Unter Wölfen

Exaudi, 4. Mai 2008


Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen. Und man wird euch vor Statthalter und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.

(Matthäus 10, 16-20)

Auch wenn sich einer der brandenburgischen Wölfe demnächst einmal über die Elbe wagen sollte: vor dem Wolf brauchen wir Menschen uns wirklich nicht zu fürchten. Lange bevor wir ihn entdecken könnten, hat er uns schon ausgemacht und sich in Sicherheit gebracht. Rotkäppchen ist ein unsterbliches Märchen, aber als Dokumentation über Wolfsverhalten taugt es nicht. Jesu Vergleich von den Schafen und den Wölfen beschreibt einen anderen Teil der Wirklichkeit, das Verhältnis zwischen Raubtier und Beute. Wölfe, die Schafe reißen, sind für italienische Bergbauern auch heute ein Alltagsproblem. Ihre Vorfahren, die alten Römer leiteten daraus ein bitteres Sprichwort ab: „Homo homini lupus.“ Der Mensch ist des Menschen Wolf! Nicht der den Menschen fliehende Wolf ist zum Fürchten, sondern der Mensch, der sich auf seinen Mitmenschen stürzt wie ein reißendes Raubtier.

Auf solche buchstäblich mordsgefährlichen Begegnungen bereitet Jesus die Jünger vor, bevor er sie auf sich gestellt aussendet. Als Schaf unter Wölfen, dazu kann es kommen, wenn ein Mensch sich darauf einlässt, Trägerin oder Träger der Botschaft Jesu zu sein. Das Risiko scheint nicht immer akut, aber es löst sich niemals in Luft auf. Ein Blick in unsere deutsche Kirchengeschichte der letzten drei Generationen unter zwei Regimen, die über Herz und Geist der Menschen herrschen wollten, liefert die Beweise. Aber auch unser rechtsstaatlicher Alltag kann plötzlich Situationen hervorbringen, wo Christen sich so fühlen mögen: als Schafe unter Wölfen. So wie diese Woche in Bremen. Junge Leute aus dem ganzen Land treffen sich in Bremen zu einem Festival, dem „Christival“. Wütende Proteste anders Gesinnter richten sich gegen einige Einzelveranstaltungen, wo scheinbar so über Homosexualität geredet werden sollte, wie auch ich es seelsorgerlich für nicht richtig halte. Harter Kritik müssen Christen sich stellen. Aber das hier ist etwas anderes. Da wird eine Straßenbahn mit Christival-Gästen von Vermummten gestoppt. Ein schockartiger Überfall. Eine Kanonade mit harten Wurfgeschossen. Niemand kommt dauerhaft zu Schaden. Aber die Angst – die Angst, die man erlebt hat bei einem christlichen Bekenntnistreffen – die bleibt.

Schafe unter Wölfen. Wie damit umgehen? Jesu Rat ist zum Sprichwort geworden: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ (Ihr merkt schon, heute morgen haben wir es mit den Tieren.) Von der überlegenen Klugheit der Schlange ist bekanntlich schon in der Paradiesgeschichte die Rede. Sie benutzt diese Klugheit dazu, die Menschen zu verleiten. Und die Überlieferung von der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies legt daraufhin Gott selber den Satz von der Erbfeindschaft zwischen Menschen und Schlange in den Mund. In Deutschland mit unserer vergleichsweise harmlosen Kreuzotter klingt das etwas sehr dramatisch. Aber wenn man als Besucher in schlangenreichen Ländern miterlebt, wie jede Schlange im Garten vorsichtshalber erst einmal in Stücke gehauen wird, bevor man nachschaut, ob giftig oder nicht (meistens ungiftig), der findet diese Todfeindschaft in voller Aktion. Klug wie die Schlangen: Feindschaft und Bewunderung, beides macht ein Ganzes. Klug: da ist unser Staunen über die Fähigkeit dieser Mitgeschöpfe, sich zu verbergen und für ihren Lebensunterhalt urplötzlich zuzustoßen. Lebenstüchtig ohne Arme und Beine, ohne Flügel oder Flossen; auf dem Bauch kriechend, ausgestattet, wie erst wir modernen Menschen wissen, mit Sinnesorganen völlig anderer Art als unsere fünf Sinne, so z. B. mit der Fähigkeit, allerwinzigste Temperaturunterschiede wahrzunehmen und so den Weg zur Nahrung zu finden. Von wegen „Erde fressen dein Leben lang…“ Wo die Bibel einmal nicht recht hat, da hat sie nicht recht.

Seid klug wie die Schlangen, wenn Ihr es als Teile der Herde des guten Hirten mit den Wölfen in Menschengestalt zu tun bekommt: hierher gehören viele Rettungsgeschichten, spektakuläre und ganz bescheidene. In diesen Tagen erinnern wir uns anlässlich des 50. Geburtstages der Aktion Sühnezeichen an Lothar Kreyssig, den Magdeburger Konsistorialprädidenten der Nachkriegszeit. Er war der einzige Jurist in Deutschland, der in seinem Richteramt gegen die Euthanasiepraxis der Nazis vorging und dadurch indirekt Menschenleben rettete. Als der Nazi-Justizminister den störrischen Richter 1940 nach Berlin einbestellte und ihm das knappe Handschreiben Hitlers zeigte, mit dem der die Mordserie in Gang gesetzt hatte, sagte Kreyssig den damals unglaublichen Satz: „Ein Führerwort schafft kein Recht.“

Klug wie die Schlangen: das ist ein Gebot für Christenmenschen, die sich in unseren Tagen für Menschenrechte einsetzen. Immer wieder die größten Unholde in Politik und Wirtschaft daran erinnern, dass sie Recht brechen, und damit rechnen, dass auch diese Leute einen Ruf zu verlieren haben. Aber ich habe mich auch schon im Gespräch mit normalen Vermietern oder einfachen Sachbearbeitern einer Sozialbehörde um einzelner Menschen willen um diese Schlangenklugheit bemühen müssen. Jesus ist es recht, wenn wir das tun. Wie die sprichwörtlich kluge Schlange handelt Abraham sogar, als er dem zum Strafgericht entschlossenen Gott die Menschen von Sodom und Gomorrha abhandeln will. Der Gipfel der Kühnheit – und um ein Haar wäre es gelungen.

