Urbi et orbi – Der Geltungsbereich des Weihnachtssegens

1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2004


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“

(Lukas 2,14)

Möge es nicht zu despektierlich klingen, aber in unserem Medienzeitalter nennt man so etwas eine gute Show. Wenn ihr euch nach unserem Weihnachtsgottesdienst etwas beeilt, könnt ihr sie noch mitkriegen. Ich meine den Segen „Urbi et orbi“, der Stadt Rom und dem Erdkreis. Papst Johannes Paul II wird ihn via Fernsehen wie immer zu Weihnachten spenden. Bewundernd werden die Reporter die Zahl der Sprachen nennen, in denen Bruder Johannes Paul die Menschen ansprechen wird. Unter 50 tut er´s nicht. Hoffen wir, dass seine Kräfte für diese große Geste noch reichen.

Eine gute Show, ohne Frage. Und keine Seifenblase, wie so vieles, was mit viel Tam-Tam über die Sender geht. Denn wenn es nach uns Christinnen und Christen geht, dann ist Weihnachten ein Segen für die ganze Welt. Nicht nur für unsere Gemein­schaft in den Kirchen aller Erdteile, sondern auch für alle unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe.

Weihnachten, die Geburt Jesu von Nazareth bedeutet ja: Gott wendet sich den Mühseligen und Beladenen dieser Welt zu. Er nimmt an ihrem Leben teil, schenkt ihnen als Kindern Gottes Würde, Sinn und Bedeutung. Jede und jeder von uns gehören zum Kreis der Beschenkten, wenn wir nur möchten. Jeder arbeitende oder arbeitslose Mensch darf sich zu den Hirten zählen; jeder nach Sinn und Ziel des Lebens Fragende zu den Weisen; jeder, der Verantwortung für andere tragen zu muss, darf sich den Eltern Jesu verbunden fühlen.

Der Papst wird die Medien nutzen, um diese Botschaft mit seinen Worten „Urbi et orbi“ in Erinnerung zu rufen, erneut zum Geschenk zu machen.

Urbs heißt Stadt. Unsere urbs heißt Magdeburg. Sie ist ein durch Weihnachten geseg­neter Ort. Und dieser Segen durchdringt das Gemeinwesen von unten nach oben. So wahr die Hirten und auch das junge Elternpaar seinerzeit zum Bodensatz ihrer Gesellschaft gehörten. Ich weiß nicht, ob und an wie vielen Orten in Magdeburg es gestern Weih­nachtsfeiern für Alleinstehende, Arme, Alte, für Menschen am Rande gegeben hat. Solche Feiern sind wichtig. Dass insbesondere christliche Gemeinden so etwas organisieren, ist wichtig für uns selber. Damit wir Weihnachten besser verstehen. Damit wir eine für die Sache Jesu nützlichere Gemeinde werden.

Orbis ist auf Latein der Erdkreis. Mehr noch im Ohr haben wir die englische Ablei­tung „orbit“, wenn in der Weltraumfahrt von Erdumkreisungen die Rede ist. Die ganze Welt, der ganze Blaue Planet, der vor der Schwärze des Alls leuchtet, ist Schauplatz und Geltungsbereich des Weihnachtssegens.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, weil Gott den Menschen sein Herz zugewandt hat.

Eins nicht ohne das andere. Gott mit uns, das ist immer der Gott des Friedens. Das war nicht immer Überzeugung und Erkenntnis der Glaubenden. Diese Gewissheit verdanken wir erst Jesus. Mehr noch als seine Worte – sein Tod am Kreuz steht dafür. Aber wie wir wissen, ist kaum etwas anderes vom Werk Jesu in seiner Kirche so umkämpft geblieben wie der Umgang mit seinem Gebot der Feindesliebe, mit seinem Verzicht auf den Schutz durch das Schwert des Petrus.

Aber die himmlischen Chöre sind eigentlich nicht misszuverstehen. Gott selbst sucht seine Ehre im Frieden. Und wir werden wohl erst dann zum Frieden fähig, wenn wir diesem Gott die Ehre geben. In dieser Spannung zwischen Himmel und Erde lebt unsere Kirche in aller Welt. Überall dasselbe Geschenk, dieselbe Herausforderung.

Überall heute dieselbe Gute Nachricht – in sehr verschiedenen Sprachen, wie es uns die päpstliche Segenspraxis eindrücklich vermittelt. Weil wir Deutschen, vielleicht sogar besonders wir Ostdeutschen z.Zt. sehr mit uns selbst beschäftigt sind, haben wir uns in der Welt etwas umgehört, wie denn 98,5% unserer Mitmenschen statt „Friede auf Erden“ sagen. Denn nur 1,5% können mit unserem schönen Deutsch etwas anfangen. Die Antworten, eingegangen in vielen Emails, Faxen und Telefona­ten, könnt ihr im Vorraum studieren, als Sterne am Himmel der Eine-Welt-Krippe von „Brot für die Welt“. Und hinter jedem dieser für uns bedeutungslosen, weil unverständlichen Sätze steht eine eigene Welt. Eine Welt, in der Christinnen und Christen das Weihnachtsge­schenk Gottes empfangen und versuchen, darauf mit dem Bekenntnis der Tat zu antworten.

