Verrat an Jesus – „Bin ich´s?“

Palmarum, 24. März 2013


Und als sie bei Tisch saßen und aßen, sprach Jesus: „Wirklich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: „Bin ich´s?“

(Markus 14, 18-19)

Das, wovor sich diese Männer fürchten, kann uns nicht mehr zustoßen. Wir können den Rabbi, Jesus aus Nazareth, der als Sohn des Josef bekannt war, nicht mehr verraten. Das war ihre Schreckensvision, nicht unsere. Sicherlich auch die der Frauen aus seiner Begleitung, wenn man sie aufgegriffen und ausgequetscht hätte. Wir wissen: es ist wirklich so gekommen. Einer hat ihn verraten, einmalig, so wie das Kreuz Jesu einmalig in der Geschichte steht; so wie wir alle Tag für Tag einmalige Entscheidungen treffen.

Die eigentliche Tat des Verrates ist merkwürdig banal. Den Rabbi Jesus zu verhaften, das wäre für die Tempelpolizei ja wohl eine Kleinigkeit gewesen. Der Verrat durch die orientalische Begrüßungsgeste des Kusses dient lediglich dazu, die Sache so geräuschlos wie möglich abzuwickeln – durch eine Behörde, die an ihre Leute weder Fahndungsfotos noch Phantombilder ausgeben kann. Das taktische Einsatzziel lautet, wie wir wissen: kein Aufhebens – kein Tumult. Judas Iskarioth enttarnt niemanden, der im Untergrund lebt. Er erleichtert nur einen polizeilichen Zugriff, der jederzeit möglich ist. Einem Täter mit diesem Profil dürfte es eigentlich nicht schwer fallen, das Maß seiner Schuld und Verantwortung klein zu reden: „Sie hätten ihn doch sowieso festgenommen. Und so ist niemand anderes zu Schaden gekommen!“ Judas hat kein Rechtfertigungsinterview gegeben. Da haben ungezählte Andere ganz andere Taten zu beschönigen versucht. Wir wissen: Judas ist trotzdem daran zerbrochen.

Gemäß den Gesetzen von Zeit und Zeitgenossenschaft können wir den Rabbi Jesus nicht mehr verraten. Aber was die Männer bei diesem Passahmahl, das zum Urbild unserer Tischgemeinschaft mit Jesus Christus geworden ist, quält, das peinigt Frauen und Männer zu allen Zeiten und auch heute an vielen Orten auf Erden: sie könnten zu Verrätern an ihren Freundinnen und Freunden werden, an ihren Weggefährten im Kampf um eine gerechte Sache! In dieser Woche war in manchen Zeitungen das Foto von Ewald-Heinrich von Kleist zu sehen. Das bullige Gesicht eines 90jährigen, der jetzt gestorben ist. Er war der letzte noch Lebende aus dem Kreis der Attentäter vom 20. Juli 1944; damals ein 22jähriger Leutnant, ein bekennender Gewissenstäter, was diese Sache angeht. Er wurde schnell verhaftet und hat unglaublicherweise überlebt. Viele der Gefangenen der Gestapo haben in ihrer Einsamkeit – vor und nach dem 20. Juli – nichts mehr gefürchtet als den eigenen Verrat unter der körperlichen und seelischen Folter. Den Gefangenen anderer Schreckensregime geht es nicht anders. Was weiß ich von den Grenzen meiner Widerstandskraft – besonders dann, wenn mir sowieso ein ängstlicher Geist im Nacken sitzt?

Damals in Jerusalem behält am Ende nicht Simon Petrus recht mit seiner Selbstüberschätzung: „Wenn auch alle anderen – ich jedenfalls nie!“ Die anderen, die sich selbst nicht über den Weg trauen, sie sind die Realisten. Für große Treuegesten ist nicht die Zeit, wenn es um Leben und Tod geht. „Da verließen ihn alle und flohen.“ Sie entziehen sich einer Personenfeststellung mit unkalkulierbarem Ausgang. Einer hat ihn aktiv verraten. Die Übergänge sind fließend. Den Gekreuzigten können wir nicht mehr verraten. Den Auferstandenen schon. Das ist unser Risiko. Das ist unsere Angst, je mehr uns am Christsein liegt.

Der Heilige Geist hat die Botschaft Jesu in Kraft gesetzt, nach den Stunden von Golgatha, nachdem Jesu Todesschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ auch den Ort größter Gottverlassenheit aus der Gottverlassenheit erlöst hat. Allen Sünden und Widersprüchen der Kirchengeschichte zum Trotz sind mit dem Auferstandenen die Verheißungen von Feindesliebe, Gerechtigkeit, Frieden, geteiltem Brot auferstanden. Die Botschaft von Gottes alternativem Reich lebt durch Worte und Taten begeisterter Menschen vieler Generationen – auch durch das, was sie sich weigerten zu tun. In der Summe nennen wir das die „Kirche Jesu Christi“ auf Erden. Und wir vertrauen darauf, dass ihr der Lebensatem nicht ausgehen wird, auch wenn einzelne Körperteile nur schwache Lebenszeichen zeigen. Könnten am Ende aber gerade wir es sein, die dem Auferstandenen und seiner Kirche den Boden unter den Füßen wegziehen? Bin ich es, der Menschen dazu bringt, über die Kirche Jesu Christi und ihren Herrn endgültig den Stab zu brechen? Nicht, weil sie einen Trend nachplappern; das wäre schon schlimm genug. Schlimmer, weil böse Enttäuschungen mit mir sie dazu treiben? Denn machen wir uns nichts vor: die ehrbaren Leute von Diesdorf mögen der Kirche Jesu Christi mehrheitlich offiziell fernstehen, wie sich das nach bald drei Generationen Faschismus und Sozialismus gehört. Nach Botschaften, wie sie wirklich „Mensch sein“ können, hören sie trotzdem nicht auf zu suchen. Darum behalten sie auch diesen ehrwürdigen Ort ihrer Geschichte im Auge, und vor allem uns, die wir hier gesehen werden.

Die Sache Jesu ist nach wie vor offen, in Diesdorf und auf Erden. Unser Gott will unverrückt, „dass allen Menschen geholfen werde.“ Ihm dabei in die Quere zu kommen, wäre schlimm, ist schlimm. Darum die Frage aus tiefer Verunsicherung des Glaubens: „Bin ich es, der den Jesus der Bergpredigt im Regen stehen lässt?“ Durch mein liebloses Urteil über einen Nächsten? Oder durch die unterlassene Hilfe, auf die jemand so sehr gewartet hat, jemand, den Gott gut kennt? Durch mein unübersehbares Vertrauen auf den Mammon und den Schutz der Waffen, was so gar nicht zu Jesus passen will? Durch den fehlenden Glaubensmut zu einem Nein, wo die meisten Ja sagen? Durch christlichen Religionstrott, der träge bleibt, wo Christus zum Aufbruch ruft?

„Bin ich es?“ Eine Frage für Erwachsene! Eine Frage für Christenmenschen, die sich selbst, ihre Nächsten, ihren Namensgeber Jesus Christus ernst nehmen. Eine Frage für Menschen, die sich nichts über sich selbst vormachen; die wissen, dass sie durch bittere Niederlagen gehen. Eine Frage für Menschen, die sich dabei auf eines verlassen können: dass Jesus, der Lebendige, ihnen die Treue hält und sie abholen wird, wohin auch immer sie sich verlaufen haben.

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