„Ohne Falsch wie die Tauben“. Ob die Tauben untereinander wirklich ein so friedfertiges Völkchen sind, sei dahingestellt. Aber erinnern wir uns abgesehen von ihren großen Auftritten am Ende der Sintflut und bei Jesu Taufe daran, dass die Tauben in Israel die Opfertiere der armen Leute waren, Geschöpfe, um die man nicht viel Aufhebens machte. Zwei Täubchen pro Gast waren das Maß, wenn auf dem Pfarrgutshof meines Großvaters in Schlesien Tauben serviert wurden. Ertragt die Wehrlosigkeit, das Ausgeliefertsein als Schwestern und Brüder Jesu, wenn es euch so trifft. Sie werden euch vor Tribunale, vor Volksgerichte zerren, und ihr werdet nichts dagegen tun können. Eure Vergehen werden sein, zu mir zu gehören, kündigt Jesus an.

In diesen Tagen, wo alle Welt nach Tibet blickt, bleibt weitgehend unausgesprochen, dass viele christliche Gemeinden in China zurzeit Schlimmes durchmachen. Vor allem die Hausgemeinden, die sich nicht unter den Schutz des chinesischen Quasi-Staatskirchensystems stellen. Im menschenreichsten Land der Welt sind die Verhältnisse regional verschieden. Aber wir wissen sicher, dass derzeit so viele Gemeindeleiter verhaftet oder bedroht werden, wie schon lange nicht mehr. Denn natürlich werden sich einige aus den Reporterheerscharen bei Olympia auch für die Christen in China interessieren. Und dann sollen alle Unangepassten hinreichend eingeschüchtert sein. Was bleibt diesen Schwestern und Brüdern anderes übrig, als vor Gerichten oder Parteibeamten zu ihrem Glauben und zu ihrer Gemeinde zu stehen und abzuwarten, was geschehen wird? In China muss ein Christenmensch mit schlimmen Dingen rechnen, wenn die Partei ihn im Visier hat. Aber das Leben steht nur sehr selten auf dem Spiel. Das ist im Irak anders. Einige der ältesten Kirchen der Christenheit sind im Gefolge des US-Krieges zwischen die verfeindeten muslimischen Fronten geraten. Verleumdungen der unsinnigsten Art, Versuche der Zwangsbekehrung zum Islam unter Todesdrohungen; viele Todesopfer, noch viel mehr Flüchtlinge. Dass Deutschland sich bereit erklärt, einen Teil dieser Kirche auf der Flucht aufzunehmen, ist nur recht und billig, so wie auch Verfolgte anderen Glaubens hier Zuflucht gefunden haben und auch künftig Aufnahme finden müssen.

Tribunale, die von Gewaltherrschern inszeniert werden, haben ein klares machtpolitisches Ziel: einschüchtern, Nachahmer abschrecken, öffentliche Meinung schaffen. Jesus nennt den möglichen Angeklagten einen ganz anderen Grund, warum sie sich dieser Konfrontation stellen sollen: „Ihnen und den Heiden zum Zeugnis.“ Euer Glaubensbekenntnis, nur in die Ohren von Verhörern und sog. Richtern gesagt oder auch der Nachwelt überliefert, wird etwas bewirken, heute oder in 50 Jahren, vor allem in den Herzen und Köpfen der „Heiden“. Heiden, dieses Wort mit seiner unglückseligen Bedeutungsgeschichte! Dabei meint es doch nur den Menschen, der nicht mit dem Gott der Bibel rechnet. Ansonsten mag er eine Persönlichkeit sein, die die Bewunderung der Welt verdient, oder eine graue Maus wie unsereins oder eine Plage seiner Mitmenschen. Was ihr sagt, über euch und Jesus, es wird Wirkung zeigen! Diese Gewissheit steht hinter der „Drei-Selbst-Regel“, an der sich ein großer Teil der Christenheit in China orientiert. Nach dem Ende der Missionskirchen in China nach der Errichtung der Volksrepublik besagte diese Regel: Selbstausbreitung; Selbstleitung; Selbstfinanzierung. Alles beginnt mit der Selbstausbreitung, in einem Land ohne Kirchenzeitung, Kirchentage und „Wort zum Sonntag“. Da sind die Worte und Taten derer, die zu ihrem Glauben stehen mussten, das wirksamste aller missionarischen Mittel, „ ihnen“, den nichtchristlichen Landsleuten „zum Zeugnis.“ Die Sache funktioniert. Das rasante Wachstum ist bekanntlich das größte Problem der Kirchen Chinas.

Wenn die Situation da ist, habt keine Angst, dass euch die richtigen Worte fehlen werden. Menschen haben sogar schon beredt geschwiegen und damit alles gesagt. Oder sie sind herausgeplatzt mit Worten, die im Gedächtnis der Christenheit und der Welt haften. So wie Lothar Kreyssigs tollkühner Satz: „Ein Führerwort schafft kein Recht.“ Den hat sich Bruder Lothar bestimmt nicht vorher überlegt. Konnte er gar nicht!

Sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden. Eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“

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