Vom Sinn der Passion Jesu

Karfreitag, 2. April 2010


„Die Evangelien sind Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung.“ So lautet einer der wenigen Lehrsätze aus dem Beginn meines Theologiestudiums, an die ich mich noch erinnere. Der Dozent meinte das ganz praktisch. Nimm z.B. das Markus-Evangelium, das wahrscheinlich älteste, und stelle fest: es hat 16 Kapitel. Und drei davon handeln von den letzten 72 Stunden im Leben Jesu von Nazareth. Drei Tage verglichen mit wahrscheinlich drei Jahrzehnten. Und etwas, woran unser Herz besonders hängt, das findet in zwei von vier Evangelien keinerlei Erwähnung: Jesu Geburt und Kindheit.

Diese Feststellung ist weit mehr als eine Äußerlichkeit. Sie weist uns den Weg des Glaubens. Sie führt uns, wie man heute zu sagen pflegt, zum Alleinstellungsmerkmal unseres Glaubens. Sie hilft zu verstehen, was uns zu Christinnen und Christen macht. Sie zeigt uns, gleichsam nebenbei, wie die Bibel unsere Bibel geworden ist.

Am Anfang steht tiefe seelische Erschütterung. Eine Sinnkrise der Art, die das Leben aus der Bahn werfen kann. Wir bekommen sie zu fassen in zwei Sätzen, die Bibel­leserinnen und Bibellesern vertraut sind. Bei der nächtlichen Gefangennahme Jesu heißt es, beinahe lapidar: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ Und auf dem Weg nach Emmaus klagen zwei Jünger ihrem unerkannten Begleiter ihrem Schmerz. Sie erzählen von ihrer Liebe zu Jesus und von seinem Tod. „Und wir hofften“, schließen sie „er würde Israel erlösen.“

Jesus hat sie alle im Sturm erobert. In der Fischerkolonie am Ufer des Sees Geneza­reth, an Zollstationen, sonstwo. Er sieht Menschen und sagt zu ihnen: „Folge mir nach.“ Männer, und genauso die Frauen, deren Berufungserlebnisse nicht besonders überliefert sind. Dass er Menschen in seinen Bann zu ziehen vermag, das macht Jesus nicht zur einmaligen Figur in der Geschichte des Glaubens. Was sie, die in die Jüngerschaft Berufenen mit ihm erlebten, darauf kam, darauf kommt es an:

Die Botschaft von Gottes Reich, das Freiheit bringt für die Gefangenen, Vergebung für Schuldbeladene, Brot für die Hungernden. Der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat. Der Verzicht auf das Schwert, der Glaube, der den Hilflosen alle Kraft schenkt, die sie brauchen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich hineinzufühlen in Menschen, die von diesen Erlebnissen und Erfahrungen be-geistert sind, buchstäblich. Ich bin ja selbst davon begeistert.

Und sie verlieren alles! Ihre ganze Hoffnung, irdisch oder himmlisch, wie auch immer sie gewesen sein mag. Schließlich lehrt sie Jesus selbst zu beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Der verzweifelte Protest gegen Jesu Bereitschaft, den Leidensweg zu gehen, klingt mehr als einmal auf: Alles, nur das nicht. Aber es kommt so. Der Prediger und Praktiker der großen Alternative, er endet sang- und klanglos. Verhaftung, Schnellprozess, Folter, Hinrichtung – so schnell, dass es auch heute als Blitzverfahren gelten würde. So schnell, damit möglichst rasch Gras wächst über die Affäre Jesus.

Menschen, die so einen schrecklichen Verlust, so eine bittere Enttäuschung erleiden, die verschließen den Schmerz meist tief in ihrem Herzen. Der Deckel des Schweigens hilft, weiterzuleben. Schweigen ist der Notbehelf für verletzte Seelen. Zu dem Ver­steck, das sie sich zu ihrer Sicherheit suchen, zu den verschlossenen Türen, die in den Osterge­schichten eine Rolle spielen, käme dann das Versteck für die Erinnerungen an das Leben mit dem, der so schrecklich geendet ist. Kaum, dass sie noch untereinan­der von früher reden. Mit Menschen, die nicht dabei waren – das täte zu weh.

Dass sie so zu reden vermögen über das Ende Jesu, so ehrlich, ohne sich selbst zu schonen, so genau, dem Schmerz standhaltend, das ist der erste Teil des Wunders, das ist wiedergewonnener Glaube, das ist ohne das Ostererlebnis überhaupt nicht vorstellbar. Erst der Freudenruf „Der Herr ist auferstanden“ macht es möglich und nötig, von Golgatha zu berichten.

Nein, natürlich nicht wie ein Gerichtsreporter. Der mag verantwortungsbewusst berichten. Aber er behält den Abstand, den sein Beruf vorschreibt. Nein, die Jesus-Leute, die den Auferstandenen getroffen haben, sie müssen verstehen um ihrer selbst willen. Ihr Glaube braucht die Antwort. Warum musste Christus leiden? Was ist der Wille Gottes daran? Was der Sinn?

Darum dieser Wirrwarr der Blickrichtungen, Akzente, Worte, Ereignisse, Deutungen in den vier Berichten von Jesu Verurteilung und Kreuzigung. Der Wille der religiösen Autoritäten, gegen Jesus vorzugehen, Verhöre und Folter, der Ort Golgatha, die Gruppenexekution von drei Männern, das Kreuz als Werkzeug, das Geschehen als Exekutivhandlung der römischen Oberherrschaft – ja, und die Hilflosigkeit der Jünger – viel mehr stimmt nicht überein. Vieles von dem vielen anderen scheint einfach nicht in ein und dieselbe Geschichte zu passen.

War Jesu Kreuzestod alles in allem ein Sieg, der endet mit dem Ruf „Es ist voll­bracht“ – so Johannes – oder durchleidet der Sterbende alle Qualen der Gottesferne. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So Matthäus, der hinzufügt: „Da schrie Jesus noch einmal laut und starb.“ Und auch die Zeugnisse der anderen beiden Evangelisten haben ein eigenes Profil. Nicht aus schriftstellerischem Ehrgeiz, sondern weil auch sie Wege beschreiben, auf denen sich unser Glaube dem Kreuz Jesu nähern kann.

Das Gemeinsame an den so verschiedenen Zeugnissen von Jesu Kreuzestod ist das Wichtigste, das Entscheidende. Solange wir uns an Jesus halten, vertrauen wir auf einem Weg Gottes mit den Menschen, der das furchtbarste Leid einschließt und trotzdem nicht scheitert. „Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes,“ schlussfol­gert Paulus später. Gottes Liebe, seine bedingungslose Vergebungsbereitschaft, seine Gerechtigkeit: diese Offenbarungen Jesu sind durch kein Todesurteil von Priestern oder Kaisern außer Kraft zu setzen. Sie gelten auch noch am Kreuz und danach, „alle Tage bis an der Welt Ende“. Nenne das einen Triumph, so wie Johannes oder schildere Jesu Todesqualen, wie die anderen, es gilt.

Das gilt es festzuhalten am Karfreitag: von allen großen Religionen, die Menschen­herzen gewonnen haben, ist unsere Glaubenshoffnung die einzige, die dem Tod nicht nur ins Auge blickt. Das müssen alle Religionen tun. Aber wir erleben den Tod des Einen als Sieg des Lebens, das Gott für alle bereit hält: Liebe, Vergebung, Gerechtig­keit – was sonst macht das Leben aus?

Der Osterglaube der ersten christlichen Generationen hat dies Geheimnis zu durch­drin­gen versucht. In den Evangelien lesen wir immer wieder die Formel, dies oder jenes im Leben Jesu sei geschehen, damit ein bestimmtes Wort der Propheten Israels sich erfülle. Und die Frage aller Fragen, sie lautete und lautet: Warum musste Christus leiden? Die Prophetenworte vom leidenden Knecht Gottes werden da zur entscheidenden Entdeckung und Hilfe für die verstörte Jesus-Gemeinde. Der Aufer­standene selbst spricht davon auf dem Weg nach Emmaus: „Musste nicht Christus so leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ So, durch diese Klammer, ist das Alte Testament, das Heilige Buch Israels, unverrückbar Teil unserer Bibel geworden.

Die frühe Christenheit musste dann unseren Glauben in wenigen Sätzen zusammen­fassen. Wir haben diese Sätze vorhin wiederholt, wie in fast allen Gottesdiensten. Ich meine das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis. Das ist ja kein Gebet, obwohl wir es dafür halten. Es ist die Quintessenz dessen, was unseren Glauben ausmacht. Im Gedächtnis zu haben, auszusprechen, wo immer wir auskunftspflichtig sind – nach innen und außen. Alles, was unser Leben trägt, ist da zusammengefasst in den drei Personen, die wir die Heilige Dreifaltigkeit, den Dreieinigen Gott, die Trinität nen­nen. Wirklich zu denken ist das für einen Menschengeist nicht. Die Dreieinigkeit ist ja auch nicht aus der Bibel abgeschrieben – sie ist eine Schlussfolgerung des Glau­bens.

Mich bewegt und überzeugt – nicht im Kopf, sondern im Herzen – wie unser Glaubensbekenntnis spricht vom Schöpfer, von Jesus, vom Geist Gottes: da ist keine fromme Zustandsbeschreibung, da bekennen Menschen, was geschehen ist und was geschieht. Unser Gott handelt, er hat etwas getan, er tut etwas. Und das Herzstück seines Tuns ist, dass er uns Jesus gegeben hat. Nicht umsonst ist der sogenannnte Zweite Artikel der längste in dem kurzen Glaubensbekenntnis.

Aber was bekennen wir da von Jesus von Nazareth? Ein Zitat aus der Bergpredigt? Z.B „Liebt eure Feinde“? Kein Wort. Dass er Hungrige satt gemacht und Tote auferweckt hat? Kein Wort. Sondern, er sei geboren von der Jungfrau Maria – und dann, das ganze Leben überspringend „gelitten unter Pontius Pilatus; gekreuzigt, gestorben und begraben.“

Das Wichtigste, das, was alles andere erst wertbeständig macht, das ist der Gottesgehorsam bis zum Tode am Kreuz. Dieser „Gehorsam bis zum Tode am Kreuz“ ist mächtig genug, das Herz Gottes zu bewegen zu dem Wunder der Auferstehung.

Und die ist ja nicht nur seine Auferstehung. Der Schlüsselsatz heißt ja: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Zum Reformationsgedenktag

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