts unterwegs sind, erleben densel­ben Urrhythmus des Lebens vom anderen Ende her.

Auch die folgenden Tagewerke des Schöpfers folgen keiner Logik der Evolution. Eher gleichen sie der Vorsorge werdender Eltern. Sie richten alles so ein, sie besorgen alles, was nötig ist, damit ihr Kind einen guten Start ins Leben hat. Das Firmament, das verhindert, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Viele der Urgefahren des Lebens kommen ja „von oben“, denken wir nur an die großen Fluten – in der Bibel und in unseren Tagen. Ein Mensch in großer seelischer Not wird nur selten vom Blick in den blauen Frühlingshimmel oder den nächtlichen Sternenhimmel getröstet werden. Der Erde vertrauen können als dem Ort, an dem wir geborgen sind: im Bild von der Himmelsfeste, dem schützenden Firmament ist das das Geschenk des zweiten Schöpfungstages. Der sichere und fruchtbare Boden unter unseren Füßen. Die Küsten, verlässliche Grenzen der Menschenwelt. Die Pflanzenwelt, Grundlage tierischen und mensch­lichen Lebens. Sonne, Mond und Sterne als Taktgeber des sozialen Lebens. Die Lebenskreise des Wassers und der Luft, unter ihnen die Wale. Ein Psalmdichter konnte sich ihre gewaltigen Proportionen nur damit erklären, dass der Schöpfer ein Spielzeug für sich selbst haben wollte. Wassertiere und Vögel sind die ersten Geschöpfe, denen ein besonderer Segen für das Gedeihen ihrer Gattungen mit auf den Lebensweg gegeben wird: „Seid fruchtbar und mehret euch…“. Greenpeace-Aktivisten und Vogelschützer befinden also in bester Gesellschaft.

Alles läuft zu auf den sechsten Schöpfungstag. Seit meiner Zeit als Helfer im Kindergottesdienst ist mir aber lieb und wichtig, dass dies Tagewerk nicht mit der Erschaffung des Menschen beginnt, sondern mit unseren engsten Lebensgefährten, den Landtieren – die Haustiere eingeschlossen. Sie sind für die Stämme Israels von so unermesslicher Bedeutung, dass unsere Vorfahren im Glauben sie sich nur als unmittelbares Schöpfungswerk vorstellen konnten – trotz allen Erfahrungswissens, das Vater Jakob und Seinesgleichen natürlich besaßen. Unsere Schwestern und Brüder im Fell oder im Chitinpanzer – der studierte Theologe Charles Darwin hat das später als Biologe anders ausgedrückt und erklärt. Aber die intime Nähe der Genossen des sechsten Schöpfungstages bildet sich noch heute ab in jedem Rentner, der Freud und Leid mit seinem Hund teilt. Dass der gemeinsame Geburtstag am sechsten Tag der Schöpfung in den Ställen der industriellen Tierproduktion verleugnet wird, liegt offen vor unser aller Augen.

Etwas flapsig gesagt, der Herzenswunsch nach uns Menschen als Gegenüber und Treuhänder der Schöpfung wird übermächtig nach der Mittagspause des sechsten Tages. „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei…“ Wir Menschen, Frauen und Männer, die Geschöpfe, in denen Gott sich wiedererkennt. Geschöpfe, die deshalb gesegnet sind mit der Gabe, selber ihren Gott zu erkennen und mit ihm zu leben. Die Geschöpfe, denen Gott zutraut, ihrer Aufgabe als Treuhänder der Schöpfung gerecht zu werden. Nichts anderes ist mit dem Tätigkeitswort „herr­schen“ gemeint. Dieses Herrschen bedeutet, Entscheidungen treffen, folgenreiche, so wie es Eltern oder Sorgeberechtigte tun müssen. Und wehe, sie tun es, ohne das Wohl der Anbefohlenen an die erste Stelle zu setzen. Ausbeuten, Ex-und-Hopp im Kleinen unseres Alltags wie im globalen Wüten des Mammon annulliert den Lebenssegen, den der Schöpfer auf alle unsere Mitgeschöpfe gelegt hat – nachzulesen in unserer Erzählung. „Seid fruchtbar und mehret euch“, diese Segensworte Gottes gelten ja allen Kreaturen des sechsten Tages – und nicht etwa exklusiv dem homo sapiens.