Ein paar von mehr als hundert Beispielen, die der Markusgemeinde zugegangen sind. Da hören Christenmenschen Weihnachten 2004 die Worte „wá-sálaamú fil-árdh“. Und sie verstehen, denn es ist ihr Arabisch. Christen, die den Gott Jesu Allah nennen, weil das nun einmal das arabische Wort für Gott ist. Sie hören die arabischen Worte von Gottes Friedensverheißung heute in den Gemeinden Palästinas, in den Gemeinden des Irak. Auch viele Christen im Sudan verstehen Arabisch. Unsere Glaubensgeschwister in diesen arabisch sprechenden Ländern beweisen in diesen Zeiten von Krieg und Bürgerkrieg, dass sie sich die Verpflichtung auf den Frieden Gottes für diese Erde viel kosten lassen.

In den vietnamesischen Gemeinden hier in Ostdeutschland heißt es heute „binh an duôi dat“, Aussprache ohne Gewähr. Und die Gemeindeglieder müssen lernen, in Frieden mit uns Deutschen zu leben, obwohl sie gründlich unbeliebt sind.

„Amani duniani“ singen die Engel auf Kisuaheli in den Lehmkirchen im Osten des Kongo. So gut wie niemand sitzt in diesem christlichen Land im Weihnachtsgottesdienst, dessen Familie nicht in den grausamen Kriegsjahren seit 1994 Angehörige verloren hat und Entsetzliches mit ansehen musste.

Furchtbarer ist die Wirklichkeit vielleicht noch für die Gemeinden im benachbarten Ruanda. Sie hören auf Kinyarwanda „amahoro kw´isi“. Aber sie können niemals vergessen, dass die Kirchen selbst beim Völkermord von 1994 aus Orten der Zuflucht zu Schauplätzen des Gemetzels wurden. Und doch suchen sie Wege der Umkehr – um eines Tages wieder den Frieden Gottes für diese Erde bezeugen zu können. In vieler Beziehung gleicht ihr Weg dem unserer Kirche.

„Shi shang hé ping“ klingt es in chinesischen Gottesdiensten. So wie es aussieht, zeigen uns die Christinnen und Christen in China heute, wie eine vergleichsweise kleine Minderheit im größten Volk der Erde im Auftrag Jesu wirken kann, getreu seinen Vergleichen vom Salz und vom Sauerteig.

„Uxolo emhlabeni“ heißt es auf Xhosa, der Sprache des schwarzen Volkes in Südafrika, dem Nelson Mandela entstammt. „Friede auf Erden“ fordert in Südafrika die Zuwendung der Kirchen zum Millionenheer der von HIV und Aids Getroffenen. Sozialen Frieden gilt es anzustreben, der den Kranken nicht länger mögliche Hilfe vorenthält. Mehr vielleicht noch den Frieden für die Seelen, weil Kirchen lernen, nicht über die Opfer verurteilend zu reden, sondern mit ihnen in der Freundlichkeit Jesu. Das in Afrika berühmt gewordene Bekenntnis „Die Kirche hat Aids“ ist eine sehr gute Übersetzung von „Frieden auf Erden“.

Versuche ich mich zum Schluss noch an diesem fast unaussprechlichen Satz „vatca­no­yash´efna cotsjaat“. So soll es in einer der Sprachen der kleinen Indianervölker im Gran Chaco Argentiniens klingen, in der Gegend des Rio Pilcomayo. Diese Menschen sind keine Weltenbummler wie wir Reiseweltmeister. Sie leben ortsgebunden. Umso schlim­mer, dass ihr Fluss und ihr Wald von Vergiftung und Zerstörung durch Agrarindustrie bedroht sind, dass ihre Kinder in den Dorfschulen nur das völlig fremde Spanisch hören – bis jetzt nicht den Elan der Muttersprache zum Lernen nutzen können. Ihre Gemein­schaft wird durch das, was wir heute verallgemeinernd „Globalisierung“ nennen, um den Frieden gebracht. Ihnen will unsere Kirche durch die Aktion „Brot für die Welt“ zu Hilfe kommen. Deshalb steht an der Eine-Welt-Krippe den Januar über ein hölzerner Spenden-Esel.

Aber wie hat es in der Heiligen Nacht wirklich vom Himmel geklungen? Niemand weiß es. Denn das „epi gäs eiränä“ aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums ist nicht die Sprache der Hirten, nicht die Muttersprache der Familie Jesu, sondern Allerwelts­griechisch, wie es damals rund ums Mittelmeer gesprochen wurde, vergleichbar dem Allerweltsenglisch von heute. Schließlich wollte Lukas überall Leserinnen und Leser finden.

Sagen wir es so: wenn alle Sprachen der Welt nicht ausreichten, um unser Herz zu erreichen, dann hat Gott immer noch eine Sprache in Reserve – die ganz einzigartige Sprache, die du verstehst, die dich gewiss macht, dass du gemeint bist mit dem Versprechen „Frieden auf Erden“.

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