Vom Teilen – Die Speisung der Fünftausend

7. Sonntag nach Trinitatis, 6. Juli 2008

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.

Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.

Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren. Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

(Johannes 6, 1-15)

In manchen Regionen Deutschlands nennen sie diesen Sommersonntag den „Brot­sonn­tag“. Denn er ist in der Gottesdiensttradition verbunden mit dem Evangelium von der Speisung der 5.000, so wie der Evangelist Johannes sie erzählt.

Innerhalb weniger Monate sind die Nahrungsmittel von neuem zum Menschheits­thema geworden. Bei uns als Frage nach den Preisen. Wer mit Kindern von Hartz IV leben muss: können solche Mütter und Väter ihren Kindern noch genug in ordent­licher Quali­tät auf den Tisch stellen? Wer während der Umbauzeit des Magdeburger Hbf im Ausweichbahnhof Buckau umsteigen muss, sieht in der Bahnhofshalle die Warteschlange vor der Ausgabestelle der Magdeburger Tafel, die dort untergebracht ist. Mancher der Wartenden schiebt einen Kinderwagen.

In anderen Weltgegenden geht es nicht um die schwindende Kaufkraft von Hartz IV. Es geht nicht um die Unentbehrlichkeit der neuen Armentafeln, die einem reichen Land wie unserem zur Unehre gereicht. Da ist einfach der Hunger wieder auf dem Vormarsch; mit seinem vollen unverblümten und entstellenden Krankheitsbild; mit den unerzählten Geschichten von Siechtum und Tod.

Seit Journalisten wieder über Hunger schreiben müssen, wiederholen sie eins ums andere Mal die Zahl von 853 Millionen akut Hungernden. Die hat natürlich nie einer Mensch für Mensch, Kind für Kind zählen können. Die Zahl ist das Ergebnis von Modellrechnungen mit Computern. Nur ist diese Zahl, 853 Millionen, längst Maku­latur und wieder deutlich über einer Milliarde. Das freilich sagen wir nicht so gerne. Denn mit solch einer wahrheitsgemäßen Zahl ist eben auch eine magische Grenze durchbro­chen. Weniger als eine Milliarde Hungernde – halb so schlimm! Nur, dass es nicht mehr stimmt!

Nahrungsmittelpreise, in letzter Konsequenz Hunger: der Kommentar Jesu mag in unseren Ohren klingen, als nähme er unsere Sorgen auf die leichte Schulter. Das Kopfzerbrechen von Politikern, Fachleuten, Bürgerinnen und Bürgern; den Kampf um das richtige Konzept; freies Spiel von Angebot und Nachfrage oder staatliche Eingriffe? Gentechnik oder Förderung der bäuerlichen biologischen Landwirtschaft? Jesus stellt zwar die Frage aller Politiker von Ägypten bis Haiti: „Wo kaufen wir Brot, damit die Leute zu essen haben?“ Aber dem Evangelisten ist wichtig festzustellen, dass Jesu Frage eigentlich nur rhetorisch zu verstehen ist. Er weiß längst – sicher und zweifelsfrei – was er tun wird.

Den Hunger einer Volksmenge stillen? Für ihn letztlich nur ein Kinderspiel. Die Vorräte aus der Campingtasche einer Familie, leicht genug, dass ein Kind sie tragen kann, sie werden reichen: fünf landesübliche Brotfladen vom heißen Stein, nicht zu verwechseln mit unseren 1,5-Kilo-Broten vom Bäcker. Und als kleines Zubrot noch ein Happen Fisch, geräuchert, getrocknet; vielleicht, wie meist auf unseren Abbildun­gen, auch noch frisch vom Fang der letzten Nacht. Dann müsste jemand erst noch ein Grill-Feuerchen machen.

Doch wie gesagt: worüber wir uns den Kopf zerbrechen, was den Jünger Philippus zu einem hektischen Kostenüberschlag veranlasst: für diesen Jesus, der sich mit seinem Gott eins weiß, ist es ein Kinderspiel.

Der Erzähler macht sich fast mehr Sorgen um die Qualität des Lagerplatzes, als darum, wie Jesus es fertig bringt, dass die Leute satt werden. Der Grasboden lädt dazu ein, dass sich auch ohne Tische Tischgemeinschaften bilden. Niemand isst für sich allein. In der knappen Erzählweise des Johannes bleiben die Jünger als Bedienungspersonal im Gegensatz zu den anderen Evangelien unerwähnt. Jesus persönlich, so scheint es, teilt nach dem Segensgebet die Mahlzeit an alle Sitzgruppen aus. Die Anspielung an das letzte Passahmahl Jesu, von uns das „Abendmahl“ genannt, ist naheliegend und gewollt.

Die Aufforderung Jesu, sich um die übrig gebliebenen Brocken zu kümmern, ist in den christlichen Volksmund deutscher Sprache eingegangen – wenigstens überall dort, wo die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel Freundinnen und Freunde haben. „Sammelt die übrigen Brocken…“ Diese Anweisung Jesu setzte Friedrich von Bodelschwingh über die berühmte Brockensammlung, die Mutter aller Recycling- und Second-Hand-Unternehmungen.