Die restlichen Worte über den sechsten Tag sollen, wie wir uns heute ausdrücken, die Grundbedürfnisse von Menschen und Mitgeschöpfen voneinander abgrenzen und so für beide Gruppen sichern. Den Menschen die Kulturpflanzen, denn die sind gemeint. Samen tragende Gräser, wie Weizen und Gerste z. B. Den Tieren, was die Pflanzenwelt sonst an Nahrung hergibt. Anrührend, weil aller zoologischen und historischen Erfahrung widersprechend, ist der umfassende Vegetarismus in Menschen- und Tierwelt. Eine Vision, die wir nicht als naiv abtun können, nur weil ungezählte Arten und Geschöpfe – und unter ihnen auch viele Menschen – nicht die Wahl haben, so zu leben. Lassen wir diese Sehnsucht zu, die Sehnsucht nach einer Welt, in der wir nicht töten müssen, um zu leben. Diesen Widerspruch zu fühlen, ihn Gott anzuvertrauen, lässt unsere Seele weniger Schaden nehmen als Verdrängung oder gar Wurschtigkeit.

Diese Schöpfung im Dialog mit ihrem Schöpfer vom dem Augenblick an, seitdem Menschen an ihr teilhaben, verdient das höchste Lob: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Am Anfang der Geschichte steht der Friede des siebenten Tages. Gott hat alles getan, damit seine Menschen zu ihm „Ja“ sagen können.

Heute – wir wissen es es – zeigen Gläubige anderer Religionen und nicht-religiöse Menschen mit den Fingern auf Kirchen und Christen. Sie werfen uns vor, durch Missbrauch unserer Treuhänderschaft gegenüber der Schöpfung zur globalen ökologischen Krise des 21. Jahrhunderts entscheidend beigetragen zu haben. Ein Franz von Assisi oder ein Albert Schweitzer alle paar hundert Jahre reicht eben nicht. „Macht euch die Erde untertan“, auf Deubel komm raus – ein Schuldvorwurf mit mehr als nur einem Körnchen Wahrheitsgehalt. Statt zu Gott „Ja“ zu sagen, sagen wir „Ja“ zu unserem eigenen Herrschaftsanspruch.

So konnte dieses Buch zum Bestseller werden: „Die Welt ohne uns“, geschrieben von dem Amerikaner Alan Weisman. Es beschreibt, wie sich die gepeinigte außer­mensch­li­che Schöpfung den Lebensraum Erde zurückholt – nach dem Verschwinden der Men­schen, der ungetreuen Treuhänder. Die Frage, wieso die Menschen plötzlich weg sind, bleibt völlig offen. Ein Gedankenexperiment mit viel allgemeinverständlicher Wissenschaft. Ein Hausmittel gegen menschlichen Hochmut.

Jesu Wort vom Weinstock und vom Winzer, das Evangelium des Jubilate-Sonntags, zeigt die Gegenbewegung, die Rettung bringen kann. Weil das „Ja“ der Menschen ausgeblieben ist – zum Unheil der Schöpfung, sagt Gott noch einmal „Ja“ zu seinen Menschen, in dem Menschen Jesus von Nazareth. Er nennt sich selbst den Weinstock und uns die Reben. Der Winzer aber lässt den Dingen nicht ihren Lauf. Er, also Gott, greift ein. Aus der Sicht derer, die fürchten müssen, sterilen Reben zu gleichen, kein idyllisches Bild. Der Winzer vertraut der Lebenskraft des Weinstockes. Aber er zögert nicht, ihn so zurückzuschneiden, dass die Aussichten auf die nächste Weinlese sich verbessern.

Seid Menschen der neuen Schöpfung, lautet Jesu Einladung. Menschen der neuen Schöpfung, die der alten Schöpfung die Treue halten und für ihre Zukunft wirken – durch Tun ebenso wie durch Unterlassen. Auch angesichts dieser Herausforderun­gen führt für uns kein Weg an Jesus vorbei. Wie wir es gehört haben, von ihm:

Wenn ihr an mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt. Und es wird euch zuteil werden.“

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