Zu meinem Kindergottesdienst als Kind wie als junger Pastor gehörte der Sammel­karton für abgestempelte Briefmarken: Nachschub für die Briefmarken-Sammelstelle der Brockensammlung. Und wir Kinder lernten staunend, wie viele Krankenschwe­stern im missionsärztlichen Dienst sich allein aus den Erlösen der Briefmarken­sammelstelle finanzieren ließen.

Die Brockensammlung Jesu ist nicht nur lebenspraktisch und respektvoll im Umgang mit hart erarbeiteter Nahrung. Sie ist auch Botschaft und Programm. Zwölf Körbe voll, zwölf Stämme Israels, zwölf Apostel als Botschafter des neuen Bundes: 12 ist die Zahl der ungeteilten Gemeinschaft des ganzes Volkes Gottes. Zwölf Körbe voll nahrhafter Brotbrocken, jenseits der Hygienevorschriften des Gesundheitsamtes (die bei wirklichem Hunger automatisch außer Kraft treten), ist das ein überzeugendes Vertrauen erweckendes Versprechen für dem kommenden Tag. Es wird auch dann genug für alle da sein. Es ist schon jetzt genug für morgen da!

Wenn mich etwas an dieser mutmachenden Johannes-Erzählung irritiert, dann ist es die ungeheure Überlegenheit, die Jesus hier zugesprochen wird. Er braucht die Unterstüt­zung, das Vertrauen seiner Jünger nicht. In den anderen Fassungen des Speisungswun­ders (Matthäus, Markus, Lukas) stützt sich Jesus viel mehr auf das Vertrauen und die Mitwirkung der Jünger.

Aber die unangefochtene Vollmacht Jesu ist im Johannesevangelium ja immer zu­gleich Ausdruck der göttlichen Allmacht. „Ich und der Vater sind eins.“ So sind Jesu Hände, die – neuzeitlich gesprochen – bis zur Sättigung Kohlehydrate und Eiweiß austeilen, die Werkzeuge, durch die der Schöpfer an diesem Tag diesen Men­schen gegenüber seine Zusagen einlöst, die Zusage, dass Menschen und auch ihre Mitge­schöpfe heute und morgen finden werden, was sie zum Leben brauchen. Der Reichtum des Schöpfers färbt ab auf die Schöpfung.

Dabei haben Menschen schon zu Jesu Zeiten den freigebigen Gott bloßgestellt, wenn sie ihren Mitmenschen in den Kriegen das Brot raubten oder verbrannten; wenn sie in Zeiten des Mangels Wucher trieben; wenn sie den Arbeitern gerechten Lohn verwehrten. Die selben Schandtaten rund um das täglichen Brot, die auch heute den Hunger anfachen.

Gott hat deshalb angesichts menschlichen Unrechtes seine Zusagen nicht widerrufen. Er hat Israel stattdessen Gesetze zum Schutz des Rechtes auf Nahrung für alle gege­ben. (Beispiele) Und durch den Mund der Propheten hat er Ausbeutung und Wucher beim Namen genannt.

Nicht anders heute. Dabei wirken die Kernaussagen der modernen Ernährungs­wis­sen­schaft wie ein wohlklingendes Echo auf die biblischen Zusagen: Es wird genug für alle da sein, auch in einer und zwei Generationen. Gottvertrauen und wissen­schaftliche Erkenntnis treffen sich, was das betrifft. Es wird genug für alle da sein, sagen beide. Vorausgesetzt, Produktion, Nutzung und Verteilung des täglichen Brotes geschehen so, wie Liebe, Gerechtigkeitssinn und Vernunft es verlangen – sowieso verlangen.

Ein paar dieser Voraussetzungen, über die wir in den kommenden Jahren in Schule, Universität, Fernseh-Talkshows, Politik und christlichen Gemeinden noch oft reden werden: Es wird genug für alle da sein, wenn wir nicht zulassen, dass Agrarsprit für unsere Autos das Nahrungsangebot für den ärmsten Teil der Menschheit weiter verknappt. Im Moment ist die Gefahr riesengroß. Es wird genug für alle da sein, wenn wir unserer Überangebot an Fleischgerichten nicht durch Verfüttern unvor­stell­barer Mengen von Menschennahrung, z.B. Weizen, Soja, Mais möglich machen. Gegenwärtig tun wir das – zum Schaden aller Betroffenen. Es wird genug für alle da sein, wenn die normale Bauernfamilie in Afrika wie bei uns nicht durch eine Land­wirtschaftspolitik im Zeichen des Mammon überrollt und erdrückt wird. Noch ist es so. Es wird genug für alle da sein, wenn das weltliche Menschenrecht auf Nahrung und Gottes Zusage des täglichen Brotes für alle seine Menschen Maßstab für unser Tun und Unterlassen werden.

Ein bisschen ist es sogar wie mit Jesus in der Erzählung des Johannes: soweit mensch­li­che Erkenntnis überhaupt reicht, wissen wir, was zu tun ist. Und täten wir es um der Kinder – aller Kinder – willen, wäre es auch kinderleicht.

Kein Zweifel ist möglich, dass Jesus angesichts der globalen Nahrungsmittelkrise, die nicht vorbeiziehen wird wie ein Gewitterschauer, auf seine Gemeinde in aller Herren Länder schaut. Für diese christliche Ökumene ist uns das Bild des Schiffes vertraut: „Das Segel ist die Liebe, der Heil´ge Geist der Mast“. Nehmen wir heutzu­tage statt des Segels den Motor. Sonst bleibt alles beim Alten.